RAMALLAH. Über die Terrasse des "Presto Café" in Ramallah wehen Salsarhythmen. Nasser* hat im Innen raum Platz genommen, sein Blick streift über die Veranda. Junge Paare sitzen dort bei Limonade und Eistee in der Nachmittagssonne. Nasser kommt selten hierher. Er ist Palästinenser, kam in Ramallah zur Welt und ist hier aufgewachsen. Doch er fühlt sich als Außenseiter in seiner eigenen Stadt. Seine Gesten wirken feminin, auf seinem engen, schwarzen T-Shirt funkeln Strasssteinchen. "Wenn mein Vater wüsste, dass ich Sex mit Männern hatte, würde er mich umbringen", sagt der 29-Jährige ruhig.Dass er schwul ist, weiß Nasser schon lange. Drei Beziehungen hatte er in seinem Leben, doch keiner seiner Ex-Freunde habe sich je geoutet, erzählt er. Die Treffen fanden heimlich statt, zu Hause, wenn Eltern und Geschwister nicht da waren. Als Paar auszugehen oder gemeinsam Freunde zu treffen - das war undenkbar. Es war ein Leben hinter geschlossenen Fensterläden. Nasser reichte das nicht.Erzwungenes DoppellebenWenn er durch Ramallah läuft, versucht er die jungen Männer an den Straßenecken zu ignorieren, die ihn nachäffen und Witze reißen. "Manchmal werfen sie Steine nach mir", erzählt er. Einmal konnte er sich nur mit Mühe in ein Krankenhaus retten. Als er seinen Vater anrief und ihn anflehte, er möge ihn von dort abholen, schrie der ihn nur an: Du bist doch selbst schuld, so wie du rumläufst. "Das Schlimmste ist: Wenn du schwul bist, denken alle, du gehst auf den Strich", sagt Nasser. Als er einmal mit seinem Vater die Straße entlang lief, wurde der höhnisch gefragt, wie viel er für die Nacht bezahle. Der Vater tobte, schrie die Männer an, sie sollten verschwinden. Doch zu Hause gab es großen Krach.Auf 15 Quadratmetern leben sie zu zweit. Die kleine Wohnung im Erdgeschoss ist dunkel und karg. Ein paar Bücher, ein Schrank, eine Couch, die sie sich teilen. Als seine Mutter noch lebte, sei es anders gewesen, erzählt Nasser. Sie habe ihn verstanden. Heute könne sich der Vater oft nicht mehr zurückhalten und schreie ihn an, schon wegen Kleinigkeiten. Wenn der Vater zu Hause ist, stellt Nasser sein Telefon lautlos, beantwortet keine Anrufe mehr. "Ich schlage die Zeit tot", sagt er und blickt aus dem Fenster.Nur 15 Kilometer entfernt, im Zentrum Jerusalems, hat die palästinensische Organisation Al Quaws ein kleines Büro bezogen. Vor dem Fenster flattert eine Regenbogenfahne im Wind. Al Quaws ist die einzige Anlaufstelle für schwule und lesbische Palästinenser. Nasser war noch nie hier. Zwar würde die Busfahrt nur eine Stunde dauern. Doch Palästinenser aus dem Westjordanland dürfen ohne Erlaubnis der Israelis Jerusalem nicht betreten.Deshalb organisiert Gründerin Haneen Maikey Treffen im Westjordanland, um Schwule und Lesben zu vernetzen. "Unsere Gesellschaft hat klare Normen in Bezug auf Sexualität", erläutert die 32-Jährige. "Je weniger privilegiert jemand ist, desto weniger Handlungsspielraum bleibt ihm." Ein Coming-out nach westlichem Muster sei selten. "Die meisten führen ein Doppelleben."So wie Yussuf*. Ein Hauch von Vanilleparfüm umweht seinen hochgewachsenen Körper, ein Ohrring funkelt am rechten Ohrläppchen. Als er mit 20 heiratete, wusste er schon, dass er nicht monogam leben würde. "Ich bin bisexuell", sagt er, "aber Männer mag ich mehr." Yussuf hat gelernt sich zu arrangieren. Auf seiner Arbeit achtet er darauf, nicht schwul zu wirken. Er zieht sein seidenes Hemd ein paar Zentimeter in die Höhe, ein Bauchnabelpiercing lugt hervor: "Im Büro kann ich das nicht zeigen." Seine Eltern wissen um seine Sexualität, "und sie akzeptieren sie, solange ich keine Probleme mache". Aus seiner braunen Handtasche fischt Yussuf ein Kondom: "Für alle Fälle", sagt er lachend und erzählt von Sex auf Toiletten in den Schwulenbars von Tel Aviv.Yussuf kann reisen, weil seine Eltern zur palästinensischen Oberschicht gehören und über die entsprechenden Beziehungen verfügen. Für die meisten Palästinenser aber liegt Tel Aviv, die Schwulenmetropole des gesamten Nahen Ostens, in unerreichbarer Ferne. Von denen, die allen israelischen Kontrollen zum Trotz illegal in der Anonymität der Großstadt untertauchen konnten, "werden die meisten früher oder später von der Polizei aufgegriffen und ins Westjordanland abgeschoben, selbst wenn ihnen wegen ihrer Homosexualität dort Gewalt und Folter drohen", kritisiert die Anwältin Anat Ben-Dor vom Zentrum für Flüchtlingsrecht an der Universität von Tel Aviv. "Israel verweigert ihnen das Recht auf Asyl, nur weil sie Palästinenser sind." Das sei ein Verstoß gegen die Genfer Flüchtlingskonventionen, fügt die Aktivistin Haneen Maikey von Al Qaws hinzu.Ihre prekäre Lage macht schwule Palästinenser erpressbar. Aus Angst, bei ihren Familien denunziert zu werden, oder in der Hoffnung auf eine Aufenthaltserlaubnis willigen einige sogar ein, als Informanten für den israelischen Geheimdienst zu arbeiten. "Jeder Schwule, der längere Zeit in Israel gewohnt hat, gilt als verdächtig", erzählt Mounir*.Flucht ist keine LösungEr selbst hatte eine Zeit lang in Tel Aviv gelebt, ehe ihn die Polizei vor sechs Jahren entdeckte, verhaftete und ins Westjordanland abschob. Sicher fühlt sich der heute 31-Jährige in Ramallah nicht mehr. Schon mehrmals wurde er von den palästinensischen Sicherheitskräften festgenommen und schikaniert. "Sie halten uns alle für Kollaborateure", erzählt Mounir. "Meinen Freund Samir haben sie verhört und geschlagen, bis er am Ende verblutet ist." Ein Jahr und acht Monaten sei das her."Wir haben keine Zukunft hier", sagt Mounir. Er würde gern in Europa leben, doch seine Chancen sind gering. Nur in drei Fällen sei es bisher gelungen, homosexuellen Palästinensern Asyl in EU-Ländern zu vermitteln, berichtet die Anwältin Anat Ben-Dor. Für die Gender-Aktivistin Haneen Maikey ist eine Flucht in den Westen generell keine Option: "Wir ermutigen niemanden zu gehen. Im Gegenteil: Wir fangen ja gerade erst an, die Dinge zu verändern", sagt sie. Der Wandel komme langsam, doch er komme, versichert sie. So viel Zuversicht bringen Nasser und Mounir vorerst nicht auf.* Name von der Redaktion geändert.------------------------------"Wenn mein Vater wüsste, dass ich Sex mit Männern hatte, würde er mich umbringen." Nasser, 29 Jahre alt------------------------------Foto: 15 Quadratmeter misst die Wohnung, die Nassers Vater und er sich teilen.