Weihnachten 1951 wurde im französischen Dijon der Weihnachtsmann verbrannt. Nicht von Gottlosen, die dem Kult um die Geburt eines Religionsgründers, der auch noch ein Heiland gewesen sein soll, entgegentraten, sondern es war die Tat strenggläubiger Katholiken. Sie hatten einen Weihnachtsmann an den Gittertüren der Kathedrale von Dijon aufgehängt und dann in deren Vorhof öffentlich verbrannt. Mehrere Hundert Kinder waren Zeugen der Aktion. Der Pfarrer der Gemeinde hatte gegen den Weihnachtsmann gepredigt. Der sei eine heidnische Erfindung, die gegen den Heiligen Nikolaus gesetzt werde und den guten katholischen Traditionen den Krieg erkläre. Die Tageszeitung France Soir berichtete über das Ereignis.

Wenige Monate später nutzte der Ethnologe Claude Lévi-Strauss (1908 – 2009) den Krieg zwischen Weihnachtsmann und Nikolaus dazu, um in einem großen Artikel in der von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre herausgegebenen Zeitschrift Les Temps Modernes über die Geschichte der Kontrahenten aufzuklären. Man kann den Artikel heute leicht nachlesen in einer im März in der Éditions du Seuil erschienenen Sammlung von Aufsätzen von Claude Lévi-Strauss: „Nous sommes tous des cannibales: Précédé de Le père Noel supplicié“. Auf Deutsch erschien der Text an entlegenerer Stelle in „Der Komet – Almanach der Anderen Bibliothek auf das Jahr 1991“, übersetzt von Hans-Horst Henschen.

Der Weihnachtsmann, da gibt der Ethnologe dem Pfarrer recht, ist tatsächlich ein Immigrant. Er kam nach dem Zweiten Weltkrieg nach Frankreich. Ein Import aus den USA. Allerdings konstatiert Claude Lévi-Strauss, dass die Bedeutung des Weihnachtsfestes in den Nachkriegsjahren generell zugenommen hat – „Mit den Merkmalen, die wir an ihm kennen, ist Weihnachten im Wesentlichen ein modernes Fest“ – und dass es ganz falsch wäre, nur den Einfluss der USA zu sehen. Sein Eindruck ist, dass hier, wie auch bei anderen Übernahmen von Sitten und Bräuchen, etwas anderes greift: „Der importierte Brauch wird nicht assimiliert, er spielt eher die Rolle eines Katalysators; das heißt, er fördert durch sein bloßes Dasein das Auftreten eines analogen Brauches, der in dem sekundären Milieu bereits in potenziellem Zustand vorhanden war.“

An dieser Stelle beginnt der Ethnologe eine Reise durch die Welten von Santa Claus, Väterchen Frost, Knecht Ruprecht, Nikolaus und ihren Verwandten, die weit hinter das Christentum zurückführt in ferne und abgelegene Zonen der Menschheitsgeschichte. Immer wieder werden Fragmente von Figuren und Bräuchen, Überzeugungen und Einfällen neu zusammengesetzt. Der Vorwurf, der Weihnachtsmann, sei eine Marketingidee, ist berechtigt, aber der Nikolaus ist nichts anderes. Traditionen liegen nicht in der Gesellschaft wie Steine in der Landschaft. Sie passen sich unentwegt an oder werden zum Widerspruch benutzt. Sie sind mal die Traditionen der Mehrheit, mal verschwinden sie in einer Nische der Gesellschaft. Sie bleiben nie dieselben. Claude Lévi-Strauss zitiert einen „Dictionnaire des Antiquités Nationales“ aus dem 18. Jahrhundert, in dem verblüfft festgestellt wird, dass Weihnachten jahrhundertelang, aber eben dann nicht mehr, „eine Gelegenheit für Familienzusammenkünfte“ gewesen war.

