Wer das neue Nürnberger Mitmach-Museum besucht, glaubt seinem Körper nicht mehr alles: Im Turm der Sinne

Eigentlich kann das doch gar nicht sein. Da liegen zwei schwarze Klötzchen auf dem Tisch aufeinander. Man hebt sie zuerst beide zusammen hoch, dann nur das obere Klötzchen. Und nun scheint das Obere schwerer zu sein als beide zusammen. Halt, Blödsinn, das kann ja überhaupt nicht sein. - Aber man glaubt es trotzdem."Dieser Versuch ist für viele ein unglaubliches Aha-Erlebnis", sagt Simone Holfelder, die im Nürnberger Turm der Sinne Führungen leitet. "Die Besucher wissen natürlich, dass das obere Klötzchen allein nicht schwerer sein kann als beide zusammen." Trotzdem wirkt es so, weil das Gehirn sich leicht verführen lässt. Denn die gängige Erfahrung besagt, dass schwere Sachen unten liegen, leichte Sachen hingegen oben. Das Gehirn stellt sich deshalb darauf ein, dass das obere Klötzchen, für sich allein genommen, leicht sein muss. Doch bei den Klötzchen in diesem Experiment liegt das schwere auf dem leichten. Da er es genau umgekehrt erwartet hat, empfindet der Besucher das obere Klötzchen plötzlich als schwerer als beide zusammen. Holfelder: "Unsere sinnliche Wahrnehmung lässt sich von theoretischem Wissen kaum beeinflussen."Wahrscheinlich ist das die zentrale Erkenntnis, die die Besucher aus dem Turm der Sinne mit herausnehmen: "Sie erfahren, dass sie ihrem eigenen Körper nicht alles glauben können", sagt Elisabeth Limmer, Leiterin des Museums, das im März eröffnete. Schon jetzt haben sich mehr als 19 000 Besucher die Ausstellungen im Mohrenturm in der Nürnberger Innenstadt angeschaut. "Das sind deutlich mehr, als wir erwartet haben", sagt Limmer.Entstanden ist der Turm der Sinne als private Initiative junger Naturwissenschaftler aus Nürnberg. Geld von der öffentlichen Hand gibt es nicht, das Museum muss sich selbst tragen. Bislang funktioniert das ziemlich gut - vor allem, weil das Museumskonzept der Nürnberger sich von dem herkömmlicher Museen unterscheidet.Auf den sechs Etagen des Turms dürfen, ja sollen die Besucher selbst aktiv werden. Da ist zum Beispiel die bewegliche Wand mit dünnen, schwarz-weißen Längsstreifen drauf. Der Besucher stellt sich auf einem Bein vor ihr hin. Dann zieht ein Museumsmitarbeiter die Wand nach rechts oder links - und der Gast fällt unweigerlich in diese Richtung. Es ist offenbar unmöglich stehen zu bleiben.Auf einem anderen Stockwerk geht es um Töne. An einem Tongenerator sollen die Besucher die im Kreis angeordneten Tasten drücken und den höchsten Ton suchen. So mancher drückt und drückt, ist schon einmal im Kreis herum, verzweifelt beinahe - denn die Töne scheinen immer höher und höher zu klingen. Die Erklärung: Jede Taste ist tatsächlich ein- und demselben Ton zugeordnet. Der aber besteht aus einem Mehrklang, der aus unterschiedlichen Frequenzen im Abstand von jeweils einer Oktave gebildet wird. Die tiefen und hohen Anteile werden zunehmend leiser, die mittleren bleiben in der Lautstärke konstant. Vom nächsten Ton werden neben der mittleren Frequenz zunächst auch wieder die hohen und tiefen Frequenzen wahrgenommen. So kann das ungeübte menschliche Gehör kaum erkennen, welcher der Töne nun höher ist als die