Oft hatte sie ihre Mutter geneckt, sie könne "gut laufen", mit "Füßen wie ein Landbriefträger!" Ihr Vater war der Postbote aus dem Nachbardorf gewesen, wie die Dorfkinder spotteten. Jedenfalls, drei Tage nach ihrer Geburt erschien vor dem Standesbeamten zu Ahrensbök/Holstein (damals Großherzogtum Oldenburg) die Hebamme und gab zu Protokoll: "dass von der unverehelichten Dienstmagd Bertha Margaretha Elise Westphal, evangelischer Religion, am 15. Februar des Jahres Tausendachthundert achtundneunzig ein Kind weiblichen Geschlechts geboren worden sei, welches die Vornamen Emmy Johanna erhalten habe."Die niedrige Kate steht noch, Weberstraße, im Feld, bei Gutshaus, Mühlenteich, Knicks, sie gehörte dem Viehhändler Noah Troplowitz aus Oberschlesien, seine Dienstmagd schlief in der Gesindekammer, 25 Lenze jung, und ein "uneheliches" Kind hatte sie bereits. Aus einfachen Verhältnissen, wie ich in Gelehrten-Büchern gelesen habe. Eine "geborene Kröger", "Fischerstochter", "aus Lübeck", "gut, doch primitiv", früh auf dem Weg zum "Gewerbe", zur Prostitution? Wie erhielt sie überhaupt den Rufnamen? Ihre Taufnamen klangen ihr "zu spießig", der Nachname hässlich, und sie legte sich einen "Künstlernamen" zu; ihre Mutter war ja nach Niendorf/Ostsee gezogen, hatte geheiratet, den Fischer Nicolaus Wilhelm Heinrich Kröger, und derart entstand die "Nelly Kröger". Hedwig, Audi, Käthe und Walter wurden Halbgeschwister. Oft drängelte sie: "Mutter, du hast einen so guten Mann, warum heiß ich nicht auch so!" Also wackelte der Fischer zum Rathaus, und der Beamte kritzelte am 30.12.1920 die "Erklärung" nieder: Kröger, Ehemann der Frau Kröger, erteile dieser Nelly "mit Einwilligung der Mutter seinen Familiennamen". Die Adoptierte war 22. Alle wohnten Nagelsallee 1. Nelly hatte, nach Abgang von der Volksschule, eine Lehre als Näherin durchlaufen. Die Meuterei der Matrosen in Kiel bei Kriegsende, Sturz der Monarchie, Gründung der Republik - Inflation, Arbeitslosigkeit, Klatsch und Tratsch, die Enge, was tun? Sie haut ab. In Lübeck nimmt sie den Zug nach Berlin Lehrter Bahnhof. Findet in der Invalidenstraße eine Schlafstelle. Arbeit in einer Kleiderfabrik des Ostens. Flaniert mit einer Freundin eines "linden Sommerabends am Kurfürstendamm, mit einem hergewehten Jüngling gehn sie tanzen" - im Tanzpalais "Delphi". Diesem gegenüber Kantstraße ("156", erinnert sich Bruder Walter) bezieht sie ein möbliertes Zimmer, Herrenbesuch nur bis 10 Uhr! Der erste "Verehrer" erscheint. Sie krakelt hinten aufs Foto: "Emmy und Werther" - aber wer wird sich erschießen? Werther bzw. Werner Schmidt, ein Schwerenöter anno 1925, Sakko, weiße Tennishosen, glatt rasiert, Haar wie mit dem Beil gescheitelt, "Bankier", ein Kind kommt und auch die Scheidung, das Kind stirbt. Halbbruder Walter stellt sich ein, sie zeigt ihm "Arbeiterviertel", ruft "Rot Front", "Heil Moskau", fängt aber an zu trinken (erinnert sich Walter), hat "furchtbares Heimweh nach Vader un Moder". Die Freundin überredet sie, in der Bar Bajadere Kleiststraße oder in der Kakadu-Bar Joachimstaler Straße, hier gehen die Meinungen auseinander - mitzuarbeiten als Animierdame. Eines Abends setzen sich die beiden an den Tisch zu zwei Herren im Frack, um den Sektkonsum zu fördern. Einer der beiden Herren kommt regelmäßig wieder. Die "Rotblonde", Nelly, hat einen neuen Verehrer. In der Bar lässt sie ihm Kamillentee kochen, die Klofrau näht ihm Knöpfe an. Der Mann hat sich just von seiner tschechischen Frau getrennt, lässt sich