Der Weihnachtsbaum ist undenkbar ohne die prähistorischen Baumkulte. Aber der Weihnachtsbaum ist kein Relikt. Der Baumkult lag nicht herum und wurde dann in das Weihnachtsritual eingebaut. Er war lebendige Tradition, die eingefügt wurde in einen anderen, neu entstehenden Brauch. Die Weltgeschichte ist eine Bastelei. Es gibt nichts Neues und doch entsteht aus all den Trümmerstücken der Überlieferung fortwährend Neues.

Dem ethnologischen Blick erschließt sich ein wichtiger Unterschied von Weihnachtsmann und Nikolaus. Der Nikolaus soll ein Mann gewesen sein, den es einmal wirklich gab, der heiliggesprochen wurde, und den man in der Not anrufen kann. Der Weihnachtsmann aber ist ein gefallener Gott. Die Kinder verehren ihn. Sie schreiben ihm. Nur einmal im Jahr, und einmal im Jahr auch belohnt er die Guten und straft die Bösen. Der Weihnachtsmann ist der Gott einer Altersklasse. Ein enger Verwandter des Weihnachtsmannes sind die Katchina der Indianer im Südwesten der USA, bei den Hopis und Zunis zum Beispiel. „Diese kostümierten und maskierten Personen verkörpern Götter und Vorfahren; sie kehren zu periodischen Besuchen ihres Dorfes wieder, um dort zu tanzen und die Kinder zu bestrafen oder zu belohnen, denn man richtet es bewusst so ein, dass diese Kinder nicht ihre Eltern oder Verwandten in der traditionellen Verkleidung erkennen.“

"Die Toten sind die Kinder"

Knecht Ruprecht, Weihnachtsmann und Katchina – sie alle dienen dazu, die Kinder im Zaum zu halten. Sie nutzen göttliche Masken, um die Autorität der Eltern zu stärken. Sie sind weniger die Schutzgeister der Kinder als die der Eltern vor den überwuchernden Ansprüchen der Kinder. Das ist aber nur die eine Seite. Claude Lévi-Strauss schreibt über den das Ritual begleitenden Ursprungsmythos der Katchina: „Als die Ahnen der Indianer sich endlich sesshaft in ihrem Dorf eingerichtet hatten, erzählt der Mythos, kamen die Katchina alljährlich zu Besuch und nahmen beim Abschied die Kinder mit. Die Eingeborenen, verzweifelt darüber, ihre Nachkommenschaft einzubüßen, listeten den Katchina die Einwilligung ab, im Jenseits zu bleiben, und zwar im Tausch gegen das Versprechen, sie jedes Jahr mit Masken und Tänzen symbolisch darzustellen. Wenn die Kinder vom Geheimnis der Katchina ausgeschlossen werden, so geschieht das also nicht in erster Linie, um sie einzuschüchtern. Ich neige sogar dazu zu sagen, aus dem umgekehrten Grund: Weil nämlich in Wahrheit sie die Katchina sind. Sie werden aus der Mystifikation ausgeschlossen, weil sie die Wirklichkeit repräsentieren, mit der die Mystifikation eine Art Kompromiss schließt. Ihr Platz ist anderswo: nicht bei den Masken und den Lebenden, sondern bei den Göttern und den Toten; bei den Göttern, die die Toten sind. Und die Toten sind die Kinder.“

