DARMSTADT. Die Raumfahrt gefährdet sich selbst: Denn immer mehr Trümmer alter Satelliten oder Raketenstufen fliegen durch das Weltall und drohen, mit intakten Satelliten oder der Raumstation ISS zu kollidieren. Die ständig wachsende Menge an Weltraumschrott könnte die Raumfahrt zum Erliegen bringen, warnen bereits die ersten Experten.Etwa 12 500 Trümmer, die größer sind als zehn Zentimeter Durchmesser - das entspricht ungefähr einer Grapefruit -, umschwirren derzeit den Erdball. Und jedes Jahr kommen 200 Teile hinzu. Ihre Umlaufbahnen beobachtet das US-amerikanische Space Surveillance Network per Radar und Teleskop. Deshalb können Raumfahrzeuge rechtzeitig Ausweichmanöver fliegen. "Etwa ein Mal im Jahr muss die ISS einem solchen Bruchstück ausweichen", sagt Eric Christiansen, Weltraumschrott-Experte der US-Luft- und Raumfahrtbehörde Nasa. Die Station werde dann um einige Kilometer verschoben. Auch Satelliten müssen immer wieder ausweichen. Christiansen ist einer von 300 internationalen Wissenschaftlern, die sich noch bis heute auf einer Konferenz am Europäischen Raumflugkontrollzentrum in Darmstadt mit dem orbitalen Müll beschäftigen. Seit Montag diskutieren die Experten aus rund 20 Staaten, wie sich die Umlaufbahnen von dem Treibgut säubern lassen.Auf den SatellitenfriedhofDenn obwohl Ausweichmanöver möglich sind, ist es seit Anfang der Neunzigerjahre schon zu mehreren Kollisionen zwischen intakten Satelliten und Trümmern gekommen. Vor Kurzem stießen sogar erstmals zwei Satelliten zusammen und killten sich dabei gegenseitig: Der intakte amerikanische Satellit und der seit fast 15 Jahren stillgelegte russische Militärsatellit, die am 10. Februar zusammenprallten, zerbarsten in mehr als 600 Einzelteile.Doch nicht nur große Stücke sind eine Gefahr - auch Trümmer, deren Durchmesser kleiner als zehn Zentimeter ist, können große Schäden beispielsweise an Sonnensegeln oder Verkleidungen anrichten. Hunderttausende Müllteile schwirren durch den Kosmos, die meisten nicht größer als Kieselsteine. Etwa 600 000 bilden regelrechte Schrottwolken, die sich ausgerechnet dort ausbreiten, wo die meisten Satelliten unterwegs sind: In einer Höhe bis 2 000 Kilometer, wo vor allem Erdbeobachtungssatelliten ihre erdnahen Bahnen ziehen. Eine zweite Wolke gibt es in der sogenannten geostationären Bahn in 36 000 Kilometern Höhe, wo Kommunikations- und Wettersatelliten die Erde umkreisen.Die ISS schützt sich mit speziellen Schilden, die Keramik und Kevlar enthalten, vor den kleinen Schrott-Geschossen. "Allerdings gibt es einige schwache Stellen in einem russischen Modul", sagt Christiansen, der Weltraumschrott-Experte der Nasa. Es sei aber damit begonnen worden, diese Schwachstellen zu verstärken. Viele Satelliten sind aber schutzlos: "Die kleinen Trümmer können einen Satelliten lahmlegen, wenn sie wichtige Komponenten treffen", sagt Weltraumschrott-Experte Holger Krag von der europäischen Raumfahrtorganisation Esa. Wie oft das passiert, könne man nicht sagen, aber es gebe immer wieder Satelliten, die plötzlich den Geist aufgeben - möglicherweise nach dem Zusammenprall mit solchen Teilchen.Die Esa hat daher dem Weltraumschrott den Kampf angesagt: So ging es bei der Konferenz in Darmstadt auch darum, dass Europa ein eigenes System zur Erfahrung und Kontrolle des kosmischen Treibguts aufbaut. Denn bisher ist die Esa auf Daten der US-Behörde Nasa angewiesen.Schon seit einigen Jahren versucht die europäische Raumfahrtorganisation, die Explosion von Satelliten im Orbit zu vermeiden - eine Hauptursache für den Trümmerschwarm im All. "Wir blasen den Resttreibstoff ins All und entladen Batterien, sodass keine Energiequelle mehr für die Explosionen da ist", sagt Krag. Der geostationäre Orbit wird von ausgedienten Satelliten befreit, indem diese ihre letzten Treibstoffreserven nutzen, um in eine Höhe von 36 300 Kilometer gebracht zu werden - gewissermaßen auf einen Satellitenfriedhof. Ansonsten könnten sie mit intakten Satelliten kollidieren, weil sie ohne Antrieb nicht mehr kontrollierbar sind.Die Vorsichtsmaßnahmen stellen Krag aber nicht zufrieden: "Sie werden nicht ausreichen", sagt der Luft- und Raumfahrt-Ingenieur. Seine Modellrechnungen hätten ergeben, dass sich die Zahl der Weltraumtrümmer trotzdem weiter vermehren werde. Der Grund: Immer wieder kollidieren Bruchstücke mit Bruchstücken und zerbrechen dabei; die Trümmer vermehren sich selbst. "Außerdem gibt es im geostationären Orbit viele Satelliten, die nicht angehoben werden können, weil sie ausgebrannt