ATHEN, 17. August. Es hätte der Höhepunkt dieser Olympischen Spiele werden sollen für die Deutschen. 200 Meter Freistil mit Franziska van Almsick, der Weltrekordlerin, der berühmtesten Athletin in der Delegation jener, die den Adler auf ihren Sportklamotten tragen. Insofern war es ziemlich verwunderlich, dass kaum Prominente gesichtet wurden am Dienstagabend auf den behelfsmäßig errichteten Tribünen im Olympic Aquatic Centre von Athen. Wo waren sie denn, all jene, die sonst immer zur Stelle sind, wenn deutsche Athleten für sich und fürs Vaterland aussichtsreich um Medaillen streiten? Doch Claqueure und Schulterklopfer haben ein feines Gespür dafür, in welcher Situation es sich lohnt, vor den Fernsehkameras zu flanieren. Franziska van Almsick hatten sie offenbar schon abgeschrieben.Franziska van Almsick konnte sich nur selber helfen, das war vor dem Finale klar. Aber ein bisschen mehr Beistand, nun ja, den hätte man ihr gegönnt im letzten großen Einzelrennen ihrer Karriere. Es sollte ein verzweifelter Kampf werden gegen sich selbst und gegen die Konkurrenz, gegen die Schwächen des eigenen Körpers.Wenige Minuten vorher schied van Almsicks Trainingsgefährte Torsten Spanneberg über 100 Meter Kraul als Letzter seines Halbfinales aus dem Wettbewerb. Spanneberg gehörte in der Gruppe von Coach Norbert Warnatzsch zu jenen, die Franziska van Almsick in den vergangenen Jahren im täglichen direkten Austausch zur Seite standen. Er ist nach seinem Rennen nicht gleich in den Umkleidekabinen verschwunden, sondern blieb in der Mixed Zone stehen, um sich van Almsicks finalen olympischen Versuch auf einem kleinen Monitor anzusehen.Musik vor dem SprungFranziska van Almsick hat ihrerseits natürlich nichts mitbekommen von Spannebergs Auftritt. Sie hatte sich, als der Vereinskamerad schwamm, längst schon wieder in ihren Tunnel begeben. Sie wollte ihr sportliches Glück noch einmal mit psychologischen Tricks zwingen. Es sah sogar so aus, als würde sie einen Tunnel formen mit ihren Händen, mit denen sie von beiden Seiten den Kopf umschloss und damit ihr Sichtfeld einengte. Aus den ihren riesigen Kopfhörern, die so aussahen wie die des Kollegen Michael Phelps, dröhnten offenbar die Bässe. Während alle sieben Konkurrentinnen sich längst ihrer wärmenden Anzüge entledigt hatten, saß van Almsick noch in voller Montur auf dem Plastikstuhl hinter dem Startblock, starrte ins Wasser und hörte Musik.Man hat sich daran zwar längst gewöhnt, indes stellte sich auch diesmal die bange Frage, ob sie nicht den Startschuss verpassen könnte. Es geschah nicht, zum Glück, sie kam sogar akzeptabel vom Block und übernahm sogleich die Initiative. Auf Bahn sieben schwamm Franziska van Almsick, während die Halbfinalschnellsten sich wie gewohnt auf den mittleren Bahnen konzentrierten: Federica Pellegrini aus Italien, Solenne Figues aus Frankreich und Pang Jiaying aus China. Aber van Almsick hat in ihrer glanzvoll-tragischen Karriere ja schon von vermeintlich schlechteren Bahnen gewonnen: Auf der acht, also ganz außen, hetzte sie beim legendären WM-Gewinn 1994 in Rom sogar den gedopten Chinesinnen davon.Nach etwa 25 Metern lag van Almsick in Führung vor der Amerikanerin Dana Vollmer. Die wendete zwar etwas schneller, doch auf den zweiten fünfzig Metern bestimmte van Almsick wieder das Tempo. Zur Hälfte der Distanz leuchtete hinter dem Namen der Deutschen eine Eins auf. Sie hatte ihn also inne, den Platz an der Spitze des Felds. Allerdings nicht mehr lange. Schon 25 Meter weiter zogen vier Rivalinnen vorbei. Es war wie im Halbfinale am Montagabend. Auf der dritten Bahn verlor Franziska van Almsick den Wettbewerb mit der schlechtesten Abschnitts-Zeit der acht Finalistinnen. 