BERLIN. Die Vorstellung ist abwegig, für viele treue Fans des 1.FC Union Berlin schon der Gedanke allein eine Beleidigung: Der Präsident des Vereins trägt einen weinroten Trainingsanzug, Modell Dynamo. Und doch: Es ist so gewesen. Denn dieser Sportdress gehörte zu seiner Ausrüstung. Dirk Zingler, 46, und seit 2004 Präsident des Zweitligisten, war Angehöriger des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Ausgerechnet der Mann, der keine Gelegenheit auslässt, um seine Abneigung gegenüber dem Berliner FC Dynamo, dem von Stasi-Chef Erich Mielke protegierten Verein, kundzutun. Zingler war Mitglied im Stasi-Wachregiment Feliks Dzierzynski. Recherchen der Berliner Zeitung ergaben: Ab April 1983 diente er drei Jahre in dem Regiment, das nur linientreue Soldaten nahm. Er wurde Unteroffizier. Ein schwarzer Fleck auf Zinglers bislang weißer Weste. Ein Schock für viele Fans der Eisernen, die sich zu DDR-Zeiten als Gegenentwurf zum BFC sahen. Zu Union gingen auch viele Fans aus politischer Überzeugung.Es ist erst knapp zwei Jahre her, da lag schon einmal ein Stasi-Schatten über Union: Damals trennte sich Zingler vom Hauptsponsor International Sport-Promotion (ISP), vor allem, weil deren Aufsichtsratschef Jürgen Czilinsky als ehemaliger Stasi-Offizier enttarnt wurde. Nur 60 Tage nach Vertragsabschluss, der dem Verein zwei Millionen Euro pro Jahr bringen sollte. Zingler kündigte "unter Berücksichtigung der rechtlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen für den Verein". Er ließ keinen Zweifel aufkommen: Stasi und Union - das geht nicht. Er fühlte sich getäuscht und hintergangen. So wie nun viele Fans in Bezug auf seine Person?Gerüchte, Zingler sei bei Vertragsabschluss im Hinblick auf Czilinskys Vergangenheit nicht gänzlich ahnungslos gewesen, nährte schon gleich nach der Trennung ein ISP-Vertreter. Als ihn die Berliner Zeitung wenige Tage nach der besiegelten Zusammenarbeit mit ISP auf mögliche Stasi-Verstrickungen ansprach, antwortete Zingler im Juli 2009 ausweichend: "Der Begriff Stasi-Leute ist mir zu allgemein."Für viele Unioner dürfte nun eine Welt zusammenbrechen. Ausgerechnet Zingler war bei der Stasi. Ihr Präsident, der sich als Mann des Volkes sieht. Als Spross der Stehränge. Es ist erst zwei Jahre her, da beschrieb er seine schon zu Jugendzeiten entflammte Liebe zum 1. FC Union gegenüber dieser Zeitung so: Vom Großvater mit dem Union-Virus infiziert, sei er "auch im Sommer mit Union-Schal rumgerannt. Auf meiner Jacke war immer ein Union-Aufnäher". Es sei ihm schon damals um "das Thema klare Abgrenzung" zu Dynamo gegangen, sportlich und politisch. Davon war 1982 nichts zu spüren.Seine Leidenschaft für den von Stasi-Chef und BFC-Förderer Mielke drangsalierten und ungeliebten FC Union muss er geschickt verborgen haben - sonst wäre er wohl nicht ins Stasi-Wachregiment aufgenommen worden. Diese Schlussfolgerung lassen die Daten des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes zu. Die Akte Zingler der Jahn-Behörde liegt der Berliner Zeitung vor.Das Jahr 1983: Zingler, bei der FDJ in leitender Funktion, auch auf Kreisebene, dekoriert unter anderem mit der Medaille "für vorbildliche Leistung zu Ehren der DDR", war Instandhaltungsmechaniker. Er hatte gerade den Aufnahmeantrag für die Sozialistische Einheitspartie (SED) gestellt, wurde später stellvertretender Parteisekretär. Seine Mitgliedschaft begründete er im Lebenslauf der MfS-Akte so: "Weil ich es für notwendig finde, der Partei anzugehören, die für den Frieden auf der Welt kämpft." Bereits bei seiner Musterung gab er an, Interesse am Dienst im Wachregiment des MfS zu haben. "Ausgewählt wurde dann aber nur eine Elite, absolut regimetreue Bürger", weiß der Politologe Peter Joachim Lapp, der Mitautor eines Buches über das Wachregiment ist, Titel: "Die Garde des Erich Mielke." In dem Buch wird der Namensgeber, Gründer der russischen Geheimpolizei Tscheka, als "sowjetischer Massenmörder" bezeichnet.Alle Bedingungen erfülltEs folgten im Zuge der Kaderwerbung mehrere Gespräche, in denen Zingler auf die Offiziere einen guten Eindruck hinterließ. Nachdem sein privates und berufliches Umfeld durchleuchtet wurde, waren alle Bedingungen erfüllt: bester Leumund, auch politisch, keine West-Kontakte. Im Einschätzungsbericht ist die Rede von einer "bewusst offenen und politischen Haltung" und davon, dass sein Vater, aber auch der Großvater "als alter Kommunist" bewirkt haben, dass sich "Z. gesellschaftlich so progressiv entwickelte. Entsprechend seiner bisherigen persönlichen, charakterlich-moralischen und gesellschaftlichen Entwicklung kann eingeschätzt werden, dass der Kandidat für einen dreijährigen Ehrendienst im WR des MfS für geeignet gehalten wird." Damals deutete Zingler laut Aktenlage sogar an, Interesse an einer Laufbahn als Berufssoldat des MfS zu haben. Das korrigierte er später. Fakt ist: Schon mit seiner Verpflichtung als Zeitsoldat wurde Zingler laut Punkt a) der Verpflichtung zu einem "Angehörigen des Ministeriums für Staatssicherheit". Er schrieb am 23. April 1983, aus Anlass des Fahneneides: "Ich werde die von mir freiwillig übernommene Verpflichtung jederzeit in Ehren erfüllen."Auch wenn seine Beurteilungen nicht immer rundweg positiv waren, sich auch eine Disziplinarstrafe darin fand, so wurde er doch rasch befördert und belobigt - für "einen gefestigten Klassenstandpunkt". Er wurde Gruppenführer, später Unteroffizier im Range eines Unterfeldwebels.Laut Auskunft der Jahn-Behörde findet sich allerdings kein Hinweis in den Akten, dass Dirk Zingler, so wie viele Angehörige des Wachregiments, nach seiner Dienstzeit als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi tätig war. "Das spricht eher für ihn", sagt Lapp, der auch betont, dass das Regiment ab 1954 nicht zum Bespitzeln, sondern zur Absicherung der Stasi-Einrichtungen gedacht war. Der militärische Vorgänger, das Wachbataillon A des MfS, war an der Niederschlagung des Volksaufstandes von 1953 beteiligt. Lapp sagt: "Viele Mitglieder des Wachregiments gehen offen mit ihrer Vergangenheit um, weil sie ahnen, dass es früher oder später sowieso bekannt wird. Dann fällt die Erklärung schwer."Warum hat Zingler bisher zu seiner Vergangenheit geschwiegen? Vermutlich, weil ihm sehr wohl bewusst ist, dass jegliche Stasi-Verbindung bei jenem Klub verpönt ist, aus dessen Fan-Reihen einst vor allem in Richtung Erzfeind BFC Dynamo der Ruf erschallte: "Lieber ein Verlierer sein - als ein dummes Stasi-Schwein." Auch die Mitglieder des Wachregiments, des militärisch-operativen Arms der Stasi, waren in weiten Teilen der Bevölkerung nicht wohl gelitten. Erkennbar an ihren Uniformen mit bordeauxrotem Kragenspiegel, galten sie "als Hundertprozentige", so Lapp, schlichtweg als Teil der Stasi, vor dem man sich hüten und fürchten musste. "Auf den ersten Blick", sagt der Experte, "passt es absolut nicht zusammen, dass man Fan des 1. FC Union ist und Angehöriger des MfS." Heute ist Dirk Zingler nicht mehr nur Fan, sondern mächtigster Mann des Vereins.------------------------------O-TON"Es war meine Armeezeit"Die Berliner Zeitung befragte Dirk Zingler zu seiner Vergangenheit beim Stasi-Wachregiment. Er antwortete schriftlich.Was bewog Sie, damals Soldat für das MfS zu werden?Ich bin mit 18 Jahren in Königs Wusterhausen zur Musterung für den Grundwehrdienst erschienen. Da hieß es: Wenn Sie in Berlin bleiben wollen, müssen Sie drei Jahre dienen. Berlin war mir sehr wichtig, denn ich war damals schon Unioner, und von Adlershof an die Alte Försterei war es nicht so weit. Für mich war das mein Wehrdienst, also Armee - ganz klar. Ich wusste auch vorher nicht, dass das Wachregiment dem MfS untersteht - das habe ich erst gemerkt, als ich dort meinen Dienst antrat. Ich habe dann Wache vor einem Krankenhaus gestanden. Mit der Stasi an sich hatte ich nichts zu tun.Wie beurteilen Sie die Verpflichtung heute? Bereuen Sie sie?Nein. Eine Entscheidung, die man mit 18 getroffen hat, mit 46 zu bereuen, bringt auch überhaupt nichts. Mit dem heutigen Wissen würde ich sie so ganz sicher nicht mehr treffen. Aber mit 18 hatte man andere Prioritäten. Für mich war der Standort Berlin am wichtigsten.Warum haben Sie diesen Punkt in Ihrem Lebenslauf noch nie angesprochen? Könnten Sie verstehen, wenn Fans daran Anstoß nehmen?Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht und jedem, der mich danach gefragt hat, ehrlich geantwortet. Der Aufsichtsrat wusste vor meiner Berufung ebenfalls, dass ich meinen Wehrdienst dort geleistet habe. Ich habe natürlich Verständnis dafür, dass Menschen, die vom MfS bzw. vom Staat DDR verfolgt wurden, da empfindlich reagieren. Mir selber ist es so nicht gegangen - weder bin ich verfolgt worden, noch habe ich andere verfolgt. Es war meine Armeezeit.Sie haben oft betont, auch im Fall ISP, dass das Thema Stasi und Union nicht zusammen passen. Wie hat das damals bei Ihnen gepasst?Das hat damals nicht gepasst, und es passt heute auch nicht. Junge Wehrdienstleistende und hauptamtliche oder auch inoffizielle Mitarbeiter der Stasi in einen Topf zu werfen, ist falsch.Gab es weitere MfS-Tätigkeiten?Nein, die gab es nicht.Hat Ihre Vergangenheit Auswirkungen auf Ihre Zukunft als Präsident?Nein, für mich nicht. Ich bin ja der Gleiche wie vor Ihren Fragen.Die Fragen stellte Matthias Wolf.------------------------------Foto: "Progressiv entwickelt"...Dirk Zingler, Präsident des 1. FC Union.