Monique Beaufils wird amtlich: "Das ist keine Anekdote und keine Legende; alles ist dokumentiert". Die 52-jährige Baskin mit dem kurz geschnittenen Haar ist Archivarin in dem südwestfranzösischen Seebad Biarritz, nahe der spanischen Grenze. Sie legt vergilbte Dokumente, Radierungen und alter Kopien aus Familienbüchern auf den Schreibtisch: "Das sind die Beweise. Am 22. August 1862 wäre Otto von Bismarck an einem unserer Strände ertrunken, wenn ihn nicht der Leuchtturmwärter Pierre Lafleur aus den Wellen gerettet hätte". Der spätere Eiserne Kanzler hat die Rettungstat großmütig und dankbar anerkannt: Er wurde Pate des Sohnes seines Retters, der - Ironie des Schicksals - nur einen Monat später dort ertrank, wo er den schon ohnmächtigen Preußen unter Lebensgefahr aus den Wogen und tückischen Strömungen geborgen hatte.Die Vorstellung, dass ohne die mutige Tat eines kleinen Basken, der keine Ahnung hatte, wen er da aus dem Wasser zog, die Geschichte Deutschlands, Europas, gar der Welt mit Sicherheit einen ganz anderen Verlauf genommen hätte, nimmt französischen Historikern noch heute den Atem. Bismarck hat das Deutsche Reich auf den Trümmern Frankreichs gegründet: er war es, der mit der manipulierten Emser Depesche den Ausbruch des Krieges von 1870/71 und damit Frankreichs Niederlage herbeiführte. Die Schrecken der Belagerung von Paris und die Schmach der damaligen Niederlage wurden mit seinem Namen verbunden.Kaiser und BotschafterBismarck verband gleich eine doppelte Anziehung mit Biarritz: Der Preuße begeisterte sich nicht allein für das Schwimmen im Atlantik, sondern hegte auch eine Leidenschaft für die schöne Fürstin Orloff, die Ehefrau des russischen Botschafters in Brüssel. Bismarck, Botschafter des preußischen Königs Wilhelm I. in Paris, langweilte sich im Palais Beauharnais an der Seine (es ist noch heute die Residenz der deutschen Botschafter); er fühlte sich abgeschoben und wartete darauf, preußischer Ministerpräsident zu werden. So entdeckte er die Pyrenäen und Biarritz: Das einstige arme Fischerdorf im Pyrenäenvorland wurde zu einem Wallfahrtsort der europäischen Aristokratie, weil Frankreichs Kaiser Napoleon III. und seine spanisch-stämmige Gattin Eugénie dort regelmäßig Sommerurlaub machten. Der Empéreur ließ 1854 die Villa Eugénie bauen, Hotels entstanden, und Straßen wurden angelegt. Vieles wurde aus der kaiserlichen Schatulle beglichen.Napoleon III. empfing Bismarck mehrfach und zwar sehr freundlich, wie es hieß. Doch der Preuße mochte den Kaiser offenbar nicht, der dann später auch durch seine Politik im englischen Exil sterben sollte. Umso mehr beglückte den 47-jährigen Vater von drei Kindern eine "sehr angenehme Gesellschaft, die mit den Orloffs", wie er seiner Frau Johanna, geborene von Puttkamer, schrieb. Die drei wurden unzertrennliche Freunde. Katharina Orloff, 21 Jahre alt, avancierte in Bismarcks Notizen zur "köstlichsten aller Frauen".Der wesentlich ältere Ehemann, Fürst Orloff, duldete die innige Beziehung offenbar. Der Held des Krim-Krieges war Kriegsinvalide; er hatte ein Auge, einen Arm und "wohl auch einen Teil seiner Mannbarkeit" verloren. "Ich bin in die schöne Prinzessin Kathy Orloff verliebt", schrieb Bismarck an seine Schwester. Um bei der Fürstin zu bleiben, verwandelte der Preuße mit Hilfe eines Gefälligkeitsattests eines örtlichen Arztes einen geplanten Aufenthalt von ein paar