30,96 Sekunden brauchte sie für diese 50 Meter - und war damit eine Sekunde langsamer als die spätere Siegerin.Rivalin auf der AußenbahnDie letzte Wende. Die letzte Bahn im vierten und letzten Versuch, endlich die olympische Goldmedaille über die geliebte und gehasste 200-Meter-Distanz zu erobern. Sie liegt auf Platz fünf. Sie schwimmt mit, aber sie schwimmt nicht mehr voran, und sie ist auch nicht in der Lage aufzuschließen. Im Gegenteil, auf diesen letzten fünfzig Metern, sonst immer ihre Stärke, verliert sie weitere Zehntel auf alle vor ihr liegenden Konkurrentinnen - und vor allem auf jene Frau, die auf einer Außenbahn heimlich still und leise der Goldmedaille entgegenstrebt. Camelia Potec, die 22 Jahre alte Rumänin, die van Almsick seit Jahren bewundert, hat auf der Bahn eins das beste Finish. Wieder leuchten Ziffernfolgen auf den Anzeigetafeln. 1:58,03 Minuten für Potec, keine Zeit, die van Almsick vor den Spielen erschreckt hätte, fast eineinhalb Sekunden schlechter als ihr eigener Weltrekord (1:56,64) - doch gut genug für den Sieg. Zweite wird Pellegrini (1:58,22), vor Fugues (1:58,45) und der Polin Paulina Barzycka (1:58,62).Franziska van Almsick ist Fünfte, nur Fünfte in 1:58,88 Minuten. "Das bin ich vor zwei Wochen fast im Training geschwommen", sagt sie später. Doch Trainingszeiten zählen nicht bei Olympia, dem größten Sportfest der Welt. Wäre van Almsick am Dienstag in Athen auch nur zwei Hundertstel Sekunde schneller gewesen als bei der Deutschen Meisterschaft, der Olympia-Qualifikation, im Juni in Berlin - sie hätte dieses Finale gewonnen, dieses verfluchte Gold.Doch sie hat sich nicht steigern können. Und die Verantwortung dafür wollte ihr Berliner Trainer Norbert Warnatzsch übernehmen. "Der Trainer ist Schuld", sagte der Trainer. "Er hat mit seiner Methodik nicht ganz richtig gelegen. Der Franziska ist keinerlei Vorwurf zu machen. Die Psychologie spielt natürlich auch eine Rolle. Aber in erster Linie ist die Methodik zu untersuchen, daran wird's gelegen haben." Die Methodik, man hatte es schon geahnt nach den ersten Tagen in Athen, als van Almsick mehrfach über Müdigkeit und fehlende Spritzigkeit geklagt hatte. Nach tausenden Trainingskilometern, nach quälend langen Monaten hat irgendein Teilchen in diesem komplizierten Puzzle nicht mehr gepasst. "Ich habe eine ähnliche Konzeption gehabt wie 2002", sagte Warnatzsch. Wie 2002 bei der Europameisterschaft in Berlin. "Aber diese Konzeption ist nicht aufgegangen." Ein paar Tage sei sie leicht erkältet gewesen, berichtete der Trainer, und er erwähnte außerdem "den Druck, das ist ja Wahnsinn gewesen, was da alles in den Medien berichtet wurde. Das hat sicher auch eine Rolle gespielt."Am Mittwoch wird Franziska van Almsick noch einmal ins Bassin springen, im Vorlauf über 100 Meter Kraul und dann - hoffentlich - im Finale der 4 x 200-Meter-Staffel. "Auch wenn ich über 100 Meter keine Medaillenchance habe, möchte ich noch mal mitschwimmen", sagte sie, "auch wenn man mich hinterher raustragen muss. Es ist ja dann das letzte Mal." Dann stockt sie, und Tränen steigen ihr in die Augen.------------------------------Foto: Letzter Sprung: In Athen neigt sich eine große Karriere dem Ende zu. Franziska van Almsick (26) hat acht Olympiamedaillen gewonnen: 1992 je zweimal Silber und Bronze. 1996 zweimal Silber, einmal Bronze. 2000 einmal Bronze. Sie war zweimal Weltmeisterin, hat sich 18 EM-Titel gesichert und hält den Weltrekord über 200 Meter Freistil in 1:56,64 Minuten.------------------------------Foto: Olympischer Traum: Die Rumänin Camelia Potec gewinnt die 200 Meter Freistil in 1:58,03 Minuten vor Federica Pellegrini und Solenne Figues.