BERLIN. Der Besuch aus New York ist an einem Ort mit Geschichte untergebracht. Gleich neben seinem Hotel steht das Denkmal für die Frauen der Rosenstraße, die Anfang 1943 ihre jüdischen Ehemänner von der Gestapo zurückforderten. Auch Jack Terry ist Jude, er überlebte den Holocaust. Sein Weg an diesem Mittwochmorgen führt ihn zunächst nur wenige Hundert Meter nach Norden, zum Hackeschen Markt. Er hat Zeit bis zu seiner nächsten Verabredung, er schaut sich um. Hier gibt es nicht nur Cafés und Läden, hier befindet sich auch das Berliner Anne-Frank-Zentrum. Das jüdische Mädchen, dessen Tagebuch heute in der ganzen Welt berühmt ist, wurde nur 15 Jahre alt. Jack Terry war 15, der jüngste Häftling von etwa 1600, als amerikanische Soldaten das Konzentrationslager Flossenbürg befreiten.Er ist in Berlin, weil am Abend ein Film gezeigt wird, der ihn porträtiert: "Die zwei Leben des Jack Terry". Seine Tochter Deborah soll dabei sein, wenn er über die Vergangenheit spricht. Sie war es, die Jack Terