Wäre Gabriele Mucchi abergläubisch, müßte er nun alt werden wie Methusalem. Hatte doch das "Neue Deutschland" den berühmten Maler, Mitbegründer des italienischen Realismo und Freund von Renato Guttuso kutz vor seinem heutigen 95. Geburtstag als tot gemeldet.Quicklebendig steht er in Jeanshemd und Cordhose an der Tür und kann über die makabre Zeitungsente schmunzeln. Er ist zurück aus Mailand, wieder in Berlin-Friedrichshain, in der kleinen Wohnung über der Zuckerbäcker-Allee. Die zwei Städte gehören seit der Zeit vor und nach dem Krieg zu ihm wie Farben und Leinwand. Deshalb irritiert er mit dem paradoxen Satz:,, Ich reise nicht gern."Allein Mucchis deutsche Frau Susanne, die vom Kofferpacken zwischen dem Hin und Her über die Alpen ein Lied singen kann, weiß, was er meint. Seine Mobilität, will Mucchi sagen, sei nicht die eines Sightseeing-Touristen. Er lebt an zwei Orten, die er "Zuhause" nennt.Eigentlich kommt er aus Turin, der Vater war Maler, die Mutter eine Gräfin Tracagni. Er wurde Architekt, Designer, Maler, von ihm gibt es Häuser, Möbel und Texte. Und die vielen Bilder, im emotionalen Stil des sinnlichen, südländischen Realismo. Er liebt die alten italienischen Meister und will mit seiner Kunst die Welt von heute bessern.1928 kam er das erste Mal nach Deutschland. Und dann immer wieder -- der Grund: seine erste Frau, die Bildhauerin Jenny Wiegmann. Mit ihr hat er bei den Garibaldi-Partisanen gegen die Faschisten gekämpft, durch sie faßte er Fuß in Deutschland. Sie starb 1969. Mucchi blieb, war in Weißensee und in Greifswald Lehrer heute namhafter Maler; der Professore brachte Kosmopolitisches in die enge DDR-Szene. Auch als Korrespondierendes Mitglied der Akademie der Künste. Aus der Liste wurde er nun gestrichen: "Ich bin ja ein Fremder." Und seine Bilder in der Nationalgalerle, den Kunstsammlungen Dresden und Halle kamen in den Keller. "Ist ja Realismus."Über seine Bilder mit den Menschen in der Landschaft sagt er: "Realismus heißt die Wirklichkeit malen, aber nicht als Abklatsch, sondern als eigene Interpretation." Eva Poll, seine Galeristin am Berliner Lützowplatz, schätzt im Gegensatz zu den meisten Kunsthändlern dieses Credo. Und widmet Mucchi zu seinem heutigen "95." eine Retrospektive. Darüber ist er glücklich. Nur das,, retrospektiv" gefällt ihm nicht, das klinge, als habe er schon aufgehört zu malen.Das Gegenteil ist der Fall. Seine Frau bittet vergeblich. " Male doch nur noch kleine Bilder." Ihm schweben ganz große, anstrengende vor. Die nächsten Monate wird man den Maestro auf einem Malergerüst in der Alt-Staakener Dorfkirche herumturnen sehen. Er zeigt den Karton und sagt: "Ich stampfe schon vor Ungeduld." Mit nur zwei helfern bemalt er 11 Meter Kirchenwand mit den Gestalten großer Reformatoren. "Versöhnte Einheit" heißt das Bild. "Ich male in Eitempera, der schönen alten Technik", schwärmt Mucchi und weist auf Hus, Zwingli, Luther, Müntzer, Calvin, Gapinlus, Cranach, Melanchthon, Morus, Erasmus, Kopernikus, Bugenhagen, in ihrer Mitte ein Kruzifix.Der Atheist Mucchi hat keine Berührungsscheu mit der Kirche. "Das humanistische Ideal der Christen ist mir sehr nahe", versichert er. Schon im italienischen Salussola hat er 1986 eine Kapelle ausgemalt, und im Jahr der deutschen Einheit schuf er in der kleinen Kapelle Vitt auf Rügen sein Wandbild "Menschen im Sturm". Fischersfrauen stehen am Meer und warten auf ihre Männer.Das Staakener Werk soll bis zum 3. Oktober fertig sein. Als Gleichnis für die Zeit, aber auch für den Ort. "Die kleine Kirche", erzählt Mucchi, "stand fast 30 Jahre lang an der Mauer, bekam nach dem 13. August 1961 einen Grenzwachturm vor die Nase gesetzt, wurde ein Gotteshaus im Niemandsland." Und er setzt hinzu, wie sehr ihn die deutsche Entwicklung bewegt. "Als es mit der DDR zu Ende ging, war ich auf einmal der Ausländer, der mitten in den Ereignissen draußen stand." Aber er wollte dazugehören, stellte -- was nie zuvor seine Absicht war -- Antrag auf Einbürgerung. Dazu kam es nicht mehr. Das steht nur als Merkwürdigkeit in Mucchis Memoiren, die jetzt in Italien erschienen und für die in Deutschland noch kein Verlag gefünden ist.Mucchi schlägt den dicken Paperback-Band auf, sucht etwas. Zarlich streichelt er über das Foto von einer Trümmerfrau, 1953. "Diese Frauen sind eine Berliner Legende, sie gaben der Stadt nach 194 S das Leben wieder." In seiner ganzen Malerei hat der leidenschaftliche Romantiker mit Vorliebe Frauen gemalt: schön, verletzlich, aber stark. Sinnliche, lebenssprühende Madonnen mit abgearbeiteten Händen und Träumen im Gesicht.Liebevoll und akribisch bemalte Gabriele Mucchi 1986 die Wand der Capella degil Angell ii Salussola. Foto: Katalog 1994: Der Künstler beim Aufbau seiner Schau in der Galerie Eva Poll, Lotzowplatz 7, bis 30. Juli. Foto: Rehfeld