Wer frisst, will leben: Meine Tiere

Euthanasie. Da steht es, dieses erschreckende, vielmals entsetzlich missbrauchte, aber eben doch nicht völlig aus unserer ethischen Praxis wegzudenkende Wort. Die Frage nach dem leidenden, sterbenden Menschen sei hier völlig beiseite gelassen. Bei Tieren jedoch finden die meisten Menschen Euthanasie in Ordnung. Dem schmerzgeplagten alten Hund gibt man eine Spritze, dem angefahrenen Reh den Gnadenschuss. Doch auch hier, beim Tier, gibt es welche, die widersprechen: Dieser beschleunigte Tod sei nicht gut für die Seele, meinen manche Esoteriker. Die Seele solle "hinüber" gehen, darauf müsse sie sich vorbereiten. Manche gläubigen Menschen meinen, jede Art von Tötung sei Mord. Ich gebe zu, ich bin hier aus pragmatischen Gründen optimistisch. Wenn es Gott und seine Engel gibt, dann werden sie der tierischen Seele gewiss hinüberhelfen. Wenn ein Tier sehr leidet und wir nicht anders helfen können, sind wir dann nicht in der Pflicht?Das erste Tier, das ich vom Tierarzt einschläfern lassen musste, war das Huhn Keira. Keira war ein besonderes Huhn. Sie hatte viel Angst vor den anderen Hühnern, manchmal zitterten ihr die Beine. Sie liebte Kürbis, und wenn man ihr ein Stück davon hinlegte, hackte sie nach Kräften darauf herum, wie übrigens auch auf allem anderen, Holz oder Pappe. Ja, Keira war ein besonderes Huhn. Eines Tages verharrte sie mitten in der Bewegung. Kein Vor, kein Zurück, sie legte sich nicht einmal hin. Ich setzte sie in einen Käfig, in dem sie Ruhe hatte, dachte, sie würde sterben, aber sie starb nicht. Sie fraß kaum, bewegte sich kaum, schien zu dösen. Ich rief den Tierarzt.Am Abend, bevor er kommen sollte, bot ich Keira ein hartgekochtes Ei an. Sie erwachte aus ihrer Trance, fraß mit alter Munterkeit. Ich bestellte den Tierarzt ab. Keira verfiel wieder in ihre Starre. So ging das eine Woche. Dann packte ich Keira ein und fuhr sie in die Klinik der Tierärztlichen Hochschule nach Hannover. Keira war so geschwächt, dass sie in den Kurven andauernd umfiel. Die Vogelexpertin untersuchte sie und sagte bedauernd, das Humanste sei ein baldiges Ende.Sie holte eine Schachtel aus dem Schrank, darauf stand wieder dieses Wort: Euthanasie.Zunächst bekam Keira eine Betäubungsspritze in die Brust, dazu musste ich sie anheben und drehen. Die Augen des armen Huhns weiteten sich vor Entsetzen, als die Nadel in ihren Körper stach. Plötzlich war wieder Leben in ihr, dieser wache Funke. Dann schloss sie die Augen, bekam die nächste Spritze, atmete mehrmals ein und aus und dann irgendwann nicht mehr. "Jetzt hast du es geschafft", sagte die Tierärztin leise.Doch da wäre auch Parcel. Jene vorwitzige, graue Ziege, mit einem Gesicht wie aus dem Bilderbuch. Im letzten, eiskalten Winter fing sie an zu frieren, zu zittern und abzumagern. Der Tierarzt nahm Blut, ihre Krankheit ist nicht ansteckend, aber unheilbar. Ich wickelte sie in Thermofolie aus dem Erste-Hilfe-Kasten, drumherum weiches Fleece, viele Meter Paketband. Fütterte ihr morgens und abends zusätzlich Kraftfutter. Parcel hörte zwar auf zu zittern, wurde aber immer dünner. Irgendwann wurde sie so schwach, dass sie beim Gehen wankte. Es war Zeit, den Tierarzt zu rufen.Doch ich konnte nicht. Hatte eben erst ein geliebtes Tier verloren. Wollte dem Tod nicht schon wieder begegnen, nicht die Tierkörperbeseitigung anrufen und Parcels Leib in einem blauen Sack neben die Straße legen. Ich schob die Entscheidung zwei Wochen vor mir her. Es kam der Frühling, das Gras grünte. Parcel fraß und wurde - entgegen aller tierärztlichen Prognosen - wieder kräftiger, obwohl sie immer noch krank ist. Wenn die Sonne scheint, streckt sie alle Viere von sich. Zwei Mal täglich besteht sie auf ihrer Extraration. Wenn nun der Winter kommt, weiß ich nicht, wie lange Parcel noch kräftig bleibt. Die Tierärztin und ich haben beschlossen: Wer frisst, will noch leben. Das ist nicht mehr als eine Daumenregel. Als wie "lebenswert" mag ein schwerkrankes Tier sein Leben wohl empfinden? Die Begriffe knirschen, eine Beurteilung von außen ist streng genommen unmöglich, jede Entscheidung moralisch fragwürdig, und Gewissheit gibt nicht.-----------------------Unsere Autorin lebt in der Lüneburger Heide. Zuletzt erschien ihr Roman "Mihriban pfeift auf Gott" (DuMont).