Jemand hat Turnvater Jahn mit roter Farbe übergossen. Wie Blut läuft sie ihm über die linke Gesichtshälfte hinab. Auf die Steine unter dem Denkmal haben Unbekannte mit schwarzer Farbe gesprüht: "Kapitalismus ist organisiertes Verbrechen". Nach dem Turnvater ist der Park eigentlich benannt. "Jahnpark" - weil Jahn dort 1811 den ersten öffentlichen Turnplatz eingerichtet hat. Aber so nennt den Park kein Mensch. Es ist die Hasenheide.Heute turnt dort keiner mehr. Die Büsche hinter dem Denkmal gehören den Dealern, jungen Schwarzafrikanern, die dort Haschisch verkaufen. Sie lehnen an Bäumen, spähen nervös in alle Richtungen und sprechen dann Vorübergehende an: "Wie viel brauchst du", "guter Stoff", "die Polizei ist weg". Vor ihnen, auf dem Hauptweg, drehen Jogger ihre Runden, Mütter schieben Kinderwagen, Frauen führen ihre Hunde spazieren. Alltag in der Hasenheide, einem Ort, den die Polizei als "gefährlich" eingestuft hat. Weil im Park und drum herum mehr Straftaten begangen werden als an anderen Orten. An einem "gefährlichen Ort" hat die Polizei besondere Rechte. Dort darf sie zum Beispiel Personalien überprüfen, ohne eine Begründung dafür angeben zu müssen.Es ist vor allem der Drogenhandel, weshalb die Hasenheide als gefährlich gilt. Die meisten Straftaten, die dort registriert werden, haben mit Drogenhandel oder Drogenbesitz zu tun. Die Kunden der Dealer sind gemischt, der Professor im guten Anzug kauft dort ebenso sein Haschisch wie der Schüler, der Student oder der Hartz-IV-Empfänger.Es hat viel mit subjektivem Empfinden zu tun, wie man sich in der Hasenheide fühlt. Manche gehen lieber woanders spazieren, weil sie sie Unbehagen empfinden - etwa, wenn es in den Büschen raschelt, weil dort gerade Dealer ihre Tütchen mit Gras verstecken. Oder wegen deren Dreistigkeit. Schon wenige Meter vom Eingang entfernt stehen die ersten in Grüppchen zusammen und sprechen jeden an, die Mutter mit dem Kinderwagen ebenso wie den Mann, der in Trainingshosen seinen Hund ausführt.Wer dennoch in den Park geht, lebt seit Jahren in der Gegend und hat sich an die Drogenszene gewöhnt. Viele Alternativen haben die Neuköllner, Tempelhofer und Kreuzberger auch nicht. Für sie ist die Hasenheide weit und breit die einzige grüne Oase. Die Menschen kommen, um sich zu erholen. Andere laden ihren Frust ab. Man merkt das an den umgeknickten Bäumen, an Papierkörben, die jemand durch die Gegend gekickt hat, oder an den Parkbänken, von denen fast jeden Tag eine kaputtgeht.Viele Besucher sind jeden Tag hier. Der alte Mann etwa, der mit seinem Fahrrad immer in Schlangenlinien durch den Park fährt. Er hat einen Rekorder dabei, aus dem laut "Macarena" erschallt. Oder die Joggerin aus Tempelhof. Sie sagt, sie habe mit 60 Jahren mit dem Laufen angefangen, um gegen das Altern etwas zu tun. Jetzt ist sie 67. Ängstlich ist sie nicht, wohl aber vorsichtig. Sie verlässt beim Joggen die Hauptwege nie.Gegen Mittag kommen die Arbeitslosen, denen es zu Hause zu eng wird. Ein 46-jähriger Türke erzählt, er kenne die Hasenheide seit 20 Jahren. Er trifft sich dort mit Freunden. Sie trinken Bier, sie reden, sie spielen Skat. Er ist Kraftfahrer, jetzt lebt er von Hartz IV. Man könnte sich auch in ein Café setzen, sagt er, "aber wer kann sich das leisten?"Die Bänke nahe dem Rosengarten gehören der "Alkoholiker-Clique", einer lauten, lallenden Truppe, die sich fast täglich mit viel Bier aus dem Supermarkt trifft und höchstens untereinander prügelt. Die Kinder bevölkern vor allem am Nachmittag den Park. Im Winter drängeln sie sich mit ihren Schlitten an den Hängen. Im Sommer wird auf den Wiesen Geburtstag gefeiert oder auf den Spielplätzen getobt. Die Spielplätze sollen demnächst erneuert werden. Das Bezirksamt hofft, dass es in der Hasenheide friedlicher wird, wenn viele Familien mit Kindern kommen und den Dealern das Revier streitig machen.Die Dealer sind den ganzen Tag über da. Schwarzafrikaner und Araber haben das Terrain unter sich aufgeteilt. Die Schwarzen sind Asylbewerber, die mit dem Haschisch-Verkauf ein bisschen Geld verdienen. Das große Geschäft mit den Drogen machen andere. Zu Prügeleien unter ihnen kommt es besonders zu den Maien-Tagen, einem Rummel mit Riesenrad. Dann drängen fremde Händler in ihre Reviere und alle gehen mit Latten und Stangen aufeinander los. Außenstehende sind davon nicht betroffen.Die Polizei ist oft in der Nähe. Vom Frühjahr bis zum Spätherbst finden ein- bis mehrmals täglich Razzien statt, im Winter weniger. Dann durchkämmt ein Dutzend Beamte das Gelände und greift die Händler, die sie fassen können. Es sind nicht viele. Die Dealer haben ein eigenes Alarmsystem, klingelt ihr Handy in einem bestimmten Ton, rennen sie los. Ist die Polizei weg, stehen sie wieder da.Die Schwarzen seien freundlich und friedlich, sagen Parkbesucher. Manchmal würden sie sogar beim Müll einsammeln helfen. Vor ihnen müsse sich niemand fürchten. Andere Straftaten kommen seltener vor. Dass etwa Handtaschen gestohlen oder Handys abgezockt werden. Die Hasenheide ist da wohl nicht gefährlicher als der Bahnhof Zoo oder der Alexanderplatz.------------------------------"Man könnte sich auch in ein Café setzen. Aber wer kann sich das leisten?"Ilkay Z., Parkbesucher------------------------------Foto: Schneller Deal: Seit Jahren wird im Volkspark Hasenheide Haschisch verkauft. Die Polizei ist machtlos.