Wenn Pflegekräfte und Ärzte ihre Patienten töten, tun sie das oft nicht aus Mitgefühl für die Kranken, sondern aus Selbstmitleid: Motive der Todesengel

Der Krankenpfleger Stephan L. soll in den vergangenen beiden Jahren im Sonthofener Krankenhaus 29 Patienten getötet haben - mit einem Cocktail aus Beruhigungs- und Narkosemitteln, den er seinen Opfern in die Venen spritzte. Der Tod kam schmerzlos für die Patienten. Bereits nach wenigen Minuten waren sie erstickt. Um Sterbehilfe gebeten hatte möglicherweise nur einer von ihnen. Der heute 26 Jahre alte Stephan L. sitzt seit Juli vergangenen Jahres in Untersuchungshaft und wird sich vor dem Landgericht Kempten verantworten müssen.Die Dimension des Falles Stephan L. ist einzigartig. Neu ist das Phänomen jedoch nicht: Immer wieder gibt es Berichte über Betreuer, die ihre Patienten getötet haben. Allein in der Bundesrepublik hat es bisher fünf Tötungsserien an Patienten gegeben. Weltweit wurden in den vergangenen fünfzig Jahren 31 Ärztinnen, Ärzte, Krankenpfleger und Schwestern wegen Mord oder Totschlag an ihren Patienten verurteilt. Insgesamt 216 Menschen haben sie umgebracht - meist mit meist mit Narkosemitteln oder ähnlichen Arzneien. Was hat die Betreuer dazu getrieben, ihre Schutzbefohlenen zu töten? Stephan L. sagt, er habe das Leid der Kranken und dahin siechenden Menschen nicht ertragen können. War es also Totschlag aus Mitleid?Karl Beine, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am St. Marien Hospital in Hamm und Professor an der Universität Witten/Herdecke nimmt an, dass in den meisten Fällen eher die Person des Täters im Vordergrund steht. Beine hat in der weltweit ersten systematischen Studie zu diesem Thema 16 Fälle von Patiententötungen dokumentiert und ausgewertet. Für die Arbeit, die im International Journal of Law and Psychiatry veröffentlicht wurde, hat er Gerichtsakten und Zeitungsartikel durchforstet. "Die Täter haben ständig das eigene Siechtum und Sterben vor Augen, wenn sie die Kranken pflegen", sagt Beine. "Von diesem Anblick befreien sie sich, wenn sie die Patienten töten". Sie handeln also weniger aus Mitgefühl mit den Patienten, sondern vielmehr aus Selbstmitleid. Psychisch krank und damit schuldunfähig seien die Täter deswegen jedoch nicht. Nach Beines Analyse handelt es sich bei den Tätern zumeist um Männer, die unter einem geringen Selbstbewusstsein leiden. Kollegen beschreiben sie oft als unauffällig. "Sie arbeiten nicht mehr oder weniger als andere Ärzte, Pfleger und Schwestern", sagt Beine. Allerdings schwelen an ihrem Arbeitsplatz häufig ungelöste Konflikte. Zum Beispiel fühlen sich Pfleger, Schwestern und Ärzte gegenüber Kollegen einer anderen Abteilung benachteiligt, Pflegekräfte sehen sich von den Ärzten im Stich gelassen oder Chefärzte können ihre Konflikte untereinander nicht lösen. In ihrer Freizeit pflegen die Täter kaum Kontakte; sie gehen zum Beispiel nicht zu privaten Festen ihrer Kollegen. Gleichzeitig genießen sie aber oft das Vertrauen ihrer Kollegen und sind beliebt. Stephan L. zum Beispiel galt unter seinen Kollegen als introvertierter und wenig teamfähiger Einzelgänger; er wurde aber als hilfsbereit und höflich geschätzt.Die Neigung, sich vom Kollegenteam abzusondern, bezeichnet Beine als Warnhinweis, ebenso eine verrohte Sprache. Er hat herausgefunden, dass die Täter häufig Worte wie "Krepieren" und "Abkratzen" benutzen und sich auch in der Gegenwart von Patienten nicht mit derben Äußerungen zurückhalten. "Wenn Sie weiter so lästig sind, dann sind sie der nächste, der stirbt", drohte etwa eine Wiener Krankenschwester einem Patienten. Häufig sagen die Täter auch den Todeszeitpunkt ihrer Opfer exakt voraus. Zumeist werden derartige Hinweise auf Patiententötungen jedoch übersehen, sagt Beine. Die Folge: Bis zu fünf Jahre vergehen zwischen dem ersten Mord eines Serientäters und seiner Entlarvung. Etwa die Hälfte der Patiententötungen werden nach Schätzungen des Bundeskriminalamts in Wiesbaden überhaupt nicht aufgedeckt. Auch Stephan L. hatte schon mehrere Monate lang seine tödlichen Spritzen verabreicht, bis einem Kollegen auffiel, dass mehrere Medikamenten-Ampullen verschwunden waren. "Welche Medikamente für welchen Kranken in welchen Mengen aus dem Arzneischrank entnommen wurden, wird in vielen Krankenhäusern und Pflegeheimen zu ungenau dokumentiert", kritisiert Beine. Aber nicht nur solche Unachtsamkeiten seien der Grund dafür, dass Patiententötungen unentdeckt blieben. Wer einen Verdacht äußere, werde daher häufig nicht ernst genommen. In Wuppertal habe zum Beispiel Mitte der achtziger Jahre ein Pfleger auf merkwürdige Verhaltensweisen einer Kollegin hingewiesen, berichtet Beine. Michaela R. hatte blutdrucksenkende Medikamente in eine Spritze aufgezogen. Kurze Zeit später fiel der Blutdruck eines Patienten in bedrohlicher Weise ab und die Schwester wollte nichts dagegen unternehmen. Als der Pfleger die leitende Anästhestin darüber informierte, nahm diese seine Beobachtungen nicht ernst, Er erhielt zur Antwort: "Sie konnten wohl sexuell nicht bei Ihrer Kollegin landen". Außerdem ordnete die Chefärztin strenges Stillschweigen an. "Wie viele andere Krankenhausmitarbeiter kam auch sie wohl gar nicht auf die Idee, dass Pfleger und Ärzte ihre Patienten vorsätzlich töten könnten", sagt Beine. "Schließlich haben die meisten von ihnen ihren Beruf gewählt, weil sie heilen und helfen möchten." Später stellte sich heraus, dass Michaela R. mehrere Patienten getötet hatte. "Wenn ein Täter den ersten Patienten ermordet hat, steigt die Bereitschaft, die Tat zu wiederholen", sagt Beine. Damit das Thema Patiententötung nicht verdrängt und tabuisiert wird, besucht Beine immer wieder Kliniken und hält dort Vorträge. Er fordert eine offene Gesprächskultur. "Die Betreuer müssen über aggressive Phantasien, die sie gegen Patienten entwickeln, offen reden können", sagt er und fügt hinzu: "Das würde Ärzten und Pflegern helfen, ihre Wut abzubauen - auf diese Weise könnten sie sich gegenseitig helfen."International Journal of Law and Psychiatry, Bd. 26, S. 373 ------------------------------"Bei den Tätern handelt es sich meist um Männer mit einem geringen Selbstbewusstsein."Karl Beine, Psychiater