Weniger Lärm - ein neues Konzept soll den Flughafen BBI in Schönefeld erträglicher machen: Auf anderen Routen

SCHÖNEFELD. Wenn in knapp zwei Jahren der neue Hauptstadtflughafen BBI in Betrieb geht, wird es südlich Berlins schlagartig lauter werden. Das ist unbestritten - zum bisherigen Flugverkehr kommt dann auch der von Tegel. Im Jahre 2009 wären es statt rund 75 000 Starts und Landungen plötzlich 232 000 "Flugbewegungen" gewesen. Mit passiven Schallschutzmaßnahmen wie Lärmschutzfenster sollen Zehntausende Anwohner vor dem ab 3. Juni 2012 sprunghaft zunehmendem Krach geschützt werden - so gut es jedenfalls geht. Bis zu 360 000 Flüge pro Jahr hat das Bundesverwaltungsgericht vor vier Jahren genehmigt.Jetzt hat ein Flughafenarchitekt einen Vorschlag unterbreitet, wie auch aktiv etwas für den Schallschutz getan werden kann. "Allein durch die Veränderung von Flugrouten und einen steileren Anflugwinkel würden Tausende Betroffene deutlich weniger Lärm abbekommen", sagte Dieter Faulenbach da Costa, der in Offenbach am Main ein Airport-Consulting-Büro betreibt. Auftraggeber der Studie, die noch nicht abgeschlossen ist, sind der Bürgerverein Brandenburg-Berlin (BVBB) und die Schutzgemeinschaft der Umlandgemeinden.Die in der Schutzgemeinschaft vereinten Orte haben ein Rieseninteresse an Lärmminderung und könnten von Faulenbachs Vorschlägen erheblich profitieren. Zuständig für die Flugrouten an den Airports ist die Deutsche Flugsicherung (DFS), die am nächsten Montag in der Fluglärmkommission für Schönefeld ihre ersten eigenen Entwürfe vorstellen wird, wie der Berliner DFS-Sprecher Stefan Jaekel gestern bestätigte. Bei dieser Gelegenheit wollen Bürgermeister der Umlandgemeinden auch das Konzept ihres Experten präsentieren.Es sieht unter anderen vor, dass die Maschinen beim Start in westliche Richtung "möglichst dicht hinter der Startbahn abbiegen", wie Faulenbach da Costa der Berliner Zeitung erläuterte. Durch dieses "Steilabflugverfahren" müssten einige dicht besiedelte Orte nicht mehr überflogen werden.Auch der Landeanflug könnte optimiert werden, sagte Faulenbach da Costa. Im Osten sprechen allerdings die örtlichen Gegebenheiten gegen den sogenannten "geknickten Anflug", bei dem das Flugzeug erst spät auf die gerade Flugroute Richtung Landebahn fliegt. "Das ist für jedes der heute fliegenden Flugzeuge machbar, nur bei sehr schlechter Sicht muss schon früher geradeaus geflogen werden", versicherte der Flughafenarchitekt, der seit 1985 an Dutzenden Flughafenprojekten in mehr als 40 Ländern mitgearbeitet hat, darunter in Chile, England, Russland und den USA. Bis 1999 beteiligte er sich auch an der Planung des BBI. Später erstellte er auch Gutachten für die Schönefeld-Gegner.Faulenbach da Costa kennt das BBI-Projekt, und er hält es für sinnvoll, den Anflugwinkel in Schönefeld - der wie international üblich bei drei Grad liegt - zu verändern. Schon bei 3,5 Grad könnten Ortschaften in deutlich größerer Höhe und mit weniger Lärm am Boden überflogen werden. Die landenden Flugzeuge würden Ludwigsfelde in 1 085 Meter statt in 845 Metern überqueren, Blankenfelde immerhin in 350 statt in 210 Metern Höhe, errechnete der Experte. "Das macht sich in jedem Fall bemerkbar", sagte er.Der Flughafenexperte ist überzeugt davon, dass seine Vorschläge Zehntausende Menschen von Lärm entlasten könnten. So würden allein in Blankenfelde-Mahlow 21 375 Betroffene nicht mehr in das Gebiet fallen, in dem nach BBI-Eröffnung ein Dauerschallpegel von 60 Dezibel erwartet wird und Anwohner einen Anspruch auf Schallschutz für Wohn- und Büroräume haben. Auch in Schulzendorf (2 830), Eichwalde (2 800), Diedersdorf (750) und einigen anderen Orten könnten sich viele Menschen über Lärmentlastung freuen - insgesamt fast 37 000, wie Faulenbach da Costa sagte. Allerdings müssten mehr als 11 000 Anwohner durch die veränderten Flugrouten mit mehr Lärm leben, etwa in Rangsdorf (6 450) und Berlin-Bohnsdorf (1 750).Faulenbach da Costa nimmt für sich in Anspruch, die Diskussion um einen steileren Anflugwinkel bundesweit in Gang gebracht zu haben, als er einen solchen Vorschlag auch für die umstrittene dritte Landebahn des Frankfurter Flughafens machte. Am 6. September will die Deutsche Flugsicherung jetzt in Braunschweig testen, ob "geknickte Anflüge" und ein Anflugwinkel von 3,2 Grad für Frankfurt machbar sind. "Wir werden prüfen, ob die Ergebnisse gegebenenfalls auch auf den BBI übertragbar sind", sagte DFS-Sprecher Jaekel. Die letzte Entscheidung trifft das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung. "Sechs Wochen vor Eröffnung des BBI müssen die Flugrouten feststehen", so Jaekel.------------------------------360 000 FlügeFlughafen BBI: Der Flughafen BBI soll am 3. Juni 2012 in Betrieb gehen. Das Terminal hat in der Anfangsphase eine Kapazität von bis zu 27 Millionen Passagieren. Alle Lärmberechnungen gehen von maximal 360 000 Flügen pro Jahr aus.Studie: Der Flughafenexperte Dieter Faulenbach da Costa hält u. a. andere Flugrouten und steilere Landeanflüge zur Lärmminderung für sinnvoll. Auf einer BVBB-Veranstaltung stellt er seine Studie am Freitag, 18.30 Uhr, in der Mehrzweckhalle Zeuthen, Schulstraße, vor.------------------------------Karte: An- und Abflugrouten am Flughafen BBIFoto: Abflug Schönefeld: Noch drehen sich die Baukräne für den Großflughafen Berlin Brandenburg International (BBI).Foto: Dieter Faulenbach da Costa, Flughafenplaner