Weniger geht nicht

Die Internetseite des japanischen Architektenteams Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa zeigt auf einem weißen Bildschirm nur einige E-Mailadressen. Keine Werklisten, Bildeffekte oder Grafikgetümmel. Man kann eine Mail schreiben, das war's. So viel Zurückhaltung ist fast schon unbescheiden. Andererseits ist diese Seite die perfekte Vermittlung jenes Einfachheits-Kultes, für den ihr 1995 gegründetes gemeinsames Büro Sanaa den Pritzker-Preis 2010 erhält.Zum fünften Mal geht damit die 1979 gestiftete Auszeichnung - die als Nobelpreis der Architektur gilt - nach Japan. Nur US-amerikanische Architekten wurden öfter ausgezeichnet. Japans Tradition der höchst verfeinerten Schlichtheit behält offenbar ihre Vorbildwirkung auf die Modernen, auch, weil sie - man denke an Schiebetüren und einzurollende Futonmatratzen - seit jeher verbunden ist mit größtmöglicher Flexibilität.Auch für Sanaa sind Häuser eher Nutzungsprogramme, in denen gleichzeitig Bewegung und Ruhe in offenen Räumen herrschen, Licht subtil regiert wird, wenige Farben und Materialien ausreichen: Stahl, Beton, Kieselsteine, Holz. Und Glas in allen Variationen von matt bis entspiegelt. Die 2007 eingeweihte Design-Hochschule in der Zeche Zollern bei Essen mit ihren Saallandschaften, das Museum für zeitgenössische Kunst in New York mit seinen gestapelten Lichtkisten, die schimmernden Aluminiumdächer, mit denen 2009 der Serpentine-Pavillon im Londoner Hyde-Park Sensation machte, oder das gerade eröffnete, grandios luftig über dem Boden schwebende Rolex-Lernzentrum in Lausanne zeigen: Sanaa weist einen Weg zurück zur Einfachheit in der Architektur.Ach so ja, fast vergessen: Für Berlin plante Sanaa auch. Die Erweiterung für das Bauhaus-Archiv. Ein kleines, aber faszinierendes Projekt, weiß in weiß selbstverständlich, viel Glas. Es blieb bisher ein Traum, auch, weil Klaus Wowereit lieber in eine Kunsthalle finanzieren will als in die Pflege der vorhandenen Museumsbestände. So müssen diese im Depot bleiben - und Berlin hat wieder einmal die Chance verpasst, statt Schlossfassaden wirkliche Avantgarde zu bauen.------------------------------Foto: Ryue Nishizawa (l.) und Kazuyo Sejima 2009 vor der Londoner Serpentine Gallery