sind", sagt Krag. Außerdem würden nicht alle Betreiber ihre Satelliten anheben, weil mit dem dafür nötigen Treibstoff ein Monat Regulärbetrieb möglich sei und die Unternehmen nicht auf den Gewinn verzichten wollten. "Leider gibt es keine verbindlichen Gesetze, die das Anheben vorschreiben", beklagt Krag.Krag sieht nur einen Ausweg aus der Misere: "Alte Satelliten und Trümmer müssen aktiv aus dem Orbit geholt werden", sagt er. "Nur so ist es möglich, das Anwachsen des Weltraumschrotts aufzuhalten", sagt er. Das Szenario: Abschlepp-Raumfahrzeuge sollen zu den ausgedienten Satelliten fliegen, sie greifen und aus der Gefahrenzone schleppen. "Niedrig fliegende Satelliten sollen nach unten in die Atmosphäre geschleppt werden, wo sie dann verglühen. Satelliten, die höher als 1 600 Kilometer um die Erde kreisen, sollen noch weiter nach oben in einen Friedhofsorbit gebracht werden", sagt Krag.Eine Mission pro JahrDas Problem dabei sei, dass die Satelliten keine Andockstelle für den Abschleppdienst hätten und zudem oft taumelten, sagt Krag. "Deshalb müssen Greifroboter entwickelt werden, welche die Satelliten selbstständig dort greifen, wo es geht", erläutert Krag. "Eine solche Abschlepp-Mission wird pro Jahr nötig sein", sagt Krag. Die Kosten schätzt er auf mehrere hundert Millionen Euro pro Mission.Die Technik müsse erst noch entwickelt werden, was noch etwa zehn Jahre dauern werde, berichtet Krag. Aber vielleicht kann es schon früher losgehen: Nicht taumelnde Alt-Satelliten im geostationären Orbit könnten auch mit einem Spezialsatelliten beseitigt werden, den die Firma Kayser-Threde aus München entwickelt hat. Der Satellit Smart-Olev ist eigentlich dafür gedacht, die Lebenszeit von ausgebrannten Kommunikations-Satelliten zu verlängern, indem er an die Antriebslosen dockt, einen Greifer in eine nutzlos gewordene Antriebsdüse schiebt und ihn spreizt, bis er festsitzt. Mit Hilfe seines eigenen Triebwerks kann Smart-Olev den anderen Satelliten wegschieben. 2012 soll der erste einer Flotte von 20 Smart-Olevs in den Orbit gebracht werden. Sie könnten dann die ersten Satelliten in den Friedhofsorbit bringen.------------------------------ZWISCHENFÄLLEKnapp 5 000 Raketen mit Satelliten und Sonden wurden seit Beginn der Raumfahrt im Herbst 1957 ins All geschickt. Deren Überreste, aber auch von Astronauten vergessene Utensilien kreisen seither durch den Orbit, was mehrfach zu Zwischenfällen mit - wie Wissenschaftler sagen - "unkooperativen Flugobjekten" geführt hat. Ein kleiner Rückblick:22. März 2009: Ein Stück Weltraumschrott saust auf die Internationalen Raumstation ISS zu. Die Astronauten ändern den Kurs der Station, um eine Kollision zu verhindern.12. März 2009: Ein Stück Weltraummüll fliegt auf die ISS zu. Für ein Ausweichmanöver ist es zu spät. Die Astronauten flüchten in die angedockte Sojus-Kapsel, bis die Gefahr vorüber ist.10. Februar 2009: Ein noch aktiver amerikanischer Nachrichtensatellit und ein alter russischer Militärsatellit prallen in 780 Kilometern Höhe über dem Norden Sibiriens zusammen. Sie zerbersten völlig.November 2008: Bei der Reparatur eines defekten Sonnenpaneels der ISS verliert eine US-Astronautin die Werkzeugtasche. Sie schwebt seither durchs All.März 2008: Von einer Rakete lösen sich nach dem Start vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan Teile und stürzen auf eine Weide im sibirischen Altai-Gebirge. Vier Pferde sterben.März 2007: Ein verglühendes Stück Weltraummüll verfehlt über dem Südpazifik ein Passagierflugzeug nur um wenige Kilometer.Januar 2004: Unbekannter Weltraumschrott von der Größe eines Kleinwagens stürzt auf einen Acker in Nord-Argentinien.Dezember 2002: Ein Teil einer 1985 gestarteten Ariane-Rakete trifft ein Haus im afrikanischen Uganda, niemand wird verletzt.------------------------------Grafik: So soll der Abschlepp-Satellit Smart-Olev funktionieren------------------------------Foto: Durchschuss: Im Sonnensegel des Weltraumteleskops Hubble hat ein kleines Schrottteilchen ein Loch von 2,5 Millimetern hinterlassen.------------------------------Foto: Schrottladung: Raumschiffreste haben auf einer Satelliten-Sicherheitswand Spuren hinterlassen. Das Streichholz dient dem Größenvergleich.------------------------------Foto: November 2007: Ein australischer Farmer findet auf dem Areal seiner Farm im Bundesstaat Queensland ein Stück Weltraumschrott.------------------------------Foto: Mai 2000: Der Tank einer Delta-2-Rakete ging 150 Kilometer von Kapstadt (Südafrika) entfernt nieder.