In der Rezeption des Peace-Hotels hängen Uhren an der Wand. Sie zeigen die Zeiten der Weltstädte an. Wie spät es in Berlin ist, muss im Kopf gerechnet werden; Berlin tickt an dieser Wand nicht mit.Das war in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts anders. Hier, am rechten Ufer des Huangpu, brodelte das ausländische Leben und das Leben der einheimischen Mafia. Jedes Jahr wurden 30 000 Tote aus der Stadt gekarrt oder im Huangpu entsorgt: Verhungerte, Erschlagene, Geköpfte. Die Toten der Schlachten des Bürgerkriegs, des Krieges mit Japan und des ganz normalen Elends. "Schon bei der Ankunft mit dem Dampfer", erinnert sich Ruth Werner fast siebzig Jahre später, "sah man die bettelnden Frauen und die Kinder mit Schorf im Haar. Viel schlimmer noch als ich es mir vorgestellt hatte. Deshalb war ich ungeduldig, was dagegen zu tun."In Schanghai, im Peace-Hotel, beginnt das geheime Leben der Ruth Werner. Sie lernt die Amerikanerin Agnes Smedley kennen und durch sie den deutschen Journalisten Richard Sorge.Die Stadt ist ein Abenteuerspielplatz. Glückssucher, reiche Müßiggänger, Kosmopoliten und Kommunisten tummeln sich in ihr. Und Geheimdienstler aus aller Welt. Schanghai ist ein Umschlagplatz für Informationen.Am linken Ufer des Huangpu: die Skyline Pudongs. Bizarre Wolkenkratzer, der Fernsehturm (er sieht dem Fernsehturm auf dem Berliner Alexanderplatz ähnlich) - ein binnen zehn Jahren entstandener Moloch, dessen Opfer Tradition, alte Häuser und Gedächtnis heißen. Demnächst baut Deutschland den Transrapid, der den Flugplatz mit der Stadt verbindet. Jedes Taxi in Schanghai ist ein VW Santana. Schanghai ist eine Stadt, die sich atemberaubend schnell selber auffrisst und errichtet.-Vielleicht ist die Old Jazz Band im Peace-Hotel das Beständigste an Schanghai. Die vier Herren spielen, sagt die Legende, seit der Gründung der Volksrepublik China Abend für Abend auf. Seit 1949. Auf den Tischen liegen Zettel mit ihrem Repertoire. "Happy Birthday", wünscht sich eben eine amerikanische Gruppe, und die Musiker legen scheppernd los. Der Ober weist auf "Lily Marlen" hin und sagt: "Aaa! Ein berühmter deutscher Nationalsong!" In diesem Club wurde, lange vor 1949, ein Lied der Commedian Harmonists gespielt. Es ging seinerzeit um die Welt:"Wenn die Sonja Russisch tanzt,ist man gleich verliebt,weil es keine schönre Frauals die Sonja gibt.Wenn die Sonja Russisch tanzt,fühlt man ihre Glut.Wolga, Wodka, Kaukasusliegen ihr im Blut."Später, in Moskau während der Ausbildung zur Agentin, wird Ruth Werner mit Sonja angeredet. Sie ist überrascht. Wieso heißt sie auf einmal Sonja? Sonja wird ihr Deckname. Richard Sorge hat den Namen vorgeschlagen. Er gefällt ihr."Sogar der Wladimir,ist ganz verrückt nach ihr,er lässt den Wodka stehn,nur um sie anzusehen."-In ihrem Wohnzimmer hängt seit Jahrzehnten ein einziges Foto. Richard Sorge im Profil. Der Mann schaut grüblerisch, zweifelnd. Es gibt andere Fotos; auf denen ist er spitzbübisch, kantig, ein Mephisto. Es sind retuschierte Fotos. Richard, der Draufgänger, soll auch ein Melancholiker gewesen sein. "Ich hing an ihm", sagt Ruth Werner.Sie sei bei Lesungen gefragt worden, ob sie mit Richard Sorge geschlafen habe. Nein. "Ich sagte nein, ich habe ihm nicht mal einen Kuss gegeben. Da haben sie gelacht und mir nicht geglaubt." Nein. Dabei bleibt sie. "Ich war jung verheiratet, ich hatte das Baby und diese Arbeit. Vielleicht lag es einfach nicht im Bereich des Möglichen."Im Grunde: Wen geht s was an? Sorge ist der Mann, der mit ihr Motorrad fährt und sie reden lässt. Beinahe nebenbei erfährt er, was "Sonja" in der guten Gesellschaft aufschnappt. Beinahe nebenbei wächst Ruth Werner in die Rolle der Informantin:"Es war weder Abenteuerlust noch faszinierend. Es war Parteiarbeit.""Wussten Sie denn, für wen Richard Sorge tätig war?""Ich wusste es nicht mal, als ich in die Sowjetunion ging. Das habe ich erst langsam verstanden, da meine Ausbildung als Funker in einem Haus stattfand, wo Militär wohnte."Die deutsche Jungkommunistin wird zwanzig Jahre lang für die militärische Aufklärung der Roten Armee tätig sein. Sie knüpft Kontakte und sammelt Informationen. Ihre Funksprüche gehen aus der Mandschurei, aus Polen, der Schweiz und England in die Zentrale nach Moskau. In China besorgt sie für Partisanen aus Apotheken die Zutaten für Sprengstoff. Sie wird nie enttarnt.Sie wird in dieser Zeit nach Michael noch zwei Kinder, Janina und Peter, bekommen. Sie sagt, dass sie nie bewusst emanzipatorisch war. "Ich hab nie irgendwas gemacht, weil das nun Frauenrecht war oder irgendwas in dieser Richtung. Ich hab das getan, was mir entsprach, einfach."Richard Sorge sieht sie nach Schanghai nie wieder.