Tagen in einen Genesungsurlaub von vier Wochen.Am 22. August 1862 griff dann das Schicksal zum Würfelbecher. Bismarck schwamm täglich zweimal, auch seine Geliebte schätzte das Bad im Meer. Um die Mittagszeit - da waren nur wenige Touristen in Sicht - stürzten sich die beiden in die Fluten, an einem kleinen Strand, der jetzt Miramar heißt. Was dann geschah, ist in der Chronik des Komitees der baskischen Rettungsschwimmer, das es bereits seit zwei Jahrhunderten gibt, niedergeschrieben. Eine starke Strömung von der einsetzenden Ebbe zog die beiden Schwimmer hinaus in Wellen, die heute das Glück eines jeden Surfers ausmachen. Der Leuchtturmwärter Pierre Lafleur, seinerzeit 42 Jahre alt, wurde aufmerksam und holte die Prinzessin an Land; sie war bereits bewusstlos. Bismarck trieb weiter ab und fuchtelte mit den Armen um Hilfe. Der wackere Baske schwamm erneut los. "Es war nicht leicht, den fast leblosen Körper eines Mannes von 1,90 Meter Körpergröße und 100 Kilo Gewicht zu bergen", heißt es in der Chronik. Ein Doktor Adema holte Bismarck ins Leben zurück. Patrioten verfluchten später die Heldentat Lafleurs, der zunächst nicht wusste, wem er das Leben wiedergeschenkt hatte. "Hätte er den Kerl ersaufen lassen, wäre Frankreich unendliches Leid erspart geblieben", klagten sie.Liebe und TodEinen Monat später ertrank Lafleur, der Europas Schicksal in seinen Händen gehalten hatte. Bismarck erfuhr davon und auch, dass Lafleurs Witwe Marie schwanger war. Bismarck war seit dem 23. September Ministerpräsident; er und die Fürstin Orloff baten darum, Paten des Neugeborenen zu werden. Ein Mädchen sollte nach der Fürstin Cathérine-Anne, ein Junge nach dem Deutschen Othon-Edouard genannt werden. Es wurde ein Junge. Geburts- und Taufregister vom 12. und 13. November bestätigen die Ankunft des neuen citoyen Othon-Edouard - mit dem stummen "h" und dem nasalen "n" kommt Othon dem germanischen Otto phonetisch am nächsten. Bismarck schickte reichlich Geschenke. Kaiser Napoleon III. spendierte 4 000 Francs - damals ein Vermögen.Der Eiserne Kanzler vergaß sein Patenkind nicht. Als Othon 14 Jahre alt war, bot er ihm an, in Deutschland zu studieren. Aber dessen Mutter Marie wollte das nicht - und wieder gab es eine Tragödie. Der Junge trat in die französische Marine ein und starb bei einem Unfall. Bismarck kam vor dem Krieg noch mehrmals nach Biarritz, um Kaiser Napoleon III. zu treffen, vor allem aber seine "Kathy". Doch die kam nicht mehr, sie war schwer krank. "Elender Aufenthalt", notierte der Preuße, "ich bin traurig, alles ist hässlich. Ich bin um zehn Jahre gealtert und habe die Illusion verloren, dass wir in Biarritz glücklich werden könnten".Fürstin Orloff starb im Jahr 1875, im Alter von 35 Jahren. Zwei Jahre zuvor, am 22. April 1873, hatte der Reichsgründer ihr mit Galgenhumor geschrieben: "Ich hätte im Friedensvertrag von Frankfurt für mich das Recht festschreiben sollen, dass ich nach Biarritz zurückkommen darf, ohne dass mich unsere Freunde, die Lebensretter, ersäufen". 1898 starb der "Eiserne Kanzler" in Friedrichsruh bei Hamburg.------------------------------"Hätte er den Kerl ersaufen lassen, wäre Frankreich unendliches Leid erspart geblieben."Französische Patrioten------------------------------Foto : Kaiser Napoleon III. von Frankreich (l.) 1865 mit Bismarck beim Spaziergang am Strand von Biarritz (zeitgenössische Zeichnung).