Emine Ülgen ist eine Maklerin, wie man sie nicht alle Tage trifft. Emine Ülgen ist nämlich nicht unbedingt daran interessiert, ihre Objekte tatsächlich zu verkaufen. Im Gegenteil, sie redet sie ihren Kunden auch schon mal vehement aus. Jene hübschen alten Holzhäuschen in Antalyas Altstadt etwa -die mit dem verträumten Erker vor dem ersten Stock und den eleganten Zedernsäulen im Hof -die bei Ülgens Kunden regelmäßig für diesen verklärten Blick sorgen, der nur die Romantik sieht, nicht aber die Realität.Die Realität, das ist vor allem ein mehrseitiges Papier mit Regeln des Denkmalschutzes. Wer ein Haus in der Altstadt erwerben will, erklärt die blonde Maklerin, die vor ihrer Hochzeit aus Belgien kam und Cherma Vanpoucke hieß, "muss das Alte wirklich sehr lieben, sonst wird er unglücklich". Und Emine Ülgen möchte keinen unglücklichen Kunden. Lieber macht sie ihm von vornherein klar, dass er für das gleiche Geld am Konyaalti-Strand ein Apartment bekommt, mit Meerblick, Fitnessstudio und Swimmingpool, komplett schlüsselfertig und ohne Scherereien. "Na, wäre das nichts?", fragt sie und blinzelt durch den Rauch ihrer Zigarette. Und da ist es dann doch: das Maklerinnenhafte, das Verkaufsfreudige -was nur zu gut hierher passt, ins Basarviertel der Altstadt, wo Emine Ülgen ihr Büro gemietet hat.Kaleici heißt die Altstadt Antalyas, was so viel heißt wie "in der Festung". Man muss nicht lange durch Kaleicis Gassen laufen, um jeden Urlauber zu verstehen, der hier für immer bleiben möchte. Es gibt Sehenswürdiges hier, den Uhrenturm, das Hadrianstor, die herrschaftliche Burg über dem Hafen. Doch was der Altstadt ihren einzigartigen Charme gibt, sind die Häuser im osmanischen Stil. An üppig bewachsenen Fassaden flaniert man vorbei, an verwunschenen Gärten hinter verrammelten Gattern. Diese Häuser könnten Geschichten erzählen.Hüseyin Cimrin tut es für sie. Der schlanke ältere Herr im grauen Anzug ist der Chronist der Stadt. Mehrere dicke Bücher hat er über Antalya und seine Historie verfasst, für die Zeitung Sabah schreibt er eine Kolumne und hievt damit jedes Wochenende die Vergangenheit ins Tagesgeschehen. Wer mit ihm an den alten Häusern entlang spaziert, erfährt mitunter, wer darin gewohnt hat, bekommt Tragödien und Romanzen zu hören, Gerüchte und Fakten. Cimrin hat schon an vielen Türen geklingelt, um die Geschichten dahinter zu erfahren. Bei einem dieser Häuser jedoch musste er nicht viel recherchieren. Es ist das Haus seiner Mutter, die Geschichte des Hauses ist die seiner Familie. Und sie ist auch ein Stück die seines Volkes.Cimrins Mutter war 13, als sie im Jahr 1924 zum ersten Mal dieses Haus betrat. Menschen mit griechischen Wurzeln hatten zuvor darin gewohnt. Sie mussten Antalya schon 1922 verlassen, so wie umgekehrt Cimrins Mutter zwei Jahre später Thessaloniki. Mindestens eine Million Griechen und fast 500 000 Türken wurden Opfer dieser Vertreibungen, die in den Geschichtsbüchern euphemistisch unter "Bevölkerungsaustausch" laufen. Als Kaleici später zum reinen Wohnviertel werden sollte, musste Cimrins Vater seine Limonadenfabrik außerhalb der Stadtmauer neu aufbauen. Hüseyin Cimrin war dennoch fast täglich in Kaleici. An den Wochenmarkt erinnert er sich. An den Duft von Jasmin und Orangen, der die ganze Stadt einhüllte. Und daran, wie alle runter zum Hafen liefen, wenn das Horn ertönte und die Männer schwere Baumwollballen verluden.Doch in den Siebzigerjahren wurde es leer in Kaleici. Viele junge Leute waren fortgezogen. Viele Häuser -inzwischen hundertjährig -begannen zu verfallen. Also fasste man erneut einen Plan: Kaleici sollte touristisch werden, ein Ausgehviertel samt Hotels und Restaurants in alten, aufgehübschten Gebäuden. Eine Häuserzeile in der Mermerli Sokak wurde verstaatlicht und vorbildhaft saniert und der alte Hafen, den der König von Pergamon einst angelegt hatte, zum Jachthafen umgebaut.Etiketten auf zerplatzte TräumeDoch so ganz ging der Traum vom schnellen Geld nicht auf. "Satilik", zu verkaufen, ist hier an den Fassaden so oft zu lesen wie in anderen Ferienregionen "Zimmer frei". Es sind Etiketten auf zerplatzte Träume. Rund zwei Drittel aller Altstadthäuser stehen entweder zum Verkauf oder kurz vor dem Verfall. Das Haus von Cimrins Mutter hat immerhin Käufer gefunden. Der Sohn zieht die Brauen hoch: "Sauerkirschrot, sie haben es sauerkirschrot gestrichen." Er beklagt den Sündenfall an der einst weißen Fassade, als hätte Kaleici damit endgültig die Unschuld verloren. "Und Fliesen haben sie auf die historische Mauer geklebt." Und die Vorschriften? Aber was ist auch zu halten von einem Denkmalschutz, demzufolge man ein historisches Haus auch komplett abreißen darf, solange man dafür eins an die Stelle setzt, das von außen genauso aussieht wie das alte?Attrappen seien das, gesichtslose Attrappen, sagt Muhittin Selamet, der Maler: "Außen Holz, innen Beton." Er trägt ein Silbertablett mit Teegläsern in seine Stube. Ein Ofenrohr ragt orientierungslos aus der Wand, die Dielen knarren, die Wände sind schief. Er darf hier wohnen, ohne Miete zu zahlen. Den Besitzern fehlt das Geld für die Sanierung. Wie lange er hier noch wohnen wird? Der kleine Mann mit den vielen Augenfalten über dem vollen Bart zuckt die Schultern. Er hofft, dass er noch eine Weile bleiben darf. So wie er hofft, dass auch Kaleici noch eine Weile so bleiben darf, mit dem Charme des Ursprünglichen. Er nimmt einen Schluck Tee und sein Blick schweift nachdenklich durch den Raum, um irgendwo hängenzubleiben. An der Realität vielleicht.------------------------------ServiceTeegärten: Der Teegarten zu Füßen des Uhrenturms ist einer der ältesten der Stadt. Seit 1992 wird er vom Künstlerverein Ansan bewirtschaftet, im Pavillion finden regelmäßig Ausstellungen statt. Einen schönen Teegarten mit Orangenbäumen hat auch das Café Bademalti in der Hidirlik Sok. 12. Im Café sind regelmäßig Ausstellungen und Konzerte.Unterkunft: Stilvoll und günstig wohnt man etwa im Mediterra Art Hotel. Das Tuvana Hotel ist in einem Komplex aus mehreren Häusern aus dem 18. Jahrhundert untergebracht und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet.www.mediterraarthotel.comwww.tuvanahotel.com------------------------------Karte: TürkeiFoto: Blick von der Altstadt auf das Taurusgebirge und den kleinen Stadtstrand.Foto: Wartet auf die Sanierung: osmanisches Haus in der Altstadt Antalyas.