scheiden. Wohnt in der Nähe, Uhlandstraße 126, großbürgerlich, Telefon 2362. "Man ewig goot", seggt sie, "dat Sie keen Dichter sünd!" - "Deern, du Düwel!" Plattdütsch snaken sie auch in der Nachtbar. Ist aber Nelly mal in Niendorf, heult sie am Ende: "Schiet, ick blew hier!" Um dann doch zu ihrem Heini zurückzufahren.Heini hat nun einen Roman verfasst, "Der Untertan", daraus wird der Film "Der blaue Engel". Und in der Bar trillert die Nelly nach Herzens Lust: "Ick bün von Kopp bis Landbriefträgerfuß auf Liebe eingestellt"! - "Mein Kopf", so aber er, "und die Beine von Marlene Dietrich", und er gibt sogar zu, er hätte auch Zuhälter werden können.Zunächst wird er zum Präsidenten berufen, für "Dichtkunst" der Preußischen Akademie der Künste. Außerdem ist er 60. Gottfried Benn, von rechts, nennt ihn den "Meister, der uns alle schuf"! Die "Weltbühne" links schlägt ihn sogar als Kandidaten vor für das Reichspräsidentenamt, er selber empfiehlt in der "B.Z. am Mittag" den ollen Generalfeldmarschall v. Hindenburg, der April 32 gewählt wird. Spannungen zwischen NSDAP/SA und KPD/Rotfront nehmen noch zu Richtung Bürgerkrieg. Nellys Liebhaber ist Rudi C. (der Name ist verbürgt, soll aber aus juristischen Gründen geheim bleiben). Es ist ein KPD-Genosse, Zelle Wallstraße, Charlottenburg. Heini weiß davon. Rudi ist einen halben Kopf kleiner als Nelly - junges hartes Gesicht auf meinem Foto, Haar glatt gekämmt, Stirn wirkt hoch, trägt bürgerlich Schlips, ist in Knickerbockern. Also, ein Dreiecksverhältnis nach Maß. Nun, am 30. Januar 33, ernennt der Greis v. Hindenburg den von ihm als "Böhmischer Gefreiter" verhöhnten Hitler zum Reichskanzler (allerdings erhält die NSDAP nie eine absolute Mehrheit, im März kriegt sie 44 Prozent, acht Prozent holt sie sich von der Deutsch-Nationalen Volkspartei zur Koalition und paukt im Reichstag das "Ermächtigungsgesetz" durch, Adolf Légalité ergreift die Macht). Nelly heult. Am Abend des 30. Januar, nach dem Fackelzug der SA durchs Brandenburger Tor, marschiert eine braune Schutz-Abteilung auch durch die Wallstraße. Es ist "unsere Straße", sagt Rudi C. zu Nelly, "rot"! Auch diesen Zeugen kenne ich mit Namen, er ist 30 Meter von der SA entfernt, vor dem Haus, wo Rudi wohnt. Zwei Schüsse fallen, zwei Tote: der den Zug begleitende Polizei-Hauptwachtmeister Zauritz und SA-Sturmführer Hans Maiki, nach dem die Nazis die Straße nennen werden. Der Prozess gegen zwei mutmaßliche Täter, Rudi C. und meinen Zeugen, endet mit dem Todesurteil in absentia. Mein Zeuge schon in der Tschechoslowakei - aber Rudi C., wo?Untergetaucht, bei Nelly? Zwar bleibt sie unbehelligt. Doch Heinrich Mann, alles wissend, als Linker verrufen, ist selber in großer Gefahr. Noch am 6. Februar trifft man sich in der Akademie, und eine Woche später klebt an Litfaßsäulen ein Plakat mit dem Aufruf zur Bildung einer "SPD-KPD-Einheitsfront", unterzeichnet u.a. von Heinrich Mann. Käthe Kollwitz, Albert Einstein sind dabei, nicht aber Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann, der zum Christentum konvertierte Franz Werfel, nicht etc. Am Morgen des 21. Februar notiert Heinrich auf dem Kalenderblatt "abgereist". Nelly hat schon am Vorabend Gepäck heimlich zum Bahnhof gebracht. An der Wohnungstür küsst er Nelly und steigt vorsichtig die Marmortreppen hinunter. Draußen, die Kälte verschlägt ihm den Atem, sieben Grad Frost. Nur nicht auffallen! Göring hat Schusswaffengebrauch erlaubt. Anhalter Bahnhof, Nelly, nach ihm mit dem Taxi hergefahren, steht