Wenn die Eleven im Blinden-Tanzklub trainieren, sind Zusammenstöße nicht ganz zu vermeiden: Grundschritt, Rechtsdrehung, anrempeln

Aufmerksam steht Christine Langer in einer Reihe mit elf anderen Frauen und tanzt eine Schrittfolge nach Beschreibung ihres Trainers. Erst ganz vorsichtig, dann immer mutiger. Ab und zu fragt die kleine Frau mit den halblangen blonden Haaren, ob sie richtig steht. Ihre Freude am Tanzen zeigt sich deutlich an den kraftvollen Schritten und ihrer schier unerschütterlichen Konzentration. "Die Bewegung zu Musik ist einfach schön und ich genieße diese Leichtigkeit", sagt Christine Langer. Seit ihrer Jugend wollte sie Tanzen lernen, doch das war nicht so einfach für die inzwischen 46-Jährige. Sie ist von Geburt an blind. Zu Jugendzeiten hat sie sich nicht getraut. Später konnte sie keinen passenden Tanzkurs finden. Im vergangenen April ging ihr Wunsch endlich in Erfüllung. Der Berliner Blinden-Tanzklub, eine Gruppe des Berliner Blinden- und Sehbehindertensportvereins, suchte Teilnehmer für seinen Anfängerkurs und die Frau ergriff die Chance. In einem dreimonatigen Extratraining konnten die Anfänger testen, ob ihnen der Sport gefällt. Geblieben sind alle.Inzwischen kennt sie die Grundschritte fast aller Standardtänze. "Aber es fällt mir schwer, eine Vorstellung davon zu bekommen, wie ich schwebend tanzen soll", sagt sie und versucht ihr Problem zu erklären. "Ich weiß, dass Schneeflocken oder Federn schweben, aber wie das bei mir funktionieren soll, ist mir unklar." Mit ihrer Behinderung geht sie offen um. Fragen dazu beantwortet sie geradeheraus. Sie möchte kein Mitleid.Auch an diesem Abend wirbelt Christine Langer wieder mit ihrem sehbehinderten Mann und elf weiteren Paaren zu schnellen Quicksteppklängen durch den Saal an der Auerbacher Straße in Grunewald. Grundschritt, Rechtsdrehung, Kreisel. Bei den einen fließen die Bewegungen förmlich ineinander. Andere kämpfen mit Rhythmus und Schrittfolge - so wie in jedem anderen Anfängertanzkurs auch. Plötzlich sprintet der Tanzlehrer los und versucht zwei Paare zu erreichen, die zielstrebig aufeinander zusteuern. Zu spät. Nach einer Rempelei tanzen sie weiter. "Kleinere Zusammenstöße gab es in der Vergangenheit öfter und gehören zum Unterricht", sagt Michael Putzolu, der sehende Tanztrainer der Gruppe. Trotzdem ist er wachsam, um größere Unfälle zu vermeiden. 56 Mitglieder aller Altersklassen trainieren jeden Freitag in drei Gruppen - nach Leistungsniveau gestaffelt. Die meisten Teilnehmer sind blind oder sehbehindert, aber auch einige Sehende tanzen mit. Dass beide Tanzpartner blind sind, kommt selten vor. Jeder der Teilnehmer musste den Raum zu Beginn des Tanzkurses genau erkunden und weiß nun, wie groß er ist, wo Türen und Fenster sind."Es ist schon etwas Besonderes, mit Blinden zu trainieren", sagt Michael Putzolu. "Man lässt sich anders auf die Schüler ein, kennt ihre Geschichte und tanzt viel mehr mit den einzelnen Teilnehmern, um sie die Bewegungen spüren zu lassen. Dadurch ist auch der Körperkontakt zwischen Trainer und Schüler ausgeprägter." Der ausgebildete Trainer und Wertungsrichter für Tanzwettbewerbe unterrichtet die Gruppe seit 2000. Die Bewegungsfolgen beschreibe er ausführlicher und anschaulicher als im Tanzunterricht mit Sehenden. Wiederholen müsse er seine Erklärungen aber nicht viel öfter. "Ich habe früher gedacht, dass Tanzen eine Sportart ist, die nur über das Auge funktioniert", sagt Putzolu. Durch seine Arbeit im Klub lasse er sich als Wertungsrichter nicht mehr so schnell von Äußerlichkeiten blenden und achte inzwischen, wie die Kursteilnehmer, viel stärker auf die korrekten Tanzschritte an sich.Der Berliner Blinden-Tanzklub besteht bereits seit dem Jahr 1975. Er ist der einzige seiner Art in Deutschland. 2003 traten die Fortgeschrittenen sogar mit einer Paso- Doble-Formation beim Jahresauftakt des Landestanzsportverbandes Berlin auf und halfen mit, dem Verband einen Teil seiner staatlichen Zuschüsse zu sichern. Dass Tanzen ein integrativer Sport ist, wurde damals nämlich bezweifelt. Demnächst können die Anfänger des Klubs sogar ihr erstes Tanzsportabzeichen erwerben. Ein Ziel, das sich auch Christine Langer gesetzt hat. "Bronze möchte ich auf jeden Fall schaffen", sagt sie. Ein Leben ohne Tanzen kann sie sich nicht mehr vorstellen.------------------------------"Die Bewegung zu Musik ist einfach schön." Christine Langer, seit Geburt blindFoto: Beim Tanzen glücklich: die blinde Christine Langer mit ihrem Ehemann Michael.