Weshalb ein Sechszylinder-BMW mit 150 PS gegen einen Audi mit 90 PS im Sprint keine Chance hat: Drehmoment ist wichtiger als sogenannte Pferdestärken

Viele PS, so die verbreitete Meinung, bedeuten bei einem Auto viel Zugkraft. Falsch. PS hat mit Kraft wenig zu tun, obwohl die Abkürzung PS für "Pferdestärke" dies eigentlich vermuten läßt.Als Ende des 18. Jahrhunderts im Bergbau das Grubenpferd durch die Dampfmaschine ersetzt wurde, führten die Techniker zur Leistungsbemessung PS ein und begingen damit gleichzeitig den folgenschweren Fehler: PS bedeutete "Pferdestärke", die Techniker meinten aber "Pferde-Leistung".Dabei stellten sie sich vor, daß ein Grubenpferd einen 75 Kilogramm schweren Sack mit Kohle in einer Sekunde einen Meter hochziehen kann, was einem PS entsprechen sollte. Zu der reinen Zugkraft kommt also noch eine Weg- und eine Zeitkomponente hinzu, um zur Arbeitsleistung von Grubenpferd, Dampfmaschine oder dem modernen Automobil zu gelangen. PS steht für Leistung, also für etwas anderes als für Kraft oder besser: Gewichtskraft. Diese wird korrekt mit Newton (N) ausgedrückt. Der Mensch, der mit dem Bein auf ein Pedal drückt, läßt Kraft wirken. Erheblich verstärkt werden kann dieser Druck, das weiß jedes Kind, wenn noch ein Hebel zwischengeschaltet wird, zum Beispiel beim Fahrrad. Dann multipliziert sich die Kraft (N) mit der Hebellänge der Fahrradkurbel, die in Metern (m) ausgedrückt wird, und es entsteht die Größe Newtonmeter (Nm), die Maßeinheit für Drehmoment. Durchzugsstärke Nur die Drehmomentstärke vermittelt bei einem Auto das Gefühl, kräftig motorisiert zu sein. Insbesondere profitiert von hoher Zugkraft die Beschleunigung im vierten oder fünften Gang. Hat der Motor ein hohes Drehmoment, kann früh hoch- und spät heruntergeschaltet werden. Das Ergebnis ist Antrittsstärke, besseres Überholvermögen und auch schaltfaules, nervenschonendes Fahren bei deutlich geringerem Treibstoffverbrauch. Steigungen, auch unter voller Beladung, fallen drehmomentstarken Motoren leichter als solchen, die vielleicht sogar erheblich mehr PS, aber vielleicht weniger Drehmoment haben. Und noch eins tritt hinzu: Je niedriger die Drehzahl ist, bei der ein hohes Drehmoment anliegt, desto eindrucksvoller äußern sich die genannten Vorzüge.Als eines der besten Beispiele für eine drehmomentstarke, moderne und dabei extrem verbrauchsgünstige Maschine ist der 1,9 Liter TDI-Motor des VW-Konzerns zu nennen, der von Golf bis Audi A 6 quer durch alle Modellreihen eingebaut wird.Während dieser 90-PS-Motor mit einem höchsten Drehmoment von 202 Nm bei einer 1 900 U/min im 1 145 Kilogramm schweren Golf noch GTI-ähnliche Fahrleistungen realisiert, so erstaunt nun nicht mehr, daß dieser Motor sogar im sechs Zentner schwereren Audi A 6 niemals das Gefühl von Kraftlosigkeit aufkommen läßt. Kraft "von unten" Im Gegenteil. Ein Blick auf die Motor- und Fahrleistungsdaten im Vergleich zur Benziner-Konkurrenz macht dies noch deutlicher: Kann der TDI mit 90 PS und 202 Nm bei 1 900 Touren den knapp eineinhalb Tonnen schweren Audi in 16,6 Sekunden auf Tempo 100 bringen, benötigt der BMW 520i (150 PS) dafür 20,4 Sekunden, ein Mercedes E 200 mit 136 PS sogar 22,6 Sekunden. Dabei sind die Fahrzeuge keineswegs schwerer. Den Unterschied macht das Drehmoment von "nur" 190 Nm bei erst 4 000 Kurbelwellenumdrehungen. Die zum Teil erheblich PS-leistungsstärkeren Benziner-Alternativen von BMW und Mercedes können dem Audi A 6 1,9 TDI also nicht das Wasser reichen. Sie verbrauchen fast das Doppelte, erfordern deutlich mehr Schaltarbeit und sind in der praktisch bedeutsamsten Beschleunigungsdisziplin, dem Durchzug von 80 km/h auf 120 km/h im fünften Gang, spürbar schlechter. Der mit 150 PS üppig motorisierte BMW nimmt sich für diese Übung fast vier Sekunden mehr Zeit. Ein hohes Drehmoment ist also durch nichts zu ersetzen, es sei denn durch noch mehr Drehmoment. In Sachen 1,9 TDI heißt das ab Herbst: 110 PS und fast 250 Nm bei zirka 2 000 U/min. Damit hat der Audi A 6 1,9 TDI soviel Kraft wie ein BMW 525i mit 192 PS. Nur mit dem Unterschied, daß diese hohe Kraft beim Audi schon bei 2 000 U/min anliegt, beim BMW erst bei in der Stadt kaum nutzbaren 4 200 U/min. +++