schon am Perron, mit Bahnsteigkarte. "Flenn nich , Nelly!" Dann: "Einsteigen, Türen schließen!" Wie der Zug abfährt, wollen die Braunen in seine Wohnung eindringen und verkünden, sie hätten ihn! - Ein Mord und die Folgen: Die Frage ist aufgeworfen worden, hat nun Heinrich Mann die Weimarer Republik retten wollen oder hat er sie mit umgebracht?Nelly bleibt in der Kantstraße, ihr Bruder Walter besucht sie, nur allgemein informiert durch die Zeitung, das Radio über Jagd auf Kommunisten, Sozis, Konzentrationslager, "Abrechnungen". Einen Pass besorgen? Geld zusammenkratzen? Keine Nachricht von Heini? Eine Ansichtspostkarte aus Nizza, Name unleserlich. Kontakt mit Rudi C., heimliche Treffs nachts in dunklen Straßen. Mit der Bahn nach Niendorf, Rudi folgt mit dem nächsten Zug, Vader Kröger weiß Bescheid. Er versteckt die beiden auf seinem Fischkutter, nicht in Niendorf, sondern 150 Kilometer östlich in Saßnitz, wo der Käpt n auf Fang geht. Man fühlt sich nun, trotz allem, relativ sicher, wartet ab. Flucht - also über die Ostsee im Kutter, über Dänemark, per Dampfer zu einem Hafen in Frankreich, Le Havre, mit der Bahn nach Nizza. Nelly weiß den Straßennamen, Rue de France, klingelt - wortlose Umarmung in der Wohnungstür. Und Rudi wird in einem kleinen Hotel nahebei untergebracht. Nizza ist schön. Heini verfügt über Geld, publiziert, man schlürft Sekt und Austern. Andere Emigranten sind da, Freunde, Kollegen, Heinis Familie meldet sich. Nelly trinkt. Klatsch, Verleumdung, Intrigen, Polizeischikanen. Zweimal versucht Nelly, aus dem Leben zu fliehen. Und Rudi? Ruhelos. 1935 will er in die Schweiz, wird abgewiesen. Im Jahr danach beginnt in Spanien der Bürgerkrieg, Rudi kämpft mit der Internationalen Brigade, aber Franco siegt, deutsche Spanienkämpfer suchen in Frankreich Asyl. Nelly besucht Rudi im Lager Gurs: Die Hölle! Ich nehme an, er geht in die Fremdenlegion und endet in Nordafrika: "Bei uns lebt er weiter, ein ganzer Kerl!" sagt ein Emigrant in Nizza, der wegen Mordes von Berlin zum Tode Verurteilte, "in absentia".Am 1. September 1939 beginnt der Krieg, Angriff Großdeutschlands auf Polen. Acht Tage später treten Heini und Nelly vor den Standesbeamten. Luiz Heinrich Mann, tschechoslowakischer Staatsbürger (Prag gab auch dem dito ausgebürgerten Bruder Thomas einen Pass), und Emmy Johanna Kröger, ohne Staatsangehörigkeit und ohne Beruf, sie erklären ("ont d claré...vouloir se prendre pour époux"), miteinander die Ehe eingehen zu wollen. Frankreich wird im folgenden Frühjahr besiegt. Drei Ehepaare - Werfel, Feuchtwanger, Mann -, dazu der Sohn Thomas Manns, Golo, und ein hilfswilliger US-Quaker bereiten das Entkommen vor. Also: Bahnfahrt nach Cerbère vor der Grenze zu Spanien, etwas leichtes Handgepäck, auch dies schon zu schwer. Da, die Rue Anatole France, mündet in das Flussbett letzte Häuser, unter der Brücke durch nach rechts, Windung nach links, steiniger Pfad, Weinberge, Blick zurück auf den Hafen, unten. Schritte, Sprünge, Nelly stützt Heini, der ist 69, schwitzt, wankt. Ginster, Mohn, Brombeeren, Feigenbaum. Maultierpfad, Schlangen, tausend Meter. Militär, Gendarmen? Heute, eine Generation danach, ist hier das Zollhaus. Man lässt mich durch. Die Grenze? Auf dem Kamm! Grenze? Eintritt ins Paradies der Rettung? Wenige Schritte zur spanischen Grenzwache. Anstieg, Maquis, Gipfel - drüben Bergwellen, unten Port Bou, die Stadt an der Küste: "Sind wir frei?" Passkontrolle. Spanien, vom Bürgerkrieg zerstört, von Francos Falangismus