WEST POINT, im August. Einige Meilen vom Hudson entfernt steht Alain Chunpraruk auf einer Wiese und weint. Seine Augen sind rot, er ringt nach Luft und verzieht das Gesicht, Tränen laufen über seine Wangen. Er sagt, seine Haut brenne wie Feuer und alles schmerze: Augen, Hände, Lippen, Lunge. Doch in seiner Qual lächelt Alain Chunpraruk. Es ist vorbei. Der gefürchtete Test in der Gaskammer ist bestanden und Alain Chunpraruk hat bewiesen, dass er würdig ist, Kadett der renommierten Militärakademie von West Point zu sein: Obwohl er das Gefühl hatte zu ersticken und sich erbrach, ist er erst dann aus dem Gasraum gerannt, als er den Befehl dazu erhielt. Nichts Anderes erwartet man von einem Kadetten in West Point. West Point - kaum ein Begriff steht in den Vereinigten Staaten so sehr für die Rolle und das Renommee der Armee, wie dieser Name der Militärakademie im Tal des Hudsons. Hier, rund fünfzig Meilen nördlich von den Türmen New Yorks, bildet die amerikanische Regierung seit über zweihundert Jahren ihre Offiziere aus. "Pflicht. Ehre. Vaterland." Dieses Motto haben hier schon Tausende von amerikanischen Offizieren verinnerlicht. Der ehemalige General und Präsident Dwight Eisenhower hat hier salutieren gelernt. Der Mondpionier Buzz Aldrin wurde in West Point ausgebildet und Golfkriegsgeneral Norman Schwarzkopf hat einst hier - wie der junge Kadett Alain Chunpraruk - den Gastest bestanden. In fast jedem Jahrgang der Militärakademie findet sich ein Absolvent, der die amerikanische Geschichte beeinflusst hat. In der Klasse von Alain Chunpraruk könnten es noch mehr sein. "Seit Dekaden hat West Point keinen so exzellenten Nachwuchs mehr gehabt wie in diesem Jahr", sagt Superintendent William Lennox, Chef der Militärakademie und des Militärpostens von West Point. Von dem Wiedererstarken des amerikanischen Patriotismus nach dem 11. September hat West Point enorm profitiert: Lennox - ebenfalls ein Mann, der in West Point ausgebildet wurde - sagt, nicht nur die Zahl der Bewerbungen habe sich deutlich erhöht, auch seien die Bewerber deutlich besser geworden. Die Aussicht, die militärische Karriere nicht beim Dienst in den bayerischen Alpen, sondern unter Granatbeschuss im Irak zu absolvieren, habe die jungen Amerikaner nicht abgeschreckt. Und angesichts der immer häufigeren Einsätze amerikanischer Soldaten in aller Welt freut sich die Armee selbstverständlich über das gesteigerte Interesse - "Uncle Sam" braucht Offiziere. Und so wurden in West Point in diesem Jahr mehr Kadetten aufgenommen als in den vorherigen.Lennox, der Chef der Militärakademie, sagt, die jüngsten Jahrgänge seien sehr auf ihre Ausbildung konzentriert. Und das ist erklärbar. In Zeiten der Präventivkriegs-Strategie wissen die Kadetten, dass sie sofort einsatzbereit sein müssen, wenn sie nach vier Jahren Ausbildung als Leutnant der Army entlassen werden. Im Irak kämpfen unter anderem West-Point-Absolventen des vergangenen Jahres. Einige von ihnen wurden schwer verwundet. Andere sind schon gefallen. Alain Chunpraruk denkt jetzt nicht an den Krieg im Irak. Er denkt ans Überleben in den "Beast Barracks", wie die ersten sechs Ausbildungswochen in West Point genannt werden. Von außen betrachtet, ist es die Hölle: Um fünf Uhr aufstehen. Angeschrien werden. Sammeln. Marschieren. Angeschrien werden. Von einem Berg abseilen. Angeschrien werden. Essen. Angeschrien werden. ABC-Übung. Lob. Strammstehen. Angeschrien werden. Sammeln zum Appell. Uniform-Überprüfung. Schuhe dreckig. Angeschrien werden. Zwanzig Liegestütze machen. Kadetten-Sprüche aufsagen. Verplappern. Angeschrien werden. Salutieren. Nationalhymne singen. Zwanzig Minuten Abendessen. Angeschrien werden. Zu Bett gehen. Aufwachen. Angeschrien werden.Für die Jugendlichen sind die ersten Tage in West Point ein Schock. Die "plebs" - wie die Neuen in West Point heißen - werden in ihrer militärischen Grundausbildung harsch aus ihrem zivilen Dasein gerissen und dem Drill unterworfen. In einer Militärakademie ist alles darauf ausgerichtet, aus Individuen ein Kollektiv zu machen. Dafür trägt man die gleiche Kleidung, marschiert stundenlang gemeinsam, salutiert gemeinsam, steht gemeinsam stramm und gehorcht gemeinsam. Wer den physischen und psychischen Druck nicht durchhält, geht meistens schon nach den ersten Tagen. Fast zehn Prozent der Kadetten verlassen die Schule in den ersten sechs Wochen - weitere zehn Prozent treten in den kommenden vier Jahren aus. Der Rest bleibt und wird Teil der so genannten West-Point-Familie.Alain Chunpraruk ist überzeugt, dass er nicht zu den Aussteigern gehören wird: "Ich habe mich seit einem Jahr in einer Vorschule darauf vorbereitet und ich kann das", sagt der 19-Jährige aus Coco-Beach, Florida. Chunpraruk und seine Kameraden sind nach drei Wochen Grundausbildung in einer Art Evolutionsphase zwischen Zivilist und Soldat. Sie fragen sich