Am Freitag hat US-Präsident Barack Obama angekündigt, die Mitarbeiter der CIA nicht der Folter anzuklagen, wie sie an Terrorverdächtigen in Abu Ghoreib, Guantanamo und den sogenannten Black Sites - also geheimen US-Gefängnissen überall in der Welt - verübt wurde. Obama reagierte damit auch auf einen Aufsatz in der April-Ausgabe der New York Review of Books, in dem der US-Journalist Mark Danner ausführlich aus einem 2007 verfassten, streng vertraulichen Bericht des Internationalen Roten Kreuzes zitierte (nybooks.com/icrc-report.pdf). Das Rote Kreuz hatte 14 als besonders gefährlich eingestufte Verdächtige im US-Gefängnis Guantanamo auf Kuba interviewt, die sogenannten Platinum-Gefangenen, die in Verbindung mit dem 11. September 2001 und anderen geplanten Anschlägen gebracht worden waren.Von Obamas Immunitätszusicherung für die CIA beinahe überschattet wurde das eigentlich noch bedeutendere Ereignis. Obamas Justizminister Eric Holder ließ die Rechtsmemoranden der Bush-Regierung veröffentlichen, die in trocken juristischer Sprache die angewandten Verhörmethoden beschreiben. Sie bildeten die rechtliche Grundlage für die Foltermaßnahmen.So konnten Gefangene bis zu elf Tage wach gehalten oder in eine sargähnliche Kiste gesperrt werden, in die Insekten eingesetzt wurden, um die Phobien der Gefangenen auszunutzen; sie wurden 24 Stunden lang grellem Licht oder völliger Finsternis ausgesetzt oder mit lauter Musik beschallt. Den Berichten des Roten Kreuzes zufolge müssen die Inhaftierten fürchterliche Qualen erlitten haben.Wer sind die Verantwortlichen für diese Vorgänge? Wie sah die politische Befehlskette hinter der Folter aus? Eine Reporterin des New Yorker, Jane Mayer, hat in ihrem Buch "The Dark Side" ("Die dunkle Seite") den Weg der Entscheidungen bis in die Spitzen des amerikanischen Regierungsapparates verfolgt. Mayer hatte bereits im vergangenen Jahr Einsicht in den Bericht des Roten Kreuzes, sie kannte mehrere der jetzt veröffentlichten Folter-Memoranden. Und sie besaß einen Zugang zu so gut wie allen wichtigen Entscheidungsträgern im Umfeld George W. Bushs - vor allem zu dem in seiner Bedeutung kaum zu überschätzenden Vize Dick Cheney. Mayers herausragendes Buch erklärt, wie es zu den Eskalationen in Abu Ghoreib und auf Guantanamo, den Entführungen von Verdächtigen in aller Welt und der Folter in den geheimen Gefängnissen kommen konnte. "Inside Story of How the War on Terror Turned into a War on American Ideals" ("Wie der Krieg gegen den Terror hinter den Kulissen zu einem Krieg gegen amerikanische Ideale wurde"), wie das Buch im Untertitel heißt, ist eine der fundiertesten Studien zur Bush-Regierung überhaupt.Schon wenige Tage nach dem 11. September sagte Vizepräsident Dick Cheney in einem Fernsehinterview, bei der Verfolgung der mutmaßlichen Terroristen müsse man sich für einige Zeit auch auf die "dunkle Seite" begeben - oder, wie es häufig hieß, "die Handschuhe ausziehen".Ohne eine rechtliche Grundlage in der Verfassung waren es vor allem Cheney und dessen engster Mitarbeiter David Addington, die innerhalb der Regierung immensen Druck ausübten und im politisch-bürokratischen Nahkampf vor keinem Mittel zurückschreckten, der CIA und später auch dem Militär nicht nur die rechtliche Absicherung für "besondere Verhörmethoden" zu verschaffen, sondern sie auch dazu zu ermahnen, alles zu tun, was nötig sei, um aus den Gefangenen Geständnisse und Hinweise zu geplanten Attentaten her auszupressen. Mayer beschreibt die Atmosphäre im Weißen Haus als panisch bis paranoid, Cheney und Addington seien hingegen mit kalter Berechnung vorgegangen.Eine zentrale Rolle in der juristischen Absicherung spielte das "Office of Legal Council", ein Referat im Justizministerium, das für die Regierung bindende Rechtsgutachten erstellt. Cheney und Addington hatten dort ihren Bruder im Geiste installiert, John Yoo, einen jungen, erzkonservativen Juristen. Yoo übernahm entweder Addingtons Vorlagen oder verfasste selbst jene Memoranden, die Foltermethoden wie etwa das berüchtigte simulierte Ertränken, Waterboarding genannt, legalisierten. Zudem wurden dem Präsidenten in seiner Rolle als "Commander in Chief" nahezu uneingeschränkte Rechte zugewiesen. Der Kongress sollte kein Mitspracherecht haben, und selbst die späteren Urteile des Supreme Court, des obersten Verfassungsgerichts, die das Recht der Häftlinge auf Rechtsbeistand bestätigten, versuchte man zu umgehen oder schlichtweg zu ignorieren. "The Imperial Presidency" - die imperiale Präsidentschaft hat man die Ära Bush nicht umsonst genannt.Todesdrohungen, Schläge, gebrochene Knochen, extreme körperliche Strapazen, Entführungen, Schlafentzug, das alles sei ganz üblich gewesen im Irak, zitiert Mayer den Hauptmann Ian Fishback. Dank ihrer Recherche wird deutlich, wie der von Bush und Cheney ausgehende Druck, "Ergebnisse zu erzielen", alle rechtlichen und moralischen Grenzen hinweggefegt hat, von ganz oben bis ganz unten, vom Oval Office bis zu den einfachen Soldaten auf Guantanamo und in Abu Ghoreib.Die "Ergebnisse" waren dabei so gut wie vollständig unbrauchbar. Unter Schmerzen und Panik ist ein Gefangener nur allzu bereit, alles zu erzählen, was die Folterer von ihm hören wollen, damit die Tortur ein Ende hat. Mark Danner hat in seinem Essay darauf hingewiesen, dass die Diskussion über die Frage, ob die Aussagen der Gefangenen tatsächlich Anschläge verhindert haben könnten, noch immer auf dem Mythos der "tickenden Bombe" beruhe, den die Fernsehserie "24" so populär gemacht habe. Dieser besagt, dass nur noch Folter einen unmittelbar bevorstehenden Anschlag verhindern könnte. Diane Beaver, oberste Militäranwältin auf Guantanamo, sagt in Mayers Buch ganz offen, Jack Bauer, der "Held" der Serie, habe ihnen viele Ideen für neue "Verhörmethoden" geliefert. Die Sendung hätten sich die Befrager dort alle begeistert angesehen.------------------------------Jane Mayer: The Dark Side. The Inside Story of How the War on Terror Turned Into a War on American Ideals. Doubleday, New York 2008. 400 S., 27,50 Dollar / ca. 20 Euro.------------------------------Dick Cheney sagte nach dem 11. September, man müsse sich für einige Zeit auf die dunkle Seite begeben und die Handschuhe ausziehen.------------------------------Foto : Das Gefangenenlager Guantanamo am frühen Morgen