Wer keinen Intendanten braucht, braucht eigentlich auch kein Theater: Nordhausen macht den Weg frei

Auf einmal ist von Grundgesetzesbruch die Rede, und man erschrickt. Die Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen GmbH betreibt, wie der Name der Institution andeutet, ein dreispartiges Theaterhaus (Ballett, Musiktheater und Schauspiel sowie ein Kinder- und Jugendtheater) in Nordhausen und ein Orchester in Sondershausen. Das Geld kommt von den Gesellschaftern: Stadt und Landkreis Nordhausen, Sondershausen und Kyffhäuserkreis. Es reicht nicht. Also wird die Schauspielsparte eingespart. Schon bis zum Sommer schrumpft das Ensemble auf fünf unkündbare Köpfe zusammen. Dann spielt in Nordhausen das Rudolstädter Schauspielensemble, das Musiktheater aus Nordhausen fährt seinerseits durchs Thüringer Land. Auf diese Weise ist die Finanzierung des Theaters bis ins Jahr 2008 gesichert. So weit, so elend, so üblich.Unüblich ist die Vorgehensweise des zuständigen Parlaments, die Intendantenstelle zu streichen und stattdessen einen Geschäftsführer einsetzen zu wollen, der neben der wirtschaftlichen auch die künstlerische Verantwortung tragen soll. Die Stelle ist ausgeschrieben, rund fünfzig Arbeitssuchende haben sich beworben. Die Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD) verteidigt diese Idee: "Ein stabiles wirtschaftliches Fundament für unser Theater und eine höhere Akzeptanz beim Publikum, das war der Grund für unsere Forderung, die Träger müssten künftig prinzipiell die Möglichkeit haben, wichtige Entscheidungen der Theaterleitung mit zu beeinflussen. Die Mutmaßung, die Träger wollten den Spielplan selbst bestimmen, weise ich zurück. " Dass die Träger dies vielleicht nicht wollen, ändert nichts daran, dass sie es jetzt könnten. Rinkes Beigeordneter und gleichzeitig Theater-GmbH-Aufsichtsratsvorsitzender Klaus Wahlbuhl (SPD) will jedenfalls können dürfen: "Eine reine Intendantenstelle hätte bedeutet, dass praktisch alle Entscheidungen zu Programm- bzw. Angebot des Theaters und Personalentscheidungen faktisch außerhalb des Einflusses der Träger des Theaters liegen würden. " Genau da lagen die Entscheidungen bisher prinzipiell gut, prinzipiell wie gesagt. Die Zuschauerzahlen in Nordhausen haben sich verschlechtert. Der einstige Intendant Christoph Nix (1994-99) dürfte einigen Nordhäusern zu provokativ gearbeitet haben, damals verschreckte zum Beispiel Armin Petras, der gerade zum Theatertreffen eingeladen war, den einen oder anderen Zuschauer. Nach Nix kam Monika Pirklbauer, die ihre Leute aus Esslingen mitbrachte, wo sie Chefdramaturgin war. Sie ließ erst einmal Ruhe einkehren und meinte genau zu wissen, wie viele Flopps die Gesellschafter ihr durchgehen lassen würden (nämlich höchstens einen pro Spielzeit, mehr brächen ihr das Genick). Statt der 106 000 Zuschauer zu den besten Nix-Zeiten, kamen in der Saison 2000/2001 nur noch 57 000. Es passierte, was passieren muss und trotzdem immer zu befürchten ist: Die Stadtpolitik sah sich gezwungen, irgendwie strukturell oder so zu handeln. Von nun an möchte Wahlbuhl mitbestimmen, was das Publikum praktisch und faktisch zu sehen bekommt. Spielplanentscheidungen, sofern sie wichtig genug sind, sollen die Gesellschafter, also die Politiker, treffen dürfen. Ob er meinte, was er sprach, kann er nur selber wissen. Als Praktiker und Faktiker weiß Wahlbuhl natürlich, dass behördliche Eingriffe in die Kunst die bedrohlich klingende Bezeichnung "Zensur" tragen und nicht rechtens sind, dass man sich also nicht dabei erwischen lassen darf. Jetzt können diese Eingriffe in den Verträgen mit den Geschäftsführern legitimiert werden. Künstlerische Freiheit ist zur Verhandlungssache geworden. Nordhausen macht den Weg frei, zumindest aber weist es auf einen Grundkonflikt bei steuerlich subventionierter Kultur, wenn künstlerische Freiheit mit fremdem Geld verwirklicht wird.Intendanten haben sich ihre fachlichen Kompetenzen bei einer entsprechenden Ausbildung verschafft, aber das hält die Stadtpolitiker nicht davon ab zu meinen, sie könnten es besser. Bei der Uraufführung von Uwe Gössels Stück "Clean up 2,99" gehen die Künstler den umgekehrten Weg und versuchen sich, ins Publikum zwinkernd, als Vermögensberater. "Gründen Sie eine GmbH!" Die Inszenierung ist, wie es aussieht, die letzte größere Schauspielproduktion aus Nordhausen. Die Premiere war halb leer. Das Stück enthält trotzdem alles, was einem Theaterabend Sinn gibt: Es setzt sich mit den Problemen in der Region auseinander, es stellt Biografien vor, die sich an der deutschen Geschichte reiben, es setzt sich selbst als Medium ins Verhältnis zu Fotografie und Videoüberwachung, es stellt letzte Fragen in konkreten Zusammenhängen, und es tut dies im Mantel einer sauber konstruierten, spannenden Handlung. Die Inszenierung von Arne Dechow legt das Gewicht auf all diese Nützlichkeiten des Theaters, so dass der Abend wie eine Rechtfertigung wirkt: etwas bedeutungshuberisch und unlocker, größtenteils lauthals gespielt und übergenau adressiert, so als folge jedem Satz die Nachfrage: "Verstanden?"Dass sich solche Tendenzen so glatt hineininterpretieren und sich nicht wegblenden lassen, ist das Verdienst einer Kulturpolitik, die dem Gegenstand, den sie zu verwalten hat, zutiefst misstraut.(KORREKTUR - Die in dem Bericht über die Abwicklung des Schauspiels in Nordhausen ("Nordhausen macht den Weg frei", Ausgabe vom 4. Juni) genannten Auslastungszahlen sind der offiziellen Internetseite der Stadt entnommen und nicht korrekt: Nicht 57 000, sondern 63 000 (mit Gastspielen 75 000) Zuschauer konnte das Theater in der Saison 2001/2002 verbuchen. - 11.06.2003)"Wir brauchen ihn nicht mehr. Der Zug der Zivilisation wird ihn ersetzen. " Der Intendant Christoph Nix über den Berufsstand des Intendanten.THEATER NORDHAUSEN Rainer Etzenberg (l. ) und Robert Frank spielen einen Familienbetrieb.