Thilo Sarrazin argumentiert, Intelligenz sei zu einem großen Teil genetisch bedingt. Tatsächlich sind die Zusammenhänge komplizierter.Herr Professor Greve, anders als noch vor einigen Jahrzehnten stimmen heute viele zu, wenn es heißt, die Intelligenz sei zur Hälfte genetisch bedingt ...... und dabei ist das absoluter Unsinn.Warum?Wenn Fachleute solche Zahlenangaben machen, geht es ihnen nicht um individuelle Unterschiede. Sie beziehen sich in der Regel auf eine bestimmte Gruppe, sagen wir tausend Menschen, die sich in vielem unterscheiden: Verhalten, Einstellungen, Eigenschaften, Geschichte, Lebensbedingungen. Wenn jetzt fünfzig Prozent aller Andersartigkeiten auf die Gene zurückgeführt werden, heißt das: Die Unterschiede lassen sich durch die Verschiedenartigkeit der Umweltbedingungen nicht erklären. Es kann auch bedeuten: Sie lassen sich noch nicht erklären. Denn Gene und Umwelt wirken immer zusammen - wie sie das tun, ist derzeit weitgehend unbekannt.Können Sie das näher erläutern?Meinen Studenten erkläre ich es am Beispiel der Phenylketonurie. Das ist eine angeborene Stoffwechselstörung, eine Unverträglichkeit gegen bestimmte Nahrungsmittel, die unerkannt zu einem Hirnschaden führt. Heute macht man Routinetests gleich nach der Geburt. Kinder mit einem defekten PKU-Gen müssen lebenslang eine Diät einhalten, dann entwickelt sich ihre Intelligenz ganz normal. Das ist ein idealtypisches Beispiel für die Wechselwirkung von Genen und Umwelt. Allein würde das PKU-Gen gar nichts ausrichten. Nur in Kombination mit bestimmten Verhaltensweisen schadet es uns oder es bleibt neutral. Bei der Phenylketonurie verstehen wir das Zusammenspiel seit einigen Jahrzehnten.Und bei der Intelligenz?Da ist die Interaktion von Anlage und Umwelt weitaus komplexer, und es ist noch sehr viel zu erforschen. Was aber klar ist: Ein wie auch immer gearteter genetischer Anteil bedeutet nicht, dass er unabänderlich ist.Was ist bekannt über die Rolle der Umwelt für die Intelligenz?Die Umwelt hat einen gewaltigen Einfluss. Förderlich sind zum Beispiel sensitive Eltern, die sich bemühen, die Signale ihres Kleinkindes richtig zu deuten. Von dieser Kommunikation profitiert das Kind langfristig - schon mit 5, 6 Jahren sind positive Folgen für die kognitive Entwicklung erkennbar. Wir wissen auch, dass Kinder Spielraum brauchen, um ihre Intelligenz zu entfalten. Sie müssen vieles ausprobieren können, brauchen Zeit für das freie Spiel. Dazu hat die Natur die Kindheit erfunden: Sie ist ja beim Menschen so lang wie bei keinem anderen Lebewesen. Bevor er sich fortpflanzen kann, hat der Mensch 15 Jahre Zeit zum Lernen - aber dann kann er auch fast überall leben, in der Arktis ebenso wie in der Wüste.Und in Kreuzberg ebenso wie in Kusadasi?Ja, und zwischen Fritz aus Kreuzberg und Mehmet aus Kusadasi gibt es erstmal keine wesentlichen Unterschiede. Aber beide brauchen möglicherweise spezielle Unterstützung. Auch das ist sehr wichtig für die Entwicklung der Intelligenz: das differenzierte Eingehen auf individuelle Stärken und Schwächen, das möglichst frühe Gegensteuern, sobald bestimmte Defizite sichtbar werden. In einer Grundschulklasse mit dreißig Kindern ist das natürlich kaum möglich. Deshalb brauchen wir kleinere Gruppen, gerade zu Beginn der Schulzeit.Die gibt es aber nur selten, in Berlin gehen viele Eltern darum einen anderen Weg: Sie schicken ihr Kind auf eine Schule, wo kaum Migrantenkinder zu finden sind. Würden Sie anders handeln?Ja. Denn ich bin überzeugt, dass Kinder von einer multikulturellen Umgebung profitieren. Entscheidend ist, ob an der Schule eine gute Atmosphäre herrscht. Natürlich muss der Unterricht gut sein, es muss für eine individuelle Förderung gesorgt sein - aber da können die Eltern einiges bewirken.Der Dialog zwischen den Kulturen beginnt gerade erst. Können Sie mit einer Empfehlung beitragen?Vielleicht könnte uns etwas mehr Wissen über die Verfasstheit des Menschen helfen. Wir neigen alle dazu, kulturelle Gruppen zu bilden und die Mitmenschen in zugehörig oder fremd einzuteilen. Das ist Teil unseres evolutionären Erbes, das unseren Vorfahren oft das Leben gerettet hat. Heute geht es darum, die Gruppen zu erweitern, größere Gruppen zu bilden - und sich als Europäer und Weltbürger zu verstehen. Es gibt Unterschiede, aber sie sind nicht wesentlich. Wir haben so unendlich viel gemeinsam mit Mitmenschen aus den entlegensten Gegenden - auch genetisch. Ziel ist die ganz große Gruppe, die alle Menschen einschließt.Das Gespräch führte Lilo Berg.------------------------------Foto: Werner Greve, der Psychologe erforscht das evolutionäre Erbe des Menschen.