Es war die Hochzeit der Kettenraucher. Gemütlich saßen sie am Sonntagmorgen im Studio des WDR und qualmten sich gegenseitig zu. Einige Gläschen Wein standen auch meist auf dem Tisch, denn bei Werner Höfer war "Frühschoppen" durchaus wörtlich gemeint. Vom August 1953 bis Dezember 1987 moderierte Höfer den "Internationalen Frühschoppen", Sonntag für Sonntag lud er meist "sechs Journalisten aus fünf Ländern" zu sich, um mit ihnen die politische Großwetterlage zu bereden. Und während sich in der rauchfreien Zone der Nachfolgesendung "Presseclub" heute jeder ausbreiten darf, ließ Höfer nur die reden, die etwas zu sagen hatten. Den anderen entzog er das Wort ­ damit ja kein Zweifel aufkam, daß es seine Sendung war. Im Funkhaus scherzte man bereits, daß Höfer selten weiter als bis nach Sylt fahre, um am Sonntagmorgen wieder in Köln zu sein. Aufhören wollte der erste Talkmaster überhaupt, "wenn ich mit dem Glase in der Hand tot umfalle". "Dann mach mal, Junge"Geboren wurde Werner Höfer am 21. März 1913 in Kaiseresch an der Mosel. In Köln studierte er Phi-losophie, Geschichte sowie Theater- und Zeitungswissenschaften. Nach einigen Jahren als Tageszeitungsredakteur holte ihn 1946 der Intendant des NWDR, Hanns Hartmann, zum Rundfunk. 1952 schließlich platzte Höfer in Hartmanns Büro, um ihn für die Idee eines Frühschoppens im Fernsehen zu begeistern. Hartmann legte daraufhin die Zigarre in den Aschenbecher und sagte: "Dann mach mal, Junge."Und wie er gemacht hat. So sehr, daß mancher "Frühschoppen" spannender geriet als der "Tatort" am selben Abend. Etwa als die Journalisten über den Vorwurf einer Illustrierten stritten, Bundespräsident Heinrich Lübke sei ein "KZ-Baumeister" gewesen.Einige Jahre später war es dann der profilierte Moderator, der von seiner braunen Vergangenheit eingeholt wurde. Zwar hatte Höfer aus seiner NSDAP-Mitgliedschaft (seit 1933) nie einen Hehl gemacht, sein journalistisches Wirken im Dritten Reich war aber weitgehend unbeachtet geblieben. Das änderte sich, als der "Spiegel" im Dezember 1987 eine Geschichte über Höfers Wirken als Feuilletonist im Dienste der NS-Propaganda ins Blatt hob. So hatte Höfer in einem Artikel, der 1943 im Berliner "Zwölf-Uhr-Blatt" erschienen war, die Hinrichtung des jungen Pianisten Karlrobert Kreiten begrüßt, der Hitlers Politik als wahnsinnig bezeichnet hatte. Höfer denunzierte den Todgeweihten als "ehrvergessenen Künstler".Schlimme Worte, die ihn vierzig Jahre später seinen Job kosteten. Der Rundfunkrat entzog ihm das Vertrauen und obwohl Höfer stets beteuerte, die Worte seien hineinredigiert worden, blieb ihm nur der Rücktritt. Schwerer noch als die Anklage wog damals Höfers Unfähigkeit zur Reue. Ausgerechnet einer der Urväter des politischen Fernsehjournalismus verteidigte sich mit dem Hinweis, er sei bloß ein "unpolitischer Intellektueller".Doch auch für den WDR geriet die Sache Höfer nicht gerade zu einem Ruhmesblatt. Alte Weggefährten wandten sich ab, obwohl sie selbst lange verschlafen hatten, sich mit Höfers Nazi-Vergangenheit auseinanderzusetzen. So opportunistisch verhielten sich die Sendergewaltigen, daß selbst der Autor des "Spiegel"-Artikels fast mitleidig einräumte, Höfer sei fallengelassen worden "wie eine heiße Kartoffel".Einige aber standen auch später noch zu Höfer und rechneten die frühe Schuld mit seiner 40jährigen Nachkriegskarriere als engagierter Journalist auf. Allerdings verharmlosten sie dabei den fatalen Text als "verunglückten Artikel". Recht hatten sie freilich damit, daß Höfer nicht der einzige war, der für NS-Medien gearbeitet hatte. In dem Buch "Unheimliche Publizisten" von Otto Köhler stehen neben dem Fall Höfer auch Kapitel über andere prominente Journalisten.Verbittert bis zuletztHöfer hat es nie verwunden, daß seine Karriere ein so abruptes und unrühmliches Ende nahm. Das Funkhaus in Köln hat er nie wieder betreten, lieber verschanzte er sich in seinem Haus am Rhein. Einmal noch trat er in die Öffentlichkeit, als er in einem Hotel mehrmals im Jahr prominente Gäste wie Wolfgang Menge oder Johannes Rau interviewte ­ doch auch diese Talkrunde wurde nach einiger Zeit eingestellt. So wurde es in den vergangenen Jahren immer stiller um Höfer, der stark abmagerte und ­ besonders grausam für einen Journalisten ­ fast erblindete. Nicht einmal die Zeitungen konnte er mehr lesen, auf dem Bildschirm nichts mehr erkennen. "In meinem Alter steht man dem ganz großen Fernseher nahe", sagte er sich zum Trost. Trotz seiner dunklen Vergangenheit war Höfer einer der großen Journalisten und bis zuletzt bemerkenswert unbequem. Selbst die Regel, wonach Journalisten früh sterben, strafte er noch Lügen. Werner Höfer wurde 84 Jahre alt.