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit, schrieb Thomas Mann. Dieser Brunnen ist auch eine Müllhalde, aus der jede Generation sich neu bedient. Nirgends ein Tropfen reinen Wassers. Alles ist schon durchmischt und versetzt mit Geschichte und Gegenwart. Hinter dem Nikolaus, der mit seinem Knecht Ruprecht in den katholischen Hort meiner Kindheit kam, stand Saturn. Jener römische Gott der Aussaat, der seine Kinder verschlang. Bis sein sechstes, Jupiter, ihn entmachtete. Die zu seinen Ehren veranstalteten Saturnalien waren das größte, beliebteste, prächtigste Fest der Römer. Es wurde beginnend am 17. Dezember über mehrere Tage lang begangen. In den späten Jahren des Römischen Reiches dauerte es sieben Tage lang, also bis zum 24. Dezember. Man beschenkte einander und bewirtete die Sklaven am eigenen Tisch. Horaz sprach darum von der Dezemberfreiheit. Im Mittelalter gab es in verschiedenen Regionen Europas die sogenannten Weihnachtskönige, die für ein paar Tage das Regiment übernahmen, vergleichbar den Karnevals- oder Faschingsprinzen.

Der Streit zwischen dem besinnlichen Weihnachten und dem rauschhaften ist älter als Jesus Christus, wie dieser ja auch, blickt man ihn sich genauer an, weit älter ist, als die läppischen zweitausend Jahre, die es her ist, dass da ein Mann um den See von Genezareth herumgegangen ist und geheilt und gepredigt hat. Es hat sicher viele gegeben, die das damals taten, und seitdem hat es Zehntausende gegeben oder noch mehr, die es wieder getan haben. Ob man sich für ihn oder für den von seinem Bruder ermordeten und zerstückelten Osiris entscheidet, ist eine Frage der Umstände – und ob irgend ein Gott jemals wirklich tot sein wird, ob er, da es ihn ja nie gegeben hat, überhaupt sterben kann, darüber hat Cees Nooteboom in seinen „Briefen an Poseidon“ nachgedacht. Auch eine mögliche Weihnachtslektüre.

Die Klamottenkiste der Weltgeschichte

Die schönste aber wäre dann vielleicht doch wieder einmal „Joseph und seine Brüder“. Keiner hat so berückend den Zauber dargestellt, der darin liegt, sich selbst zu mythologisieren. Sich also ganz bewusst hineinzustellen in die Tradition, sich zu modellieren nach literarischen und religiösen – beides ist nicht von einander zu trennen – Vorbildern. Wenn man sich das vor Augen hält, dann ist die Frage nach dem Historischen – also zum Beispiel nach dem historischen Jesus oder dem historischen Nikolaus – nicht mehr zu klären. Wenn am Anfang kein einfacher Mann steht, der sein Leben lebte, das dann erst später von Legenden umwoben, ausgeschmückt, verziert und verzerrt wurde, sondern jemand, der sich selbst als Reinkarnation von Elias oder als gütigen Kontrapost zum Kinderschreck Saturn begriff, dann kann alles, was nach entmythologisierender Lesart als spätere Zutat entlarvt werden müsste, schon Tat dieser Person selbst sein. Er ist kein Opfer späterer Autoren. Ihm wurden nicht Kostüme übergestülpt. Er hat sie sich selbst ausgesucht in der Klamottenkiste der Weltgeschichte.

Das gilt für das Grosse und Ganze wie für den jungen Mann, der seine Figur so trimmt, dass sie in die Anzüge passt, wie sie Neo in „The Matrix“ trägt. Wir leben – mehr oder weniger erfolgreich – Bildern nach. Und Geschichten. Wir folgen Entwürfen, und auch unsere eigenen sind nur unsere eigenen, weil wir sie uns zu eigen gemacht haben. Das lehrt uns Claude Lévi-Strauss’ Geschichte vom Weihnachtsmann, von den tierischen und menschlichen Gesellen, die ihn begleiten. Sein roter Mantel begann seine Geschichte als Scharlach. Ein Wort, das zunächst den Stoff bezeichnete und aus dem Persischen kommt. Wie auch das für die Farbe des Mantels: karmin. Der Brunnen mag tief sein, aber er ist auch verzweigt. Die Geschichte gleicht einem Rhizom, bei dem niemand voraussagen kann, was davon an die Oberfläche treiben wird. Keine Ahnung, was die nächste Reinkarnation des Weihnachtsmannes sein wird.