Der unverhohlene Aufruf von US-Präsident Joe Biden zum Sturz des russischen Präsidenten Wladimir Putin am Wochenende in Warschau hat nicht nur in Moskau die Alarmglocken schrillen lassen: Auch in Peking und Ankara registrieren die Regierenden mit höchster Aufmerksamkeit, dass sich der russische Angriff gegen die Ukraine zu einem Konflikt der Systeme auswachsen könnte, bei dem der demokratisch-freiheitliche Westen und autoritär geprägte Systeme aus anderen Weltgegenden um die neue „Weltordnung“ streiten. Die regierungsnahe türkische Zeitung Sabah vermeldete in einem Editorial einen Spruch des US-Präsidenten, den dieser vergangene Woche beim vierteljährlichen Treffen des Business Roundtable getätigt hatte: Es sei „jetzt eine Zeit, in der sich die Dinge ändern“. Biden: „Es wird da draußen eine neue Weltordnung geben, und wir müssen sie anführen. Und wir müssen den Rest der freien Welt vereinen.“

Die türkische Zeitung interpretierte die Erwähnung des ideologisch besetzten Begriffs „Weltordnung“ als Kampfansage an Putin. Der russische Präsident möge auf der Hut sein, schrieb die Zeitung: Wenn er den Krieg in der Ukraine nicht erfolgreich beende, drohten ihm „Farbenrevolutionen“ – also von außen angestachelte Umsturzversuche. Das Nato-Mitglied Türkei mahnt vor einem vom Westen angezettelten „regime change“ aufgrund einer vermeintlich eigenen Erfahrung: Der vor einigen Jahren von Präsident Recep Tayyip Erdogan niedergeschlagene Putsch, der offiziell von der „Gülen-Bewegung“ ausgegangen sein soll, war nach türkischer Lesart von „den Amerikanern“ inszeniert worden, um Erdogan zu stürzen. Es gab schwerste Verstimmungen zwischen Washington und Ankara, ein Bruch konnte nur mit Mühe verhindert werden.

Erdogan nützte den Putsch jedoch zu einem radikalen Umbau der Türkei in Richtung eines autoritären Systems. Nun vermittelt die Türkei zwischen Russland und der Ukraine. Am Dienstag und am Mittwoch werden sich die Unterhändler aus Kiew und Moskau in Istanbul treffen. Auch wenn keine Ergebnisse erwartet werden: Die Allianz zwischen der Türkei und Russland wird durch die Initiative gefestigt. Für Putin dürften nach dem Biden-Auftritt in Warschau auch Erdogans Insider-Kenntnisse im Hinblick auf die Instrumentalisierung eines Putschversuchs interessant sein – seien die Putschisten nun vom Westen gesteuert oder nicht.

In Peking will man sich auf den Kampf der Systeme erst gar nicht einlassen: China wolle nicht in die Falle „Demokratie versus Autoritarismus“ tappen, schrieb die staatliche Zeitung China Daily in einem Editorial am Montag. Vor einem Videogipfel mit der EU am Freitag erinnerte Peking Brüssel und die europäischen Hauptstädte daran, dass die Biden-Administration die „America First“-Strategie nicht aufgegeben habe und „hegemoniale Interessen für die USA immer an erster Stelle stehen“. Das Vorgehen der Amerikaner bestehe darin, dass die USA „keine große Verantwortung für die Krise übernehmen wollen“, aber hoffen, dass die EU „den Schlamassel bereinigen würde“. China hatte sich bereits einige Tage zuvor deutlicher auf Distanz zu den USA begeben.

Seit Langem unterstützt Peking die Behauptung Russlands, die Nato habe den russischen Angriff auf die Ukraine mit der Osterweiterung ausgelöst. Nun richtet sich, wie die Financial Times (FT) berichtet, der Blick auf eine „indopazifische Nato“, die China bedrohe und das Land zwingen könnte, sich vom Westen abzukoppeln und Selbstversorgung in allen Bereichen zu erreichen, von der Ernährung bis zur Halbleiter-Industrie.