dirigiert, mit Hitler-Deutschland kollaborierend: "Dürfen wir rein?" Die große spanische Geste, auch für solche Flüchtlinge... Und nun hinab von den Pyrenäen, und über Madrid und über Lissabon, hier mit dem Atlantikdampfer, erreichen sie New York - eine Neue Welt? Ein dutzend Jahre sind sie jetzt zusammen. Heinrich Mann erhält in Hollywood einen halbwegs passablen Job als Scriptwriter, mit Feuchtwanger und Döblin. Brecht klagt. Querelen unter den Emigranten. Nelly tippt Manuskripte ab. Dann tat dies auch eine Frau Erna Budzislawski, die dafür Geld forderte. Nelly behauptete, Frau B. habe ihr 25 Dollar gestohlen, und diese wandte sich an die Frau von Thomas Mann, Katia, in der nahen, neuen Villa des Nobelpreisträgers. Frau Katia, anstatt vielleicht finanziell auszuhelfen, empfahl der B., vor Gericht zu gehen, was diese tat, mit Erfolg. Nelly beglich die Honorarschuld. Doch nun begann erst das Spektakel. Die B. nannte Nelly "Alkoholikerin", die "gerne antisemitische Redensarten" führe "und das Horst-Wessel-Lied" singe. Nelly klagt 1941: "Jetzt sind wir auf dem Gefrierpunkt." Das Haus Thomas Mann sei an allem schuld. Es muss "eine ganz neue Weltordnung kommen", oder es wäre nichts mehr zu retten. Zur Weltuntergangsstimmung kommt Nellys Anfälligkeit für Paranoia. Sie arbeitet als Krankenschwester. Wird verwickelt in einen eher harmlosen Autounfall, es droht die Gerichtsverhandlung. Am 17. Dezember 44 stirbt sie an einer Überdosis Schlaftabletten. Dazu Golo Mann: "Nellys letzter Selbstmordversuch. geglückt" - "man muss leider sagen, zum Glück." Dagegen Heinrich Mann: "Jeden Abend. erblicke ich wieder das Gesicht des kindlichen Friedens. Ihr Ziel war erreicht." - Fünf Jahre später stirbt er. Zwei Grabsteine auf dem Friedhof Santa Monica. Seine Urne wird nach dem Krieg überführt, ihr Stein umgestürzt. Noch heute steht im Rororo-Bildband, Nelly Kröger sei Tochter eines Niendorfer Fischers gewesen mit "Gewerbe" in Nachtbars. Die Universität Bonn aber widmet ihr eine Doktorarbeit. Jörg Wollenberg hat "Ahrensbök" untersucht, "Kleinstadt im Nationalsozialismus" (Ed. Temmen, Bremen Ol). Und nun ist Heinrich Breloers Fernsehfilm über die Manns da, Nelly gespielt von Veronica Ferres.Wie stieß ich auf Nelly? Nach jahrelangen Forschungen fand ich zufällig in Niendorf die Posamenterieladeneigentümerin Fräulein Dührkop, hinkend bat sie mich herein, ich suche, sagte ich, "eine gewisse Nelly Kröger" - und Frl. Dührkop: "Die dann nach Amerika ging?" Eine Tafel für die Dührkop!Heinrichs neuer Stein steht auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof Chausseestraße Berlin, neben dem Brecht-Haus. Auf Antrag von meiner Frau und mir beim SED-Politbüro/DDR stellte seinerzeit die Denkmalpflege unten an den Stein eine kleine Platte: "Nelly Mann, geb. Kröger, 1898-1944, Der tapferen Lebensgefährtin Heinrich Manns, im Exil gestorben und beigesetzt Santa Monica, Kalifornien, zum Gedenken."Es hat uns berührt. Doch der Geburtsname ist noch immer falsch.Joachim Seyppel veröffentlichte 1975 den Heinrich-Mann-Roman "Abschied von Europa" (Aufbau-Verlag), 1986 den Essay "Wer war Nelly Mann?" (Heinrich-Mann-Jahrb. Lübeck, 4).Nellys Liebhaber ist Rudi C. Es ist ein KPD-Genosse, Zelle Wallstraße, Charlottenburg. Heini weiß davon. Also ein Dreiecksverhältnis nach Maß.FOTO 1938, Heinrich Mann und Nelly Kröger. Das Paar heiratet 1939 in Frankreich und emigriert 1940 in die USA. Nelly Mann stirbt im Dezember 1944 in Kalifornien an einer Überdosis Schlaftabletten.