BERLIN. Gestern erlitt ein ungewöhnlicher Eroberungsfeldzug einen ersten Rückschlag. Fußball-Zweitligist SC Paderborn (Zuschauerschnitt: 7394), zur Zeit auf Platz 13 der Tabelle, musste einen geplanten Sonderzug nach Berlin absagen. Nur 170 Anhänger hatten sich angemeldet, 450 wären aber notwendig gewesen, um den Zug auch tatsächlich auf die Strecke zu bringen. So werden sich die angekündigten rund 3500 Paderborner Anhänger in regulären Zügen, in Reisebussen und mit privaten Pkws aufmachen, um am Sonntag ihre Mannschaft im Spiel beim Tabellenführer Hertha BSC zu unterstützen (Anstoß: 13.30 Uhr, Sky)."Paderborn erobert die Hauptstadt", heißt eine Aktion von Verein und Stadt als Antwort und auch als Ergänzung der Marketingstrategie von Hertha BSC, die das Duell unter das Motto "Gemeinsam für die Traumkulisse" gestellt hat. Als das kleine Paderborn im Hinspiel die große Hertha mit 1:0 bezwungen hatte, ärgerte man sich beim Sportclub über Kommentare der Hauptstadtpresse, die Paderborn als Synonym für die fußballerische Tristesse der Zweiten Liga bezeichneten - in Ermangelung des einstigen Zweitliga-Symbols SV Meppen, das längst in der fünftklassigen Oberliga Niedersachsen kickt.Paderborn will also Berlin erobern, und Hertha BSC kommt das gerade recht. Es war Trainer Markus Babbel, der bei seinem Amtsantritt im Mai vorigen Jahres mit der ihm eigenen bajuwarischen Mir-san-mir-Mentalität einen kühnen Gedanken verkündet hatte: "Wenn wir Leistung bringen", so fabulierte Babbel, "muss es doch möglich sein, gegen Osnabrück, Paderborn, Aue oder wie die alle heißen, 60000 oder gar 70000 Zuschauer ins Stadion zu bringen!" Nun, allein mit Leistung scheint es gegen solche Gegnerschaft nicht zu gehen, aber Herthas Marketingleute nahmen die Vorlage gern auf, sensibilisierten die Sponsoren und verscherbelten mit deren Hilfe tausende Tickets. Lange Zeit konnten zwei Tickets für zehn Euro erworben werden - ein Dumping-Angebot. Bis Donnerstag waren 66000 Karten verkauft, 70000 Fans werden am Sonntag erwartet, was das Spiel unter die Top Fünf beim Zuschauerzuspruch in der Geschichte der Zweiten Bundesliga katapultieren würde. Noch immer hat Hertha BSC, dessen Publikum zuletzt vor allem jünger und auch weiblicher geworden ist, Probleme mit den vielen zugereisten Neu-Berlinern. Die bleiben meist Anhänger ihres alten Klubs und finden häufig nur den Weg ins Olympiastadion, wenn Hertha auf diesen trifft.Diese Besonderheit schien nur zu bröckeln, als das Team unter Trainer Lucien Favre 2009 sogar von der deutschen Meisterschaft träumen konnte. Doch um diese Klientel dauerhaft anlocken zu können, bedarf es Spitzenleistungen, der Abstieg von Hertha behinderte das Projekt. Erstaunlich ist deshalb der Publikumszuspruch in Liga zwei: Über 40000 kamen bislang im Schnitt, was Hertha sogar auf Platz 30 im Zuschauerranking aller europäischen Profiklubs führte - hinter dem SSC Neapel und vor Benfica Lissabon. Im Jahr 2010 hatte Hertha unter den Veranstaltern in Sport und Kultur in Berlin mit 790115 Zuschauern die meisten Besucher vor dem Friedrichstadtpalast (450000). Herthas Finanzchef Ingo Schiller sagt nun: "Bei der Aktion gegen Paderborn steht nicht das Finanzielle im Vordergrund, es geht um den Zusammenhalt von Fans und Klub." Manfred Sangel, Chef des Fanradios "Hertha-Echo" sagt: "Diese Aktion ist legitim, darf aber nicht überhandnehmen, sonst fühlen sich die Dauerkartenbesitzer bestraft. Aber das ist nicht zu vergleichen mit früheren Dingen, als man etwa bei Lidl Ticket-Gutscheine für Hertha-Spiele bekam."Hertha aber denkt auch schon an das nächste Heimspiel gegen den VfL Osnabrück. Starter beim Berliner Halbmarathon bekommen dafür Rabatt. Den SC Paderborn interessiert all das nicht. Die Kulisse am Sonntag wird die größte sein, vor der je eine Paderborner Mannschaft gespielt hat. Der alte Rekord liegt bei 26620 im Jahr 2001 im Pokalspiel gegen den FC Bayern. Gespielt wurde aus Kapazitätsgründen auf der Bielefelder Alm.------------------------------Foto: Im Fokus: das volle Olympiastadion.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.