LEHRER: Wann wurde der Begriff Hilfsschule durch den Begriff Sonderschule ersetzt? Wann der Begriff Behinderter eingeführt?SCHÜLER: Ende der sechziger Jahre, als man unter Willy Brandt den Reformstau aufzulösen begann.Falsch! Der Begriff Sonderschule stammt aus dem § 6 Reichsschulpflichtgesetz von 1938. Er gehört in die heimische Wortfamilie Sonderration, Sonderführer, Sonderbehandlung und ersetzte die humane Direktheit des Wortes Hilfsschule. Im selben Gesetz entwickelte die deutsche Verwaltung das Wort Behinderter. Es war vollständig neu. Es fasste Menschen bürokratisch-praktisch zusammen, die bis dahin differenziert bezeichnet worden waren - als Krüppel, Idioten, Blinde oder Taubstumme.LEHRER: Wann und von wem sollte die Rechtschreibreform zuerst eingeführt werden?SCHÜLER: Von den Nazis 1941 und 1944! Vom Nazi-Schulminister, Studienrat Bernhard Rust. Sie enthält alle Elemente der Reform, mit der wir uns heute quälen.LEHRER: Sehr richtig!"Vor allem eins aber verbindet die Neuregelung von heute mit den Reformplänen von damals", meint dieser Tage Hans Krieger in der "Süddeutschen Zeitung": "Die Anmaßung, die Sprachentwicklung staatsautoritär reglementieren und umlenken zu wollen. In dieser obrigkeitsstaatlichen Arroganz, die selbst im Kaiserreich undenkbar war, ist diese Orthographiepolitik des Dritten Reiches der einzige historische Präzedenzfall für das Reformdiktat von 1996. Christian Meier, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, hat die Parallele zur Rechtschreibreform der Nationalsozialisten schon 1998 vor dem Bundesverfassungsgericht gezogen. Damals wusste man noch wenig. Jetzt wissen wir es genauer." Ein entsprechendes Buch haben soeben Birken-Bertsch und Markner im Wallstein Verlag veröffentlicht - eine Tornisterschrift für die antifaschistische Wacht an der Isar und auch Main. Dort warnt Kurt Reumann in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", wo man sich unter Anleitung von Frank Schirrmacher längst schon dem Schoß entwunden hat, aus dem auch das kroch: "Nicht zuletzt wegen der Glorifizierung von ,Führerreden erhält das gesprochene Wort Vorrang vor dem geschriebenen Wort. Entsprechend werden die Laut-Buchstaben-Angleichungen und die Trennung nach Sprechsilben aufgegriffen. Die Reform soll der deutschen Sprache Weltgeltung verschaffen." Schlimm, die "heimliche Rechtschreibreform der Völkischen" sei bisher überall und selbst von den Kultusministern "schamhaft ausgespart worden".LEHRER: Warum wurde die Rechtschreibreform 1944 nicht in Kraft gesetzt?SCHÜLER: Weil Hitler sie auf die Zeit nach dem "Endsieg" verschob. LEHRER: Richtig. So steht es in die "Süddeutschen" wie in der "Frankfurter Allgemeinen".Falsch. Am 1. Juli 1944 notierte Joseph Goebbels: "Rust hat durch eine seiner Dienststellen ein Heft über moderne deutsche Rechtschreibung herausgegeben. Dieses Heft stellt so ungefähr das Tollste und Ungebildeste dar, was wir uns seit vielen Jahren geleistet haben. Ich werde mit diesem Heft noch einmal den Führer befassen müssen." Goebbels hatte Erfolg. Die entsprechende Verordnung unterzeichnete Hitler am 24. Juli 1944. Vier Tage nach dem Attentat nahm er sich Zeit, um sich zum geistigen Wegbereiter von Schirrmacher, Reumann und Krieger zu machen.Mit der von Hitler gestoppten Rechtschreibreform war eine andere von ihm gewollte Reform einhergegangen: Die Abschaffung der Frakturschrift und der ("deutschen") Sütterlinschrift im Jahr 1941 ("Schriftbefehl!"). Wir empfinden diese Modernisierung nicht als Willkürakt der Diktatur. Auch sie ging auf die Brüder Grimm zurück. In der Einleitung zum Deutschen Wörterbuch hatte Jacob Grimm die deutsche Schrift als "unförmlich und das auge beleidigend" bezeichnet und zur Orthographie bemerkt: "in den letzten drei jahrhunderten, trägt die deutsche schreibung so schwankende und schimpfliche unfolgerichtigkeit an sich, wie sie in keiner anderen sprache jemals stattgefunden hat, und nichts hält schwerer als diesen zustand zu heilen. Berlin 2. merz 1854."Merke: Geschichte ist kein ideologischer Selbstbedienungsladen.