Die Lustzentrale ist schuld. Jenes System von Nerven vorne im Gehirn, dass das Befinden steuert. Wenn es von Alkohol umspült wird, kann es passieren, dass sich der Mensch oft völlig verändert. Dass er - abhängig von seiner Persönlichkeit - euphorisch wird, in Freudentaumel verfällt - oder aggressiv wird. Gerade zu Silvester wird ja wieder reichlich Alkohol getrunken. Einer Umfrage zufolge ist dann gar jeder dritte Mann im Vollrausch.Bei Alkoholgenuss gehe ein Kontrollmechanismus verloren, sagt der Gerichtspsychiater und Suchtexperte Werner Platz. Dann ist es auch möglich, dass jemand ausrastet und Gewalttaten begeht. Gerade bei jenen, die sonst gehemmt sind, ist das eher der Fall. Dann kann es sein, dass psychiatrische Gutachter wie Platz auf Grund des Alkoholgenusses später vor einem Gericht von verminderter Schuldfähigkeit sprechen. Und dass Richter eine mildere Strafe aussprechen.Im Jahre 2005 wurden 56 436 Menschen von Berliner Gerichten verurteilt. Fast jeder 20. von ihnen, nämlich 2 869 Angeklagte, bekamen mildere Strafen wegen verminderter Schuldfähigkeit - die meisten, weil sie zu viel Alkohol getrunken oder Rauschgift genommen hatten. Dabei ging es meist um Körperverletzungen, Widerstand gegen Polizisten, Diebstähle oder Schwarzfahren. Bei 40 Prozent aller Totschlagsdelikte war Alkohol im Spiel. Für das Jahr 2006 liegt noch keine Statistik dazu vor.Im Strafgesetzbuch ist klar geregelt: Wenn ein Angeklagter zur Tatzeit nicht in der Lage war, das Unrecht seiner Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, kann die Strafe gemildert werden. Bei einer Tat im Vollrausch - also wenn jemand eine Tat, egal ob Körperverletzung oder Mord, begeht und mit mehr als drei Promille Alkohol als schuldunfähig gilt - beträgt die Höchststrafe nach Paragraf 323a gar nur fünf Jahre. Aufsehen erregte etwa ein Fall vor zehn Jahren: 1996 wurde ein 34-jähriger Polizist in Marzahn bei einer Verkehrskontrolle von einem betrunkenen Autofahrer erschossen. Der Täter erhielt wegen Vollrauschs und unerlaubten Waffenbesitzes eine Gesamtstrafe von nur sieben Jahren Haft. Danach startete Berlin eine Bundesratsinitiative zur Abschaffung des Vollrausch-Paragrafen. Diese verlief aber im Sande.Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hätten Gerichtsgutachter klassisch beschrieben, wie sich Menschen unter Alkohol verändern, sagt Gutachter Platz. Täter seien deswegen auch schon milder bestraft worden. Zudem wurde damals schon festgestellt, dass in den Gefängnissen die Hälfte aller Insassen Alkoholprobleme hatten. Ein Prozentsatz, der heute noch gilt.Inzwischen gibt es eine neue Initiative im Zusammenhang von Alkohol und Strafrecht. Der Bundesrat hat Ende November beschlossen, einen Gesetzentwurf in den Bundestag einzubringen, wonach eine Strafmilderung ausgeschlossen sein soll, wenn Täter ihren Rausch selbst verschuldet haben. Die Initiative kam aus Hamburg und wurde von CDU-geführten Ländern unterstützt. Berlin schloss sich nicht an. Weil die geltenden Gesetze bereits ausreichend seien, wie es zur Begründung hieß.Denn schon jetzt führt der Genuss von Alkohol nicht automatisch zu einer Strafmilderung. Seit etwa zwei Jahren habe sich die Rechtsprechung massiv geändert, sagt Peter Faust, Richter am Berliner Landgericht und Vorsitzender des Berliner Richterbundes. Nach seiner Einschätzung ist die Zahl der Verurteilungen mit Strafmilderung wegen Alkohols "deutlich gesunken". Eine Verurteilung wegen Vollrauschs habe es in seiner Kammer in den vergangenen zwei Jahren gar nicht mehr gegeben, sagt Faust.So hielten sich die Gerichte nicht mehr starr an Promillezahlen. Eher werde auf das individuelle Leistungsverhalten eines Täters geschaut, darauf, ob er Alkohol gewohnt und deshalb nicht so stark berauscht war wie andere. Es gebe Angeklagte, sagt Faust, die lieferten sich mit drei Promille Alkohol im Blut noch eine Verfolgungsjagd mit der Polizei durch die ganze Stadt. "Denen glauben wir dann nicht, dass ihre Steuerungsfähigkeit beeinträchtigt war." Wer zudem vorher wisse, dass er unter Alkohol zu Straftaten neigt, könne auch nicht mit Strafmilderung rechnen. Ein Kriterium, dies herauszufinden, sind die Vorstrafen. Bei den meisten Kneipenschlägereien, so Faust, würden die Angeklagten inzwischen als voll schuldfähig gelten.------------------------------Vermindert schuldfähigFür Aufsehen sorgte ein Fall im Dezember 2002: In Neukölln wurde ein 23-Jähriger vor eine U-Bahn geschubst und verlor beide Beine. Der Täter hatte drei Promille Alkohol im Blut.Der 33-jährige Täter wurde wegen versuchten Mordes zu 13 Jahren Haft verurteilt und bekam nur deshalb nicht die Höchststrafe lebenslang, weil er wegen seines Rausches als vermindert schuldfähig galt.Wegen Mordes an einem Ehepaar in Weißensee erhielt 2003 ein 32-Jähriger 14 Jahre Haft. Er hatte sich auf eine Rauschtat berufen.Der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf, weil der Täter bereits zuvor unter Alkohol einen Zechkumpan erschlagen hatte und deshalb gewusst haben muss, dass er unter Alkohol zu Straftaten neigt. Im zweiten Prozess wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt.Am Silvesterabend 2004 töteten drei Obdachlose, ein Mann und zwei Frauen, einen 48-jährigen Bekannten wegen 150 Euro. Er hatte ihnen für eine Nacht Unterkunft gewährt.Die Obdachlosen wurden wegen Raubmordes zu Strafen von acht bis elf Jahren verurteilt. Alle drei waren aus Sicht der Richter durch Alkohol erheblich in ihrer Hemmungs- und Steuerungsfähigkeit vermindert.Im Januar 2007 beginnt der Prozess gegen den 17-jährigen Amokläufer vom Hauptbahnhof wegen versuchten Mordes in 37 Fällen. Er soll nach der Eröffnungsfeier wahllos auf Passanten eingestochen haben.Nach dem Alkoholgutachten hatte er zur Tatzeit etwa zwei Promille Alkohol im Blut. Im vorläufigen psychiatrischen Gutachten heißt es, dass er während der Tat vermindert schuldfähig war.------------------------------Foto: Das Kriminalgericht in Moabit: Jeder 20. Straftäter wird von Richtern des Landgerichts oder des Amtsgerichts als vermindert schuldfähig verurteilt.