ADDIS ABEBA, im Dezember. Sie heißen Amina, Danuti, Nasra und Namine. Mit gesenkten Augen sitzen sie da und sehen aus, als würden sie kein Wort reden. Die Mädchen sind 13 und 14 Jahre alt, doch sie haben Erfahrungen hinter sich, die man keiner erwachsenen Frau zumuten dürfte. Und doch ist das, was ihnen wiederfuhr, normal in Äthiopien, weil es häufig geschieht. Nur dass diese Mädchen sich auflehnten, macht sie nach den Maßstäben ihrer Gesellschaft zu Außenseiterinnen.Amina ist 13 und ein schmales Mädchen mit großen, wachsamen Augen. Vor zwei Jahren war sie ein Kind, das zur Schule ging, wenn es nicht hart arbeitete - Wasser vom Brunnen holte, Holzbündel für das Kochfeuer schleppte oder die kleinen Geschwister hütete. An jenem Tag vor zwei Jahren bereitete sie vor der Hütte der Eltern gerade das Feuer vor, als dieser Mann kam. Ihr großer Bruder stand in der Nähe und sah, wie der sie packte. Amina schrie, doch der Bruder half nicht. "Er lachte", erinnert sie sich. Später erfuhr sie, dass der Bruder eingeweiht gewesen war. Der Mann verschleppte Amina und vergewaltigte sie sofort. "Es war schrecklich. Blut lief aus mir heraus und ich konnte nicht mehr gehen", sagt Amina. Tränen steigen in ihre Augen. Sofort vergewaltigtDiese Vergewaltigungen gehören zu der Entführung einer Braut. "Sie sind nicht nur ein Akt der Gewalt, sondern auch der dauerhaften Inbesitznahme", sagt Margherite Amodeo vom Uno-Kinderhilfswerk Unicef in Äthiopien. "Die Mädchen werden durch die Entjungferung für den Heiratsmarkt unbrauchbar gemacht, die Eltern verzichten dann meist auf die Rückgabe ihres Kindes." Der Entführer ist gemeinhin ein Mann, der zu arm ist, den Brautpreis zu zahlen. Normalerweise folgen der Entführung Verhandlungen mit den Ältesten der Gemeinde, bis die Eltern den Schwiegersohn akzeptieren. Nur das Mädchen hat nichts zu sagen.So hätte es auch Amina ergehen sollen, war ihr Bruder doch mit dem Entführer schon so gut wie einig. Doch es kam anders. Mitschülerinnen aus der Nachbarschaft hatten Aminas Lehrerin gerufen und die alarmierte die Polizei. Nur wegen des Krawalls, den die Frau schlug, umzingelten die Polizisten die Hütte, in der Amina festgehalten wurde. Dem Entführer gelang die Flucht, Amina kam ins Krankenhaus.Ihr Fall wurde dem "Komitee gegen schädliche traditionelle Praktiken" bekannt. In diesem Verein haben sich äthiopische Frauen und Männer zusammengeschlossen, die sich nicht mehr mit Unsitten wie Mädchenraub und Mädchenbeschneidung abfinden wollen. In vielen Orten versuchen sie, mit Hilfe von Unicef, ihre Landsleute aufzuklären und den Opfern zu helfen.Dem Staatsanwalt des Ortes Arsi Negele, Nenau Aisa, ist der ganze Aufruhr um die entführten Mädchen nicht ganz geheuer. Unicef-Mitarbeiterin Margherite Amodeo fragt ihn nach dem neuem Gesetz, das Hochzeiten unter 18 Jahren untersagt. Bis vor einigen Monaten galt das Mindestalter von 15 Jahren. Dieses neue Gesetz sei ihm noch nicht zugestellt worden, sagt der Vertreter der Staatsmacht. Außerdem verheirate die Mehrheit der Leute die Töchter auf traditionelle Art eben mit zwölf. "Was können wir tun, die Gesellschaft ist eben so", sagt er. Wenn es, wie in Aminas Fall, um Vergewaltigung geht, kann sich der dem Gesetz verpflichtete nicht ganz so leicht in Ausreden flüchten. Doch der Entführer ist weg.Amina lebt derweil Tag und Nacht in Angst. "Er droht mir, er hat mir sagen lassen, er wolle mich holen", sagt sie. Ihre Eltern haben sie verstoßen, "weil ich beschmutzt bin". Sie darf bei einem Onkel wohnen, in einer Ecke seiner Hütte, doch sie weiß nicht, wie lange noch. Sie geht zur Schule, aber niemals allein. "Sonst verlasse ich nie das Haus", sagt sie.Was soll Amina tun? Wovon soll sie leben? Dass Amina je heiraten wird, scheint unwahrscheinlich. Andere von ihren Familien verstoßene Mädchen wurden Prostituierte. Unter ihnen soll in Äthiopien die HIV-Infektionsrate bei 90 Prozent liegen. Auch Danuti, Nasra und Namine erzählen ähnliche Geschichten, auch sie wollten das durch ei- nen Vergewaltiger aufgezwungene schreckliche Ehe-Schicksal nicht akzeptieren. Die drei flohen mit zwölf Jahren vor ihren Entführern. Sie, Amina und sechs weitere Mädchen haben sich zu einer Gruppe zusammengetan. Sie treffen sich wöchentlich. Mit Hilfe von Unicef lernen sie die Grundbegriffe des Kleinhandels und der Arbeit in einer Garküche auf der Straße. Mehr Hilfe ist bislang nicht möglich. "Diese Mädchen sind so stark", sagt Frau Amodeo, "sie haben es verdient, dass ihnen geholfen wird, auf eigenen Füßen stehen."Anleitung für das Überleben allein // 40 Mädchen, die entführt und vergewaltigt wurden, konnten von Unicef bislang allein in der äthiopischen Stadt Arsi Negele identifiziert werden. Sie konnten entweder fliehen oder wurden vom Entführer und ihren Familien verstoßen. Es wird vermutet, dass die tatsächliche Zahl weit höher liegt.Unicef hilft diesen Mädchen. Unterstützt wird die Bildung einer Selbsthilfegruppe. Den Mädchen wird die Chance gegeben, zur Schule zu gehen. Dafür sind Schulgebühren zu zahlen. Ermöglicht werden sollen Berufsbildungskurse. Einige benötigen eine Traumabehandlung.BLZ/MARITTA TKALEC Wer wie die dreizehnjährige Sintajo vor dem Entführer flieht, endet meist in tiefster Armut.