zum Beispiel noch, warum sie nur zehn Minuten Zeit zum Essen haben, wenn sie danach ohnehin nur strammstehen müssen. Oder erklären dem Ausbilder keck, die Gaskammer-Erfahrung sei doch gar nichts gewesen. Auf der anderen Seite schreien die "plebs" nach wenigen Tagen jenen legendären Kampfruf "Hu ah!!!" mit solcher Inbrunst, als hätten sie niemals etwas Anderes gerufen. Und in wenigen Wochen werden sie glauben, sie hätten tatsächlich niemals etwas Anderes gebrüllt. Was die jüngeren schon heute mit den älteren Kadetten verbindet, ist das Motiv, das sie nach West Point führte: "Ich wollte immer meinem Land dienen und ein besserer Mensch werden", sagt Alain Chunpraruk. Er ist als kleines Kind mit seinen Eltern aus Thailand in die Vereinigten Staaten eingewandert; seit seiner frühesten Jugend gibt es für ihn keine größere Idee, als die USA zu verteidigen. So sagt er das, und in West Point, glaubt er, kann er dies am besten lernen. Bessere Menschen, so genannte charakterstarke Führer, aus den Kadetten zu machen, ist die Mission von West Point. Neben militärischer Disziplin müssen die Kadetten auch hervorragende akademische und sportliche Leistungen erbringen. Der Stundenplan ist straff, Ferien gibt es keine. Wem es drei Mal nicht gelingt, 42 Liegestütze und 53 Sit-ups in jeweils zwei Minuten zu absolvieren sowie zwei Meilen in einer Zeit von 15,54 Minuten zu laufen, der darf nicht bleiben. Von den Kadetten wird auch erwartet, dass sie gemeinnützige Arbeit verrichten. Für Privates gibt es kaum Zeit. Anders als in gewöhnlichen Colleges in den Vereinigten Staaten sieht man in West Point nie Studenten auf dem Rasen sitzen oder verträumt spazieren gehen. Irgendwie ist jeder immer in Bewegung und selten allein. Der Journalist David Lipsky hat für das Musik-Magazin Rolling Stone viele Reportagen über das Leben Jugendlicher in den Vereinigten Staaten geschrieben. Seine Geschichten handeln von Studenten der Elite-Unis wie Harvard, er hat auch über erfolgreiche junge Musiker und Fernsehstars berichtet, über Leute also, die dank ihres Erfolges allen Grund hätten zufrieden zu sein. Doch nirgendwo, so schreibt Lipsky, seien die Menschen so glücklich gewesen wie in West Point. Denn das Leben in West Point hat einfache Regeln: alle tragen die gleiche Kleidung, alle haben den gleichen Auftrag, alle wissen, dass es verdammt schwierig wird, aber alle wissen auch, dass jeder jeden unterstützt. Was es sonst noch heißt, Teil der Tradition von West Point zu sein, erkennt jeder Kadett bei seinem ersten Spaziergang über den Campus. Zwischen den Statuen der großen Generäle, von Washington bis Eisenhower, spielt sich die amerikanische Geschichte in Kriegen ab: Vom Revolutionskrieg, an dem Washington die Festung von West Point zur Verteidigung des Hudsons gegen die Briten gebaut hat, bis hin zum Golfkrieg wird derer gedacht, die gefallen sind. Doch an nichts wird in West Point stärker erinnert, als an jenen Krieg, der die Akademie-Familie fast zerrissen hätte: Der amerikanische Bürgerkrieg. Eine Granitsäule gemahnt an jenen Krieg, in dem sich West-Point-Absolventen auf allen Schlachtfeldern gegenüberstanden und sich getötet haben. Robert E. Lee führte die Armee der Südstaaten gegen Ulysses Grants Nordstaaten-Soldaten. Beide waren einst Kadetten in West Point. "West Point hatte viele Krisen", sagt der Haus-Historiker Stephen Grove. Der Bürgerkrieg war eine und der Vietnamkrieg eine andere. Damals trauten sich die West-Point-Kadetten nur mit Perücke auf die Straße, weil man sie mit ihren geschorenen Köpfen sofort als Soldaten wahrgenommen hätte. Damals verachteten große Teile der amerikanischen Bevölkerung die Soldaten von West Point. Heute ist das anders. Seitdem Frauen und Männer, Mitglieder von Minderheiten und selbst einige Ausländer in West Point unterrichtet werden, wird die Akademie gerne als das amerikanische Col-lege gepriesen, an dem sich das Bild der Nation am besten widerspiegelt. Vielleicht ist es ja wirklich so, in jedem Sinne. Bei der Abschlussfeier von West Point tragen die Absolventen der Akademie graue Parade-Uniformen und in den Reihen der Soldaten warten auch Menschen wie Joh. Fernandez auf eine Ehrung. Vor einem Jahr marschierte Fernandez noch selbst mit seinen Kameraden in der Formation der Absolventen. Heute kann er nicht mehr laufen: Bei einem Angriff im Irak hat Fernandez seine Füße verloren. Als während der Abschiedsfeier die amerikanische Nationalhymne gespielt wird, zieht sich Fernandez an seinen Krücken hoch und salutiert. Nichts Anderes erwartet man wohl von einem Mann aus West Point."Ich wollte immer meinem Land dienen und ein besserer Mensch werden. " Alain Chunpraruk, Kadett."Seit Dekaden hat West Point keinen so exzellenten Nachwuchs mehr gehabt wie in diesem Jahr. " William Lennox, Chef der Akademie.AP/JIM MCKNIGHT Junge Kadetten an ihrem ersten Tag in West Point