anderen.Ein paar Stationen weiter geht es um altbekannte Phänomene. Etwa darum, dass man mit einem Auge nicht räumlich sehen kann. Oder, dass sich Spiralbilder im Gehirn des Betrachters zu drehen anfangen, wenn dieser sich zu dem Bild hin- oder von ihm wegbewegt. Die meisten der 36 Exponate auf nur 120 Quadratmeter Fläche aber wirken frisch, manche sind ausgesprochen lustig. Da stehen zum Beispiel Besucher am Mikrofon und fangen plötzlich an zu stottern, weil sie über Kopfhörer die eigene Stimme verzerrt und einige Sekunden versetzt hören. Mit dem Turm der Sinne wollen die Macher aber mehr als bloß Verblüffung erzielen. "Aus der Erkenntnis heraus, dass man sich nicht auf seine Sinne verlassen kann, versuchen wir, dem Besucher eine gesunde Skepsis gegenüber allem scheinbar Selbstverständlichen zu vermitteln", sagt Geschäftsführerin Limmer. Das aber bleibt ein hehrer Anspruch, den das Museum allein kaum erfüllen kann. Etwas zu kurz kommen in dem Museum wissenschaftliche Erklärungen. Die Phänomene werden zwar vorgeführt - was aber tatsächlich dahinter steckt und warum unser Gehirn so und nicht anders funktioniert, erfährt der Besucher nur selten.Das erste Stockwerk ist die Etage zum Riechen und Schmecken. Ganze Familien haben sich darin vertieft, die einzelnen Gerüche zu identifizieren. Und was alle Besucher gleichermaßen fasziniert, sind die fünf Geschmacksrichtungen, die sie mit Schmeckstäben entdecken können: süß, sauer, bitter, salzig - und "umami". Das ist die fünfte Geschmacksrichtung, die der japanische Forscher Kikunae Ikeda 1908 entdeckte und deren Geschmack von der Aminosäure Glutamat erzeugt wird. Umami lässt sich kaum in Worte fassen. "Bisher hat noch jeder Besucher ein andere Umschreibung dafür gewählt", berichtet Turm-der-Sinne-Mitarbeiterin Simone Holfelder. "Eklig" sagen die einen, "pikant" die nächsten.Turm der Sinne, Spittlertorgraben 45, Nürnberg; Dienstag bis Freitag 13 bis 17 Uhr, Mittwoch 13 bis 20 Uhr, Sonnabend, Sonntag und Feiertage 11 bis 17 Uhr. Eintritt sechs Euro, ermäßigt vier Euro. Weitere Informationen im Internet:www.turmdersinne.deTURM DER SINNE/GEORG DINKEL (2) Im Nürnberger "Ames-Raum" wirken zwei gleich große Männer verschieden groß. Die optische Täuschung beruht auf einem Gewöhnungseffekt. Da das Auge an rechtwinklige Gebäude gewöhnt ist, erwartet es, nur solche Räume zu sehen. In diesem Raum jedoch verfälschen genau aufeinander abgestimmte schiefe Winkel in den Wand- und Bodenlinien die räumliche Perspektive. Dadurch sieht es so aus, als stünden die beiden Männer nebeneinander. Tatsächlich aber steht der vermeintlich Große dem Betrachter viel näher als der "Kleine". Benannt ist der Raum nach Adelbert Ames. Der US-Augenarzt schuf ihn 1946 für seine Experimente.Der "Necker-Würfel" bietet dem Auge zum Erkennen der räumlichen Tiefe keine Hilfen wie Schatten oder verdeckte Flächen. So sieht die junge Frau mit einem Auge beim unbewegten Würfel die jeweils selben Kanten auf sich zu oder von sich weg gerichtet. Wenn sie das Metallgestell vor dem Spiegel dreht, hat sie den Eindruck, beide Würfel rotierten in der selben Richtung. Entdeckt wurde der Effekt 1832 von dem Schweizer Physiker und Mathematiker Louis Albert Necker.