Die Präsidenten Xi Jinping und Biden hatten während eines zweistündigen Telefonats am 18. März festgestellt, dass China nicht bereit ist, die westliche Sichtweise auf den russischen Angriff zu übernehmen, und sich vor allem weigert, Sanktionen mitzutragen oder gar selbst zu verhängen. Die chinesische Führung sieht die Gefahr, dasselbe Schicksal zu erleiden wie Putin - weshalb Peking den Kriegsherrn im Kreml stützen dürfte, so lange es geht. Hu Xijin, der frühere Chefredakteur der staatlichen chinesischen Global Times schrieb in einem Kommentar, die enge Partnerschaft zwischen Xi und Putin könne China im Fall eines „strategischen Showdowns“, etwa um Taiwan, sehr nützen: „Wenn die USA maximalen strategischen Zwang gegen China ausüben, wird China mit Russland als Partner keine Angst vor einer US-Energieblockade haben, und unsere Nahrungsmittelversorgung wird sicher sein. Das gilt auch für unsere Versorgung mit anderen Rohstoffen.“ Erst wenige Tage vor Kriegsbeginn hatte China seine Importgrenzen für Weizen aus Russland aufgehoben.

Die chinesische Sorge richtet sich gegen die von Donald Trump entwickelte Strategie des „freien und offenen Indopazifik“, die darauf abzielt, die USA, Japan, Australien und Indien in einer Front gegen China zu vereinen. Zuletzt hatte das mit den Briten beschlossene Militärbündnis AUKUS diese Sorge in Peking bekräftigt: Man sieht eine Allianz vor der eigenen Haustür und warnt vor Interventionen. Peking wird nicht müde, den Westen zu attackieren: „Die Nato hat sich weiter verstärkt und erweitert und militärisch in Ländern wie Jugoslawien, Irak, Syrien und Afghanistan interveniert“, sagte Vize-Außenminister Le Yucheng einen Tag nach dem Aufruf des Präsidenten laut FT. Die Indopazifik-Strategie sei genauso gefährlich wie die Nato-Strategie der Osterweiterung in Europa.

In einem Versuch, Bidens „wirklichem Ziel“, „eine indopazifische Version der Nato“ zu errichten, entgegenzuwirken, traf sich der chinesische Außenminister Wang Yi am Freitag zu einem bis zuletzt geheim gehaltenen Gespräch mit seinem indischen Amtskollegen Subrahmanyam Jaishankar in Neu-Delhi. Bei dem Besuch betonten beide Seiten, dass man zusammenarbeiten wolle, um eine stabile Achse in Asien bilden zu können. Noch gibt es Streit um einen Teil der Grenze. Doch beide Seiten sagten, man wolle die Differenzen überwinden und zusammenarbeiten.

Am Dienstag sprach Wang vor der Organisation für Islamische Zusammenarbeit in Islamabad, wo er 400 Milliarden Dollar für chinesisch geführte Projekte in 54 islamischen Ländern ankündigte. China, Indien und Pakistan, die zusammen eine Bevölkerung von drei Milliarden Menschen haben, haben sich bei der UN-Resolution zur Verurteilung der russischen Invasion in der Ukraine der Stimme enthalten.

Ni Lexiong, ein unabhängiger Militäranalyst in Shanghai, sagte, China müsse bei der Beurteilung der Lage in der Ukraine und ihrer Beziehung zu Russland eine langfristige Perspektive einnehmen. „Wenn wir die Ukraine-Krise nicht richtig handhaben, wird der Westen China in 30 Jahren genauso behandeln wie Russland“, sagte Ni der FT.

Kremlsprecher Dimitri Peskow sagte am Montag laut der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass, dass die russische Regierung die Aussagen Bidens über den Sturz Putins zur Kenntnis genommen habe und diese naturgemäß Sorge ausgelöst hätten.