Jeder von uns kann ein Opfer eines Gewaltverbrechens werden. Und dennoch denken die meisten, daß sie sich davor schützen können." Hubert Kury weiß, wovon er spricht. Der Psychologe am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg wurde vor einigen Jahren selbst überfallen und ausgeraubt während eines Weltkongresses für Opferforschung in Rio. "Ich hätte nie gedacht, daß mir so etwas passieren kann", erzählt der Wissenschaftler.Kury beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Viktimologie: Er untersucht die Beziehung zwischen Tätern und Opfern. "Irgendwann stieß ich dabei auf die Frage, ob Opfer von ihrer Umwelt anders beurteilt werden als Nichtopfer." Die Antwort gibt eine Studie, die Kury in Freiburg vornahm und die nun kurz vor der Veröffentlichung steht. Ihr Fazit: Menschen, die einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen sind, haben nicht nur mit der Tat selbst, sondern auch mit negativen Vorurteilen ihrer Umgebung zu kämpfen.Um dies zu belegen, wählte das Team um Kury nach dem Zufallsprinzip tausend Adressen aus dem Freiburger Melderegister aus. 518 Personen erklärten sich bereit, an der Studie teilzunehmen. "Die Befragten wußten natürlich nicht, was wir herausfinden wollten", berichtet Kury. Zunächst legten seine Mitarbeiter ihnen eine aus fünf Sätzen bestehende Kurzbiographie eines Durchschnittsbürgers vor. Auf einem Fragebogen sollten die Teilnehmer diese Person anschließend anhand von 85 vorgegebenen Adjektiven charakterisieren. Insgesamt konstruierte die Forschergruppe 13 unterschiedliche Lebensläufe, die bis auf wenige Punkte identisch waren. Immer handelte es sich um einen Mann oder eine Frau mittleren Alters mit Realschulabschluß, einer kaufmännischen Ausbildung, einem Ehepartner und zwei Kindern "Mitglieder einer Durchschnittsfamilie also", so Kury. In die weiblichen Biographien bauten die Wissenschaftler drei unterschiedliche Nationalitäten ein (deutsch, türkisch, norwegisch). Um herauszufinden, welchen Einfluß ein erlittenes Gewaltverbrechen auf die Charakterbewertung hat, versahen die Freiburger einen Teil der Lebensläufe mit unterschiedlichen "Viktimisierungen". Sie erwähnten in einem zusätzlichen Satz, daß die vorgestellte Person schon einmal Opfer einer Vergewaltigung oder eines Einbruchs war. In den weiblichen Biographien wurden zudem Ehefrauen dargestellt, die während ihrer Ehe mehrmals von ihrem Mann vergewaltigt worden waren.Doch kann man eine Person, über die man fünf Sätze gelesen hat, überhaupt charakterisieren? "Natürlich nicht", sagt Kury. "Wir wollten ja etwas über die Vorurteile herausfinden." Schließlich wüßten die Menschen, die ein Opfer aus ihrer Nachbarschaft verurteilten, von diesem meist auch nicht mehr als die Versuchsteilnehmer über die vorgestellte Person.Die Auswertung der Fragebögen hat die Psychologen zunächst nicht verwundert. Vergewaltigte Frauen wurden von den Befragten durchweg negativer beurteilt als Frauen, die keinem Verbrechen zum Opfer gefallen waren. "Nicht emotional stabil", "neurotisch" und "depressiv" lauten häufige Einschätzungen. Ähnliche Urteile wurden über anal vergewaltigte Männer gefällt.Die schlechtesten Charakterbewertungen erhielten jene Frauen, deren Biographie mehrfache Vergewaltigungen in der Ehe enthielten. "Das hat uns doch überrascht", räumt der Freiburger Psychologe ein. Die Gesellschaft unterscheide offenbar in ihren Vorurteilen zwischen Frauen, die unverschuldet in eine anonyme Gewaltsituation gelangen und solchen, die sich trotz mehrfacher Gewaltanwendung nicht gegen ihre Täter auflehnen können. Kaum stigmatisiert wurden indes Einbruchsopfer, wobei Männer in diesem Punkt schlechter abschnitten als Frauen."Opferstigmatisierung" ist ein Phänomen, das in den USA seit langem analysiert wird. Insbesondere Vergewaltigungsopfer haben in Gerichtsverfahren, das belegen amerikanische Untersuchungen, mit Vorurteilen und Schuldzuweisungen zu kämpfen. Durch Sätze wie: "Sie hat es durch ihre Kleidung provoziert", "Frauen lieben Gewalt beim Sex" oder "Eine Frau, die nein sagt, meint ja," wird der Opferstatus der Frau negiert und der Täter entlastet."Gerade bei Sexualdelikten sind solche Schuldzuweisungen weit verbreitet", sagt Kury. Einer vergewaltigten Frau, die nicht in Sack und Asche daherkomme, unterstelle man offenbar, sie habe das Begehren ihres Täters provoziert. Für den Freiburger Psychologen ist das "eine ganz gefährliche These. Auch der Meinung, daß Menschen durch ihre Persönlichkeit oder ihr Verhalten von Tätern gezielt als Opfer ausgewählt werden, widerspricht er energisch. Wiederum sei hier eine Mitverantwortung des Opfers impliziert: "Wenn eine Frau nicht hoch erhobenen Hauptes durch die Stadt geht, ist sie deshalb nicht schuld an einem Überfall," so der Psychologe. Die Schuld an der Tat trage vielmehr allein der Täter.Die Stigmatisierung von Opfern ist ein kulturüberschreitendes Phänomen. Dies zeigt eine Parallelstudie, die ein japanischer Kollege von Helmut Kury im vergangenen Jahr in Sapporo vornahm. Die für Japan konstruierten Lebensläufe enthielten allerdings nur ein Gewaltverbrechen: die Vergewaltigung einer Frau. Auch in Japan beurteilten die Befragten die vergewaltigten Frauen durchweg negativer als Frauen mit einer Normalbiographie.Was steckt hinter der gesellschaftlichen Stigmatisierung von Verbrechensopfern? Der Psychologe erklärt die Vorurteile Außenstehender als einen Selbstschutzmechanismus: "Indem ich dem Opfer negative Eigenschaften zuweise, kann ich mich von ihm distanzieren und mich dadurch selber auf die sichere Seite bringen." Die Suche nach rationalen Erklärungen für das Opfer-Werden hat er auch schon an sich selbst beobachtet. "Nachdem ich ausgeraubt worden war, habe ich mich als erstes gefragt, wo meine Mitschuld lag." Getreu dem trügerischen Motto: Wenn ich alles richtig mache, kann mir nichts passieren. " Normalerweise tragen Menschen jedoch wenig dazu bei, daß sie Opfer werden", so Kury.Für Kury haben die Ergebnisse der Studie eine gesamtgesellschaftliche Relevanz. Daß immer noch rund 95 Prozent aller Sexualdelikte nicht zur Anzeige gebracht werden, liegt seines Erachtens auch an den aufgezeigten Vorurteilen. "Viele Frauen zeigen Gewalttaten nicht an, weil sie von negativen Erfahrungen im Umgang mit Opfern wissen." Noch zu selten träfen Menschen, die ein Gewaltverbrechen zur Anzeige bringen wollen, auf verständnisvolle und psychologisch geschulte Polizeibeamte. "Der Täter wird psychologisch betreut, das Opfer aber wird allein gelassen", sagt Kury. Diese Isolation der Opfer verhindere aber die Verarbeitung des Geschehenen. "Traumatische Erlebnisse können reduziert werden, wenn man über sie redet." Doch nur wenige Opfer schafften es, offen über das Erlebte zu sprechen.Diese Erfahrung hat auch die Berliner Gesprächstherapeutin Astrid Höflich-Klehr gemacht. Sie arbeitete zehn Jahre lang für die Opferschutzorganisation "Weißer Ring". Aus dieser Zeit weiß sie, daß Opfer häufig die Vorurteile der Umwelt verinnerlicht haben. "In unserer Gesellschaft werden Täter oft als stark und Opfer als schwach kategorisiert. In diesem Denksystem sind auch die Opfer verhaftet", so Höflich-Klehr. Aus Scham über die eigene Schwäche verschwiegen viele Opfer den erlittenen Angriff und könnten ihn daher nur schwer verarbeiten. Wer es schaffe, über das Erlebte zu reden, werde dafür manchmal selbst von Familienmitgliedern bestraft. "Die stärksten Kritikerinnen von Vergewaltigungsopfern sind häufig deren Mütter."