Eigentlich ist das menschliche Gehirn ein Alleskönner. Fühlen, Schmecken, Tasten, Hören, Sehen - kein Sinnesreiz, den es nicht gleichzeitig verarbeiten könnte. Geht es also lediglich nach der Belastbarkeit des Gehirns, dürfte es so etwas wie Reizüberflutung gar nicht geben. Und dennoch: Immer mehr Patienten fühlen sich von der auf sie niederprasselnden Informationsflut überfordert. Auslöser hierfür sind jedoch weniger die Reize an sich, sondern vielmehr die Art des Konsums. Insbesondere bei Kindern stellen Psychologen und Mediziner fest, dass sie die Reize nicht mehr aktiv verarbeiten. Sie konsumieren passiv, lassen sich von Musik beschallen, vom Fernseher, vom Computer berieseln. Die Auswirkungen dieser Flut medialer Reize sind alarmierend: Konzentrationsschwierigkeiten, Sprachschwierigkeiten, Seh- und Hörstörungen, Übergewicht oder Störungen des Bewegungsapparates. Kaum ein Bereich des Körpers, der hierdurch keine Defizite erleiden würde. Symptome, die allerdings auch allesamt bei Erwachsenen auftreten können. Die hierzu passenden Krankheitsbilder: Das Chronical Fatigue oder das Burn-Out-Syndrom und Beschwerden, die direkt im Zusammenhang mit einer Reizüberflutung auftreten: Tinnitus oder Migräne etwa. Auslöser dieser Überforderungen sind meistens Hektik, Stress und die damit einhergehende Unfähigkeit abzuschalten. Auch wenn es im vorweihnachtlichen Trubel schwer fällt, vielleicht sollte man sich gerade jetzt eines etwas aus der Mode gekommenen Begriffs erinnern: Besinnlichkeit.------------------------------REIZE UND SINNE // DEFINITIONDie Reizüberflutung ist ein Begriff, der die Überfülle an Einflüssen einer hochindustrialisierten Gesellschaft auf den Einzelnen durch Radio, Fernsehen, Film, Zeitung und tägliche Erlebnisse deutlich machen soll. Die Überflutung setzt uns außerstande, Reize richtig wahrzunehmen und bewusst darauf zu antworten. Die Sinne und die dazu gehörigen Reize im Einzelnen:Tasten: Druck, Berührung, TemperaturSchmecken: Salzig, Sauer, Süß, BitterRiechen: DuftmoleküleSehen: Helligkeit und SchärfeHören: SchallwellenKRANKHEITENZahlreiche psychosomatische Krankheiten werden auf ein Übermaß an äußerlichen Reizen zurückgeführt. Aber nur bei den folgenden Krankheiten lässt sich im menschlichen Gehirn eine tatsächliche Reizüberflutung feststellen. TINNITUSHäufigste Ursache für einen Tinnitus ist eine kurzzeitige, starke Überstrapazierung des Gehörs durch eine akustische Reizüberflutung, beispielsweise ausgelöst durch Walkman-Musik, ein Rockkonzert oder aber auch durch Schießen ohne Gehörschutz. Neben der akuten, sehr lauten Belastung kann auch eine lang andauernde chronische Lärmquelle die Haarzellen im Innenohr schädigen und somit zu einem Tinnitus führen.Therapiemöglichkeiten: Tinnitus sollte so früh wie möglich behandelt werden. Wer einen plötzlichen Hörsturz (Hörverlust auf einem Ohr) oder über eine Stunde lang anhaltende Ohrgeräusche feststellt, hat die besten Aussichten auf Heilung, wenn er innerhalb der nächsten drei Stunden einen HNO-Arzt aufsucht. Hier liegen die Heilungserfolge bei etwa 90%. Auch in den ersten drei Tagen danach ist die Situation noch sehr günstig.Ein drei bis sechs Monate bestehender Tinnitus gilt noch als Akutfall mit guten therapeutischen Möglichkeiten, danach wird er als chronisch eingestuft. Vorsorge: Zur Vorbeugung von Hörschäden und Tinnitus sollte man akustische Reizüberflutung und für das Ohr traumatische Erlebnisse meiden. Eine einfache Maßnahme ist: Selbst singen, das entspannt das Hörsystem. MIGRÄNEDie gängigste Erklärungsthese für diese Krankheit spricht von einer Überflutung des Gehirns mit Reizen, wodurch es zu einer schmerzhaften Gefäßentzündung kommt. Der Hirnstamm von Migräne-Patienten ist übersensitiv. Sie haben eine Reizverarbeitungsstörung. Die Patienten können mit externen Reizen, wie Licht, Geruch oder akustischen Reizen nicht adäquat umgehen, meist auch nicht mit internen Reizen wie Gefühlen und Gedanken. Von Kindheit an stimulieren sie ihr Gehirn mit solchen Reizen und überfluten dabei total das Hirn. Es kommt zu einer Überforderung, zu einer Reizüberflutung.Therapiemöglichkeiten: Oft entlasten bereits Entspannungsübungen und Ruhe das übermäßig aktive Gehirn und reduzieren die Anfälle. Trotzdem kommen die meisten Patienten nicht ohne Medikamente aus. Heilen können diese Mittel die Migräne allerdings nicht. Sie lindern lediglich die Symptome. Hilfreich sowohl für die Diagnose als auch die Therapie ist das Führen eines Kopfschmerztagebuches, das Zeitpunkt und Umstände des Anfalls dokumentiert. Vorsorge:Migräne lässt sich nicht heilen. Es gibt dennoch einige Strategien, um die Anzahl und auch die Schwere von Migräneattacken zumindest zu reduzieren. Wichtig ist es, die Auslöser einer Migräneattacke zu vermeiden. Kernpunkt der Vorbeugung ist es, den alltäglichen Stress in den Griff zu bekommen. Gute Hilfe bieten hierbei Entspannungstraining oder Ausdauersportarten. Allerdings können selbst vorbeugende Maßnahmen nicht jede Attacke verhindern. Für Patienten, die auf eine nicht-medikamentöse Prophylaxe nicht reagieren, stehen auch Medikamente zur Verfügung. SCHIZOPHRENIEMenschen mit einer schizophrenen Psychose leiden insbesondere unter einer dauernden Reizüberflutung und einer gestörten Informationsverarbeitung. Reizbarkeit, Zwangsgedanken und depressive Verstimmungen stellen sich ein. Während der Psychose ist der Bezug der Erkrankten zur Wirklichkeit erheblich gestört; die Einsichtsfähigkeit und hier vor allem die Krankheitseinsicht fehlen. Der Betroffene verkennt die Realität und lebt in einer eigenen Welt. In der akuten schizophrenen Phase ist außerdem die geistige Leistungsfähigkeit der Erkrankten eingeschränkt, die Konzentrations- und Denkfähigkeit sind gestört. Therapiemöglichkeiten: Bei der Behandlung werden verschiedene Therapieverfahren eingesetzt. Im Mittelpunkt steht der Einsatz von Medikamenten. Wie der Medizinprofessor berichtet, normalisieren die Arzneimittel die Überträgerstoffe im Gehirn und regulieren insbesondere den Dopaminstoffwechsel. Die modernen Neuroleptika besetzen die Empfängerstellen auf den Nervenzellen, an denen normalerweise das Dopamin andockt. Die Wirkstoffe schützen so die Nervenfasern vor einer Reizüberflutung.LITERATURDieses Buch ist eine faszinierende Geschichte der vielgestaltigen Beschäftigung mit den Sinnen von der Antike bis zur Gegenwart sowie der Veränderung der menschlichen Wahrnehmungsweisen in diesem Zeitraum. Robert Jütte: Geschichte der Sinne. Von der Antike bis zum Cyberspace. Verlag C.H. Beck, München 2000, 416 Seiten, 25,90 Euro. INTERNETwww.migraene-info.dewww.tinnitus.de------------------------------Foto: Das Gegenteil von Besinnlichkeit: Menschenmassen unterwegs.