Widerstand gegen Fabrik in Ungarn: Einer gegen Audi

Brüssel - Willkommen in Europa. Dreißig Quadratmeter groß war die Zelle, und Ferenc Zsák musste sie zeitweise mit sechzehn Häftlingen teilen. „Darunter ein Mörder, der sein Opfer gevierteilt hatte“, erzählt Zsak. Seine Geschichte ist ein trauriger Fall, mitten in Europa. Genauer gesagt in Ungarn. Zsáks Vergehen: Er hatte es gewagt gegen die Ansiedlung einer Audi-Fabrik im ungarischen Györ zu protestieren.

Vier Monate saß Ferenc Zsák in Untersuchungshaft. Das war vor zwei Jahren. Nun sitzt der Mann im Europaparlament in Brüssel. Der Petitionsausschuss nimmt sich seines Falles an. Denn in die ungarische Justiz hat er sein Vertrauen verloren. Zsák, 57, ist ein eher schüchterner Mann. Zierlich, grauer Vollbart und schütteres Haar. Zum Treffen hat er aus der Heimat kleine Schnitzel, Salami und Weißbrot mitgebracht. Fein eingepackt für die Reise nach Brüssel. Wer ihn so sitzen sieht und reden hört, glaubt nicht, dass ein deutscher Weltkonzern vor diesem schmächtigen Mann zittert. Audi wollte seine neue Fabrik in Ungarn ausgerechnet in einem Naturschutzgebiet errichten, dagegen protestierte Zsák.

Aus dem Kunstlehrer wurde ein Ökologe

Zsák arbeitete vor 1989 als Kunstlehrer. Nach der Wende erfüllte er sich seinen Traum und studierte Ökologie. „Um die Umwelt hat sich in den ganzen Wendewirren ja niemand gekümmert.“ Zsák tat es. Mal waren es Rastplätze für Kraniche, mal ein neu angelegter Wald. Und bald gründete er die Umweltgruppe Tiszántúli Természetvédők Társulata (TTT) und fand im internationalen Recht bald seinen wichtigsten Unterstützer. „Weil das in der Heimat niemand interessierte, pochte auf internationale Verträge, die Ungarn unterzeichnet hatte. Vor allem nach dem EU-Beitritt 2004 ging es voran“, sagt Zsák.

Deshalb kämpfte er auch gegen Audi nicht allein, sondern mit der EU-Umweltrichtlinie Natura 2000. „Es gab auch Ausweichmöglichkeiten für Audi“, sagte Zsák und holt ein Blatt Papier hervor. Es zeigt die neue Audi-Fabrik in Györ. Mitten im Naturschutzgebiet steht die jetzt. Nur ein paar Kilometer entfernt ist eine schraffierte Fläche. Leer. „Da hätten sie bauen können, wollten sie aber nicht, weil das ein Jahr Verzögerung bedeutet hätte.“

Ungarns Justiz steckte Zsák in den Knast

Audi drückte aber aufs Tempo. Vorsprung kam durch eine ganz besondere Technik. Eine Spende an Zsáks Stiftung TTT sollte Ausgleichprojekte finanzieren. Sein Vorbild fand er in Deutschland. Auch bei der Erweiterung des Lübecker Flughafens hatte man mit der Umweltstiftung „Grönauer Heide“ der Natur ein wenig des geraubten Grüns zurückgegeben. Was in Deutschland klappt, wird woanders verfolgt. Ungarns Justiz nämlich wähnte eine persönliche Bereicherung und steckte Zsák in den Knast.

Der Europäische Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg hatte Zsáks Inhaftierung im vergangenen Jahr für unrechtmäßig eingestuft. Aber Ungarns Justiz lässt sich nicht beirren. Sie will den Fall am 3. Dezember verhandeln. Aber auch der Petitionsausschuss des Europaparlaments machte nun Druck. Der Umweltausschuss des Parlaments soll sich mit Zsáks Fall befassen. Und die EU-Kommission, die eine Ausnahmegenehmigung für den Bau im Naturschutzgebiet erteilt hatte, muss ihre Akten zur Audi-Fabrik in Györ offenlegen.

Und was sagt Ferenc Zsák? Der Streit hat ihn müde gemacht. „Der Umweltschutz interessiert immer weniger Menschen, nicht nur in meiner Heimat“, sagt er. „Nach dem EU-Beitritt wurden die europäischen Vorgaben in Ungarn noch ernst genommen, aber jetzt mit diesem anti-europäischen Sentiment schert sich kaum noch einer drum.“ Ein trauriger Fall. Mitten in Europa.