Schon die Flaggen seien es wert, finden sie in der Bundesregierung. All die Flaggen nebeneinander. Der West-Balkan ist eine Einheit, zumindest hier in Berlin: Slowenien, Kroatien, Montenegro, Mazedonien, Bosnien, auch Albanien. Die blau-gelbe Fahne des Kosovo ist dabei und die rot-blau-weiße Serbiens, gleichberechtigt. Eigentlich hat Serbien mit der Anerkennung des Kosovo seine Schwierigkeiten.

Die Bundesregierung hat zu einer West-Balkan-Konferenz nach Berlin geladen, die Wirtschafts- und die Außenminister sind gekommen. Die Regierungschefs treffen sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ein neues Konferenz-Format ist erfunden, jährlich soll es wiederholt werden. Es werden keine bedeutenden Beschlüsse erwartet, man trifft sich und redet. Die Kontaktpflege hat ihren Grund. Der liegt etwas weiter östlich: Die Ukraine-Krise hat die Regierung aufgerüttelt, in mehrfacher Hinsicht. Dort hat Russland die Frage der Einflusssphären aufgebracht. Auf dem Balkan kämpft nun die EU um die ihre.

In der Regierung formuliert man das nicht offen. Man kann es aber zwischen den Zeilen lesen. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel etwa, der am Morgen die Konferenz eröffnet, wiederholt das Motto des ersten EU-Balkan-Gipfels von 2003: „Die Zukunft des Balkan liegt in Europa.“ Alle Staaten des West-Balkans hätten eine klare Perspektive für einen EU-Beitritt. Das muss er wohl betonen.

28 Mitgliedstaaten hat die EU, 2013 stieß als letztes Kroatien dazu. Nun stehen die Gründer-Staaten auf der Bremse. Es sei erst einmal genug mit den Beitritten, heißt es.

Es sei auch wegen der Euro-Krise der politische Wille abhanden gekommen, „der bei früheren Erweiterungsrunden vorhandene Hindernisse mühelos beiseite schob“, hat Dušan Reljić von der Stiftung Wissenschaft und Politik 2013 festgestellt. Der Außenminister des Kosovo, Enver Hoxhaj, sagt im Deutschlandfunk, es gebe den Eindruck, dass durch die Ukraine-Krise die EU-Aufmerksamkeit für den Balkan geschwunden sei. Die Zukunft des Balkan liegt in Europa? EU-Mitglieder sind bislang Slowenien und Kroatien, Montenegro und Serbien führen Verhandlungen, Albanien und Mazedonien haben Kandidatenstatus, Bosnien und der Kosovo eine Beitrittsperspektive, die niedrigste Annäherungs-Stufe.

„Der europäische Weg ist eine große Fortschrittsperspektive“, schwärmt Gabriel, die europäische Einigung sichere Frieden und Wohlstand. EU-Energiekommissar Günther Oettinger findet eher, dass die Bundesregierung sich etwas mehr für neue EU-Länder begeistern sollte, statt sich mit Armutszuwanderung aus der EU zu befassen. Es sei schließlich besser, Länder wie Bulgarien und Rumänien in der EU zu haben. „Sonst wären sie heute genauso instabil wie die Ukraine.“

Auch die Wirtschaft sieht die Bundesregierung am Zug: „Man darf die Beitrittsperspektive nicht zu einer Scheinperspektive verkommen lassen“, warnt der Vorsitzende des Ost- und Mitteleuropavereins (OMV), Marcus Felsner, bei der Auftaktveranstaltung im Wirtschaftsministerium. Die deutsche Wirtschaft profitiere enorm von der EU-Erweiterungen. „Eine Beitrittsperspektive ist also kein Gnadenakt gegenüber armen Nachbarn.“