Wer mit Tuk verreist, kann sich von früheren Botschaftern der DDR Land und Leute erklären lassen: Die guten, alten Kontakte

BERLIN, 14. Februar. Man kann nicht sagen, dass Klaus Eichler ein schweigsamer Mensch ist. Wenn der 63-jährige Geschäftsführer über sein Berliner Unternehmen spricht, über touristik und kontakt international, kurz: Tuk, dann ist sein Sprachfluss kaum zu bremsen. Eichler schwärmt von motivierten Mitarbeitern, von vielseitigen Angeboten und zufriedenen Kunden. Er redet und redet - bis diese Frage kommt: Ob Tuk ein Hort für DDR-Nostalgiker sei? Eichler schweigt und überlegt. Schweigt. Überlegt. Wohl 30 Sekunden lang. "Eher weniger", sagt er dann.Mit Täve Schur zur Tour de FranceDass Eichler zögert, ist verständlich, denn die Frage hat ihren Grund: Tuk bietet seinen Kunden Reisen in die ganze Welt - mit Größen aus der früheren DDR als Reiseleitern. Das Radsportidol Gustav-Adolf "Täve" Schur erklärt Touristen die Tour de France, der Maler und Bildhauer Willi Sitte zeigt Interessierten die Kunstwerke italienischer Städte, und Frank Bochow, einst DDR-Botschafter in Portugal, führt Reisende durch Lissabon. Vor allem die ehemaligen Diplomaten sind stark vertreten unter den Reiseleitern von Tuk. Diese "Bildungsreisen", wie Eichler sie nennt, machen zwar nur fünf Prozent des Geschäfts von tuk aus. Sie stehen neben Angeboten, wie sie viele Reisebüros machen: Pauschaltrips nach Mallorca, Opernkarten für die Mailänder Scala, Erholungsreisen an die Müritz. Auch Klassenfahrten organisiert Tuk. Außerdem die Aufenthalte ausländischer Reisegruppen, die Deutschland besuchen wollen und deutscher Gruppen, die nach Berlin kommen - weswegen sich das Unternehmen auch als Incoming-Agentur bezeichnet.Doch erst die Reisen, die frühere DDR-Größen leiten, heben Tuk ab von der Masse der Anbieter im Tourismus-Geschäft. Die Idee dazu entstand nicht zufällig: Geschäftsführer Eichler hatte Erfahrung in der Branche. Zehn Jahre lang, von 1974 bis 1984, leitete er das FDJ-Jugendreisebüro "Jugendtourist". Vor der Wende war er zwei Jahre lang Chef des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) der DDR. Die Kontakte von einst "haben mir in vielfältiger Hinsicht geholfen", sagt Eichler. Zusammen mit anderen früheren Ost-Funktionären gründete er Anfang 1990 Tuk - "nur mit unserem eigenem Geld", darauf legt Eichler großen Wert. Vorwürfe, das Unternehmen sei auch mit Geldern der PDS finanziert worden, weist er noch heute empört zurück.Sein Reisebüro, das unscheinbar zwischen grauen Häusern in der Danziger Straße liegt, hat sich gut entwickelt. Eichler beschäftigt zehn Mitarbeiter, drei von ihnen haben schon bei Jugendtourist für ihn gearbeitet. Tuk hat, so sagt Eichler, "immer schwarze Zahlen geschrieben und ein bescheidenes Plus erwirtschaftet". Auch wegen der Reisen mit den einstigen Botschaftern. "Der Werbeeffekt ist ziemlich bemerkenswert", sagt der Geschäftsführer. Viele Kunden sagten nach solch einem Trip über Tuk: "Die verfügen über Kontakte. Die kennen sich aus."Was für Kunden das sind? Vorwiegend Ältere, sagt Eichler, denn die Reisen sind nicht billig: Der sechstägige Trip mit dem früheren Botschafter Bochow nach Lissabon beispielsweise kostet 720 Euro. Überwiegend Ostdeutsche sind dabei. "Aber wir haben auch viele jüngere Kunden, auch aus dem Westen", sagt Eichler. "Das Publikum ist breit gefächert, darauf möchte ich Wert legen." Auch politisch seien die Gäste durchaus unterschiedlich orientiert. Einmal sei gar ein erklärter CSU-Anhänger dabei gewesen: "Aber ich weiß nicht, ob wir ihn überzeugt haben."Überzeugt? Eigentlich will Eichler die Reisen weniger als politische Unternehmungen verstanden wissen, sondern mehr als "einzigartige Möglichkeit für Leute, die nach besonderen Eindrücken suchen, die mehr erleben wollen als auf üblichen Reisen". Er sieht die früheren Botschafter als ideale Reiseleiter: "Wer ein Land so gut kennt und die Sprache fließend spricht, der kann vor Ort Kontakte und Gespräche vermitteln, die sonst einfach unmöglich wären."So wie Frank Bochow. Von 1977 bis 1981 war der heute 65-Jährige Botschafter der DDR in Portugal. Er sagt, er habe noch viele Bekannte vor Ort, von damals. Einmal im Jahr bekommt Bochow Gelegenheit, die alten Freundschaften aufzufrischen. Seit zehn Jahren, immer im September, fährt er mit Reisenden zum Pressefest der "Avante!" nach Lissabon. Die Wochenzeitschrift ist das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Portugals (PCP). "Aber das Fest ist keine reine Agitationsveranstaltung", sagt Bochow. "Es ist das größte Volksfest Portugals."Auf dem Programm steht in diesem Jahr nicht nur der Besuch des Festes, sondern auch eine Stadtrundfahrt, der Besuch von Sehenswürdigkeiten und Gespräche - unter anderem im Haus des Zentralkomitees der PCP. Unzählige Eindrücke könnten die Touristen auf Reisen wie dieser sammeln, sagt Eichler: "Manchmal sitzen unsere Reisegruppen deshalb bis in die Nacht zusammen und tauschen sich aus."Überschaubare GruppenDamit jeder mit jedem ins Gespräch kommt, hält Tuk die Gruppen in einer überschaubaren Größe: nicht mehr als 30 Gäste pro Reise. Ist ein Angebot ausgebucht, bietet manch ein früherer Botschafter seine Dienste für eine zweite Tour an - alles ehrenamtlich. Gefragt sind diese Reisen nach wie vor, der schwachen Konjunktur und der hohen Arbeitslosigkeit zum Trotz. Schließlich, sagt Eichler, sei ein Großteil der Interessierten Rentner - oder finanziell abgesichert. Dann spricht er davon, dass die Botschafter-Reisen eine Erfolgsgarantie seien für Tuk, er redet und schwärmt ohne Pause, schon wieder. Und keine Frage ist da, die ihn stoppt.BLZ/PABLO CASTAGNOLA "Bemerkenswerter Werbeeffekt" - Frank Bochow (l. ) und Klaus Eichler über die Botschafter-Reisen von Tuk.