Das sind lauter Aschenputtelgeschichten", schwärmt Susanne Stampf. 16 Frauen und zwei Männer hat sie aus über 100 Bewerbern für eine Schönheitsoperation ausgewählt. Die Kandidaten werden von einem TV-Team vom ersten Arztbesuch bis zur Nachbehandlung begleitet. Daraus entstand die Doku-Soap "Beauty-Klinik", die ab diesem Sonntag auf RTL 2 läuft.Ein paar Tage vor dem Start arbeitet Susanne Stampf noch in einem ungemütlichen Schneideraum in Hamburg-Lokstedt. Im Ausschnitt baumelt eine Kette mit lila Anhänger, die Fingernägel sind sorgfältig im gleichen Ton lackiert. Ihr transparentes Kleid betont ihre Lara-Croft-Figur. Susanne Stampf, zweifache Mutter, hat sich vor einem Jahr Fett absaugen lassen. Damals war das ein großes Thema für sie und ihre Freundinnen. "Mein Mann war genervt, dass wir nichts Anderes zu bereden hatten." Weil Susanne Stampf Journalistin ist und ihr Mann TV-Produzent, blieb das Thema nicht in den eigenen vier Wänden. Sie boten RTL 2 eine Doku an, nach Zögern griff RTL 2 zu. Das Thema sei "für die fokussierte Zielgruppe der 14- bis 29-jährigen Zuschauer interessant", so RTL 2-Sprecherin Susanne Raidt.Das Thema passt dem Sender gut ins Konzept. Seit Jahren wird RTL 2 als Schmuddelkanal verhöhnt. Zur Imagekorrektur verkündete Geschäftsführer Josef Andorfer kürzlich, dass künftig weniger Sex im Programm zu sehen sein werde. Nackte Busen gibt es trotzdem. Nun allerdings verpackt in scheinbar seriöse Magazine und Dokus wie "Beauty-Klinik". Auch sonst liegt RTL 2 im Trend. Noch nie wurde soviel über Schönheitsoperationen berichtet wie heute. "Vogue" erklärt, wie Fettabsaugen funktioniert. In "GQ" kann man sehen, wie eine Penisverlängerung vonstatten geht. TV-Boulevard-Magazine wie "Blitz" und "Exklusiv" füllen ihre Sendezeit mit den Schönheitsoperationen von Münchner Millionen-Erbinnen. Immer schwingt ein lustvolles "Pfui!" im Unterton mit. Zugleich steigt die Zahl derjenigen, die eine Operation auf sich nehmen, um ihrem optischen Ideal näher zu kommen. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber die Vereinigung der Deutschen Plastischen Chirurgen schätzt, dass im vergangenen Jahr rund 800 000 Eingriffe vorgenommen wurden, das sind 80 Prozent mehr als Anfang der 90er. Am beliebtesten: Fettabsaugen, Gesichtsstraffung und Brustvergrößerungen. Medizinische Details bleiben bei der "Beauty-Klinik" außen vor. "Wir wollten keine Vorher-Nachher-Show, sondern emotionale Geschichten erzählen", sagt Susanne Stampf. Als ehemalige "Bild"-Redakteurin weiß sie, wie man das macht. Ihr Mann Günter, der die Sendung produziert, auch. Er berichtete in "Bild" über Politik, war später für "Newsmaker" und "Gottschalk" tätig. 1996 wurde der damalige Stellvertretende Chefredakteur der "Bunten" in der Affäre um ein verfälschtes Tom-Cruise-Interview geopfert. Stampf will festgehalten wissen, dass "Beauty-Klinik" eine seriöse Reihe ist. "Die könnte auch bei den Öffentlich-Rechtlichen laufen."Für die Kandidaten ist der Eingriff kostenlos, denn 20 000 Mark beispielsweise für eine Lidstraffung könnten wohl die wenigsten aufbringen. Um die Operation herum sind rührende Geschichten gestrickt worden: vom schüchternen Jungen mit großer Nase, den die Kollegen "Gonzo" nennen. Über die Sängerin, die ein Produzent mal ablehnte, weil sie wegen ihrer Schlupflider einen zu "finsteren Blick" habe. Über die 22-jährige Frau aus ärmlichen Verhältnissen, die auf ein besseres Leben hofft, wenn sie einen größeren Busen hat. Die drei Stewardessen aus Hamburg, die angeblich keinen Mann finden, weil der Busen zu klein ist oder die Nase zu schief. Auch für kritische Geister ist etwas dabei: Zweimal lehnt der Arzt die Behandlung ab. Die Operierten sind am Schluss wahnsinnig glücklich mit dem neuen Körperteil. "Die Leute blühten richtig auf, haben durch die Operation Kraft gefunden, ihr Leben zu ändern", behauptet Günther Stampf. Natürlich, gibt er zu, steht hinter manchem Wunsch nach einem größeren Busen ein tieferes psychisches Problem. Aber die medizinische Verantwortung trägt der Chirurg Thomas Jansen.Doktor Jansens Klinik ist wie fürs Fernsehen gemacht: Sie befindet sich in einer weißen, noblen Villa im Hamburger Stadtteil Pöseldorf, wo die Zahl der Kosmetikstudios die der Bäckereien übersteigt. Jansen, der lange Jahre als Unfallchirurg in Heidelberg arbeitete und vor zehn Jahren ins Schönheits-Fach wechselte, hat vor knapp einem Jahr Susanne Stampf behandelt. Ihn wollte sie unbedingt für die Sendung haben, obwohl fünf andere Ärzte sich ihr auch anboten, einer gar eine mehrstellige Summe versprach, wenn der Dreh in seiner Klinik stattfinde. Schließlich könnten sie so das Werbeverbot umgehen, das für Ärzte in Deutschland gilt. Ein TV-Auftritt erzielt einen riesigen Effekt, bestätigt Marita Eisenmann-Klein, Mitglied in der Vereinigung Plastischer Chirurgen und Ärztin am Krankenhaus in Nürnberg. "Nach einem Auftritt stehen bei uns die Telefone nicht mehr still", sagt sie. Das Konzept der "Beauty-Klinik" beurteilt sie skeptisch. Zwar sei der Ansatz, ohne Vorurteile über ihr Metier zu berichten, gut. Doch sollte lieber gezeigt werden, wie aufwändig die OPs sein können und welche Risiken sie mit sich bringen: Thrombose-Gefahr und Herz-Kreislauf-Probleme können beispielsweise die Folge des Fettabsaugens sein. Es hat sogar einige Todesfälle gegeben. "Viele Leute denken vielleicht, wenn das so unkompliziert ist, könnte ich mir das auch machen lassen", befürchtet sie.Ob Günter Stampf von Thomas Jansen Geld bekommen hat, wollen beide nicht sagen. Wenn ja, hat sich die Investition gelohnt. Jansen kommt in der "Beauty-Klinik" als väterlicher Freund, Typ Doktor Brinkmann, rüber, der auch ernste Worte findet. Bilder von der Operation machen nur einen Bruchteil der Sendung aus. Es fließt kein Blut. Stattdessen: Gespräche, lachende Gesichter hinter dicken Verbänden. Thomas Jansen hat eine sehr pragmatische Haltung zu seinem Job: "Schönheitsoperationen sind höherwertige Dienstleistungen, sagt er. "Und wenn sich der Mann teure Felgen und einen Bordcomputer zulegt, warum soll sich die Frau nicht die ,Reiterhosen entfernen lassen?" Nur stirbt man vom Felgeneinbauen wohl kaum.Beauty-Klinik, achtteilige Doku-Soap ab Sonntag, 20.15 Uhr, auf RTL 2."Wenn sich der Mann teure Felgen zulegt, warum soll sich die Frau nicht die ,Reiterhosen entfernen lassen?"Thomas Jansen, Schönheitschirurg.CHRISTIAN CHARISIUS Sie wollte eine Operation, er eine TV-Reihe. Nun bekamen sie beides: Günther und Susanne Stampf.