Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre", schrieb Carl Schmitt über das 19. Jahrhundert, "sind säkularisierte theologische Begriffe." Nachdem Nietzsche den Tod Gottes verkündet hatte, war es nur eine Frage der Zeit, wann auch dem Staat der Totenschein ausgestellt werden musste. Der 1922 in Frankfurt am Main geborene Publizist und Politikberater Rüdiger Altmann sprach in einer Zeit vom Absterben des Staates, als die Bundesrepublik gerade zur ersten vollen Blüte ihrer Wirtschafts- und Sozialordnung aufstieg. Der Berater des Bundeskanzlers Ludwig Erhard und spätere Geschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelstages war einer der Hauptankläger der politischen Leere der Bonner Republik und der Institutionenschwäche der entfesselten Marktgesellschaft lange bevor diese kulturkonservativen Topoi zur politologischen Folklore der Berliner Republik herabsanken. Mit seiner etwas diffusen Begriffsbildung "formierte Gesellschaft" lieferte Altmann der jungen Bundesrepublik die Befriedungsformel vom Übergang des offenen Klassenkampfes zur Sozialpartnerschaft. Doch von der Hoffnung, dass der politische Korporatismus der sechziger Jahre ein Garant der Stabilität sei, kehrte sich Altmann schnell wieder ab. Er sah nur noch ein "funktionsloses Wuchern" der Gruppenegoismen von Funktionären und Verbänden: "Die expandierende Daseinsvorsorge des Verwaltungsstaates und der Pluralismus der organisierten Interessen haben sich gegenseitig provoziert." Sein Resümee von 1967 klang vor allem angesichts der beginnenden Jugendrevolte ketzerisch: "Die Gesellschaft, nicht der Staat ist in Deutschland totalitär geworden."Altmann hatte ebenso beim "rechten" Staatsrechtler Carl Schmitt wie beim "linken" Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth studiert. Auf Grund dieser Extremerfahrung entwickelte er eine gemäßigte Gesellschaftskritik, die inmitten der politischen Nervositäten der Studentenbewegung kaum Gehör fand. Altmann sprach vom Irrtum, "Marx als Baedeker der Weltgeschichte zu lesen statt als Klassiker des 19. Jahrhunderts". Seine Kritik der politischen Ökonomie suchte nicht nach dem Heilsgeschehen antagonistischer Geschichtskämpfe, sondern analysierte den inneren Zerfall des Gemeinwesens durch den "Integritätsverlust von Institutionen und Ordnungen" infolge maßlosen Anspruchsdenkens. Erst 1997 formulierte er drastischer: "Wenn man den Leuten nur sagt, freßt, freßt, sauft, sauft, kauft, kauft, aber es fehlt die Vorstellung, was der Nutzen einer solchen Konsumgesellschaft ist, dann muss es schiefgehen." Bereits 1986 und 1989 hatte Altmann wiederholt einen Amtsverzicht Helmut Kohls wegen Führungsschwäche und Konzeptionslosigkeit gefordert; die damalige Politik des Bundeskanzlers erschien ihm als Inkarnation von Gehlens Wort vom Verteilerstaat als "herrschaftsarmer Subventionsorganisation". Altmann beklagte grundsätzlich den "Auszug der Nationalökonomie aus dem System der Staatswissenschaften", wodurch das Funktionieren der Wirtschaft zur Kernfrage der Politik geworden sei. Vor allem der Europäischen Gemeinschaft attestierte er einen Mangel an politischer Begründung, weil es sich nur um ein "Unternehmen zu Herstellung eines gemeinsamen Marktes" handele; in der EU-Kommission sah er bloß einen Vorstand, im Europäischen Rat das Aufsicht führende Gremium und im Europaparlament die Hauptversammlung des Unternehmens. Es reiche nicht aus, schrieb er, wenn die Nationalstaaten nur auf Grund ihrer Souveränitätseinbußen eine föderative Verbindung mit anderen eingehen würden. Prophetisch erscheinen heute seine Worte von 1992 über die Entkräftung der Demokratie durch den Parteienstaat infolge von "Versumpfung und Korruption". Doch eine aktuelle Antwort, wie sich Staat und Parlament der Verteilungsansprüche der Lobbyisten und Parteisoldaten entziehen können, hat Altmann, der am vergangenen Sonntag in Bonn gestorben ist, nicht mehr geben können.