Wer sagt da noch, dass S- oder U-Bahn-Fahren in Berlin langweilig ist? Je kälter es wird, desto mehr werden die Züge wieder zu einem Sammelbecken für allerlei merkwürdige Mitmenschen. Da ist zum Beispiel der alte Mann mit dem Rauschebart und der Baskenmütze, der mit einem kleinen schwarzen Koffer durch die Züge auf der Stadtbahn geht. Auf dem Gepäckstück steht: Frag mich nach Jesus. Manchmal bleibt der Mann mit einem auffordernden Lächeln im Gang stehen, damit auch wirklich alle Fahrgäste die Aufschrift gut lesen können. Leider ist nicht bekannt, ob ein S-Bahn-Fahrgast diesen netten alten Großstadt-Missionar tatsächlich jemals nach Jesus gefragt hat. Berliner sind darin geübt, solche Reisen mit möglichst starrem Blick hinter sich zu bringen. Wie sollte man eine solche Frage auch formulieren? "Na, mal wieder was von jenem höheren Wesen, das wir alle verehren, gehört?" Nein, so geht es offenbar nicht.Und da ist der junge Mann, der so grotesk akkurat die Bahnhöfe und Umsteigemöglichkeiten ansagt - meist in den Zügen der U-Bahn-Linie 2. Weniger Freude rufen da schon die Verkäufer von Obdachlosenzeitungen hervor, die mit ihren Produkten im Berufsverkehr nicht landen können und grummelig reagieren. Einer von ihnen schmetterte den mies gelaunten Arbeitnehmern im Waggon zwar das gelernte "Einen wunderschönen Abend noch" entgegen, fügte dann aber leise hinzu: "Ihr könnt mir den Buckel runterrutschen." Einen anderen Mitreisenden will man am liebsten überhaupt nicht mehr treffen: jenen S-Bahn-Fahrgast im mittleren Alter, der sich eine Nachricht folgenden Inhalts an seine Hose gesteckt hatte: "Vorsicht, Exhibitionist. Entblößt sich auf Aufforderung!" Nein danke, lieber nicht. Wir müssen weiter.