Etwas hat sich schon geändert im Amateurbox-Weltverband AIBA. Wer je versuchte, den langjährigen Präsidenten Anwar Chowdhry zu kontaktieren, konnte verzweifeln. Bei Chowdhrys Nachfolger Ching-Kuo Wu, einem Architekten aus Taiwan, läuft das so: Man schickt ihm eine Email, die er prompt beantwortet; und kaum ist man am nächsten Morgen im Büro eingetroffen, ruft das IOC-Mitglied bereits an. Dr. Wu meldet sich aus Los Angeles. Seine Botschaft: "Die Leute sollen nicht länger glauben, die AIBA sei ein korrupter Verein."Herr Wu, warum wurde Generalsekretär Doganeli suspendiert?Ich wurde im November 2006 zum Präsidenten gewählt. Auf diesem Kongress in Santo Domingo wurde ja kein Finanzbericht vorgelegt. Also war es meine erste Aufgaben, unabhängige Rechnungsprüfer anzufordern. Wir haben die Akten im AIBA-Hauptquartier von PriceWaterhouseCoopers prüfen lassen. Das hat sehr viele Fragen aufgeworfen. Der Umgang mit den Finanzen der AIBA zeichnet meiner Meinung nach ein klares Bild.Werden die Unterlagen der gesamte Chowdhry-Ära geprüft?Nur die letzten vier Jahre.Aus AIBA-Quellen heißt es, bei Doganeli gehe es um mehr als eine halbe Million Dollar, bei Chowdhry wahrscheinlich um mehrere Millionen.Ich spreche nicht über Zahlen, ich kenne sie gar nicht. Ich habe, wie alle Kollegen im Exekutivkomitee, ja nur einen Kurzbericht der Prüfer gehört. Es geht um viele Unregelmäßigkeiten und wohl auch um Unterschlagung. Es sind ernste Vorwürfe, sehr gut dokumentiert. Die Buchprüfer haben viele Personen interviewt, auch die Herren Chowdhry und Doganeli. Aber die Auskünfte waren offenbar nicht überzeugend. Der gesamte Bericht, ein sehr dicker übrigens, wurde unserer Ethikkommission übergeben, die eine vorläufige Empfehlung ausgesprochen hat. Deshalb wurde Herr Doganeli suspendiert. Er kann sich nun verteidigen und alle Vorwürfe aufklären.Es ist nicht etwa die IOC-Ethikkommission damit befasst?Nein, das ist ein Missverständnis. Der Fall liegt in den Händen der AIBA-Ethikkommission. Die wird vom langjährigen IOC-Generaldirektor François Carrard geleitet. Wir warten nun auf die abschließenden Empfehlungen. Ich denke, im Mai oder Juni werden wir auf einer außerordentlichen Sitzung des Exekutivkomitees entscheiden müssen.Also noch vor der IOC-Vollversammlung in Guatemala, auf der Sie Anfang Juli gern eine erneuerte AIBA präsentieren würden.Wir haben in der Tat schon viel erreicht für unseren Sport. Jedem unserer 197 Nationalverbände können wir Ausrüstung im Wert von 5 000 Dollar schicken. Wir haben unsere Regeln transparenter gemacht. Bei der Frauen-WM in Indien und den Asienspielen in Katar wurde ganz offen gewertet: Jeder Aktive, jeder Zuschauer, jeder Offizielle war jederzeit über die Zwischenstände informiert. Es gab keine Beschwerden. Das wird nie wieder anders sein. IOC-Präsident Jacques Rogge hat anderthalb Stunden zugesehen. Er war sehr beeindruckt. Wir erleben ein anderes Boxen. Die Zeit der Mauscheleien von Kampfrichtern und Funktionären ist vorbei. Dieses Versprechen habe ich gemacht, ich werde es halten.Haben Sie Kontakt zu Chowdhry?Er ist ein alter und kranker Mann. Er hat mir eine Email geschickt und seine Unterstützung versprochen. Er hat auch einige Briefe geschrieben, in denen er auf die Unterschlagungsvorwürfe eingegangen ist. Ich habe diese Post an die Buchprüfer weiter gereicht.War es wirklich nötig, sich mit Doganeli zu verbünden, um die Macht übernehmen zu können?Ich arbeite mit allen Menschen zusammen, die ein ehrliches Interesse am Boxsport haben. Aber sie müssen sauber und transparent agieren. Herr Doganeli wurde bisher von keinem Gericht verurteilt.Warum haben Sie sich noch nicht vom AIBA-Vizepräsidenten Gafur Rachimow getrennt, der als "Pate von Taschkent" bezeichnet wird, der laut Polizeiberichten angeblich im mittelasiatischen Drogenhandel eine große Nummer sein soll.Ich kenne diese Vorwürfe, und ich bin vorsichtig. Ich will die AIBA säubern. Aber ich brauche bessere Beweise. Auch Gafur Rachimow wurde bisher nie verurteilt.Den russischen Verbandspräsidenten Eduard Kusainow haben Sie allerdings aufgrund von Zeitungsberichten suspendiert. Hat das damit zu tun, dass Kusainow Sie scharf kritisierte, Rachimow aber mit Ihnen zusammenarbeitet?Es gab in der Tat die öffentliche Information, wonach Kusainow in terroristische Aktivitäten verwickelt sein soll und deshalb zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Wir haben ihn um eine Erklärung gebeten. Er hat nichts Substanzielles gesagt. Wir haben eine halbe Stunde lang gefragt. Er hat nicht geantwortet. So haben wir einstimmig entschieden. Auch dieser Fall liegt bei der Ethikkommission. Das hat überhaupt nichts mit seiner Kritik an meiner Arbeit zu tun. Mir wird ja auch vorgeworfen, dass ich Ho Kim (umstrittener Wahlkampfmanager von Ching-Kuo Wu/d. R.) zum Geschäftsführenden Direktor der AIBA gemacht habe. Das ist ebenfalls Unsinn. Denn diese Personalie wurde auf einer Exekutivsitzung von Leuten bestätigt, die mir nun deshalb Vorwürfe machen.Sportpolitik ist kompliziert.Ich weiß, dass die AIBA gerade in Deutschland sehr kritisch gesehen wird. Fragen Sie doch Gerhard Heiberg aus Norwegen, der unsere Reformkommission leitet. Sie wissen, dass er zu den angesehensten IOC-Mitgliedern gehört. Er hat sich immer für Transparenz im Boxen eingesetzt. Er weiß, dass es mir nur um die Zukunft des olympischen Boxens geht. Ich habe keine finanziellen Interessen an diesem Amt. Gerhard Heiberg traut mir, jeder kann mir trauen.Sie sind zumindest das einzige IOC-Mitglied, das all seine Telefonnummern und Email-Adressen auf seiner eigenen Webseite bereitstellt.Ich bin total transparent und offen. Mit mir kann man jederzeit reden. Die Zeiten, als in der AIBA nur eine Stimme gehört wurde, sind ein für alle Mal vorbei. Ich hasse Leute, die ständig Lügen verbreiten.Das Gespräch führte Jens Weinreich.------------------------------Im Reich der PatenAIBA: Der Weltverband der Amateurboxer wurde 1946 gegründet und hat seinen Hauptsitz wie die meisten der 35 olympischen Sportverbände in der Schweiz, in Lausanne. 1986 übernahm der Pakistani Anwar Chowdhry, langjähriger Mitarbeiter der sportpolitischen Abteilung von Adidas, die Macht und herrschte bis 2006.Vermächtnis: Chowdhry hinterließ in jeder Beziehung ein Chaos. Korruption, Bestechung, finanzielle Misswirtschaft, Kampfrichtermanipulation - dafür steht die Abkürzung AIBA. Leidtragende sind die Sportler.Ching-Kuo Wu: Der neue Präsident aus Taiwan, 60, will die olympische Zukunft des Boxens sichern und muss dazu die Ära Chowdhry aufarbeiten. Er hat sich aber auch mit Chowdhry-Getreuen verbündet.------------------------------Foto: Machtwechsel: Ching-Kuo Wu auf dem AIBA-Kongress im November in Santo Domingo, gefeiert von seinen Anhängern.