Von Blut keine Spur, keine Schüsse, auch kein Flüchten oder Jagen. Zwei, drei Mal durchschneidet ein greller Schrei aus dem elektronischen Off der Schaubühne die kühle Lounge-Atmosphäre auf der Spielfläche. Die Amokläufe in Martin Crimps fünf kurzen Texten und in Falk Richters szenischem Arrangement derselben spalten keine Köpfe - sie ziehen ihre Blutspur durch die Vorstellungskraft.Die inneren und äußeren Bilder steuern zielsicher aneinander vorbei in diesem vorsichtigen Versuch, das Phänomen "Amok" zu umkreisen. Das ist das Quälende und zugleich Treffende an diesem seltsam durchsichtigen, undurchsichtigen Abend. Den Erklärungsnotstand für diese Form der Gewalt, die so unterschwellig gärt, dass ihre Explosion kaum zurück zu führen ist auf Konkretes, spiegeln Crimp und Richter in zögernden, defekten Spielversuchen. Alles und jeder ist betroffen. Als "systemimmanenten Terroristen" hat Falk Richter den Amokläufer bereits in "Electronic City" auf den Plan seiner viermonatigen Theater-Werkstatt namens "Das System" gerufen. "Weniger Notfälle" ist nun der dritte Teil der Tetralogie, die "unsere Art zu leben" kulturtechnisch erforschen soll (der zweite Teil "Unter Eis" ist auf den 15. April verschoben). Natürlich ist der Globalisierungsgegner und Kulturpessimist Falk Richter systemtheoretisch geschult genug, die Beschreibung des ausdifferenzierten Systems "globaler Kapitalismus" auch als Selbstbeschreibung zu begreifen. "Das System" zu reflektieren heißt, sich im Laufrad drehen. Das Theater als Fantasiefabrik fährt Richter denn auch auf Null herunter. Was sich äußerlich bewegt, sind die verschwommenen Videobilder auf einer Leinwand, Nachtbilder einer menschenleeren Stadt (von Blast Theory) oder die langsame Kamerafahrt durch ein staubfreies Wohnzimmer (Martin Rottenkolben). Die Gegenstandswelt hat auf dieser Bühne "real" keinen Platz. Die Menschen "weichen gegen die Wand zurück/ Gegen die Bilder an der Wand" sagt einmal eine der fünf namenlosen Personen. Sie sitzen sinnierend auf Lederhockern, rauchen stehend, füllen ihre Gläser an der Minibar. Dann tritt einer ans Mikrofon und entwirft ein Szene, eine schöne Landschaft, eine Figur: "Sie schießt Kind A in den Kopf, dann Kind B, dann Kind C". Als sträubte sich sein Gedächtnis die nackte Handlungskette ohne Kausalzusammenhang zu denken, stockt er. Seine Kollegen helfen: Erst Kind A, dann Kind B, dann Kind C. Sie rekonstruieren die Amok-Szene, erinnern oder erfinden einen Text so interessiert, als überlegten sie die kürzeste Strecke vom Theater zum Restaurant. Nichts ist angemessen; es geht nicht anders. Crimps Figuren handeln, indem sie sprechen. Darin ähneln sie den Menschen in Neil LaButes Erzähl-Dramen, doch bäumt sich in Crimps Dialogschnipseln kein Spannungsgebirge antiken Ausmaßes auf. Die Minidramen des britischen Autors fahren energiesparend über die Ebene. Wie die Videobilder schweben sie ein Stückchen über dem Boden, stoßen nicht an jeden Stein, doch driften sie auch nicht ab, als nähmen sie die Welt von oben in Blick. Systemtheoretiker würden sie "Beobachter zweiter Ordnung" nennen. Sie beobachten Sichtweisen, denken Gedachtes, sprechen Gesprochenes nach, legen Lebensweisen frei, die harmlos daher tänzeln, sich indes aber gegenseitig im Würgegriff halten. Seine Sätze zeigten immer nur die Spitze von Eisbergen, meinte Luc Bondy einmal über Crimp. In den fünf Minidialogen, von denen "weniger Notfälle" und "Gesicht zur Wand" am Wochenende zur deutschen Erstaufführung kamen, scheint es, als versuchten die Sätze selbst Stufen in diese Eisberge zu schlagen. Einen gangbaren Weg jedoch schaffen sie nicht. Nächste Vorstellungen 29. und 30.3, 20 Uhr, Kartentel. 890023Foto: Martin Crimps Figuren handeln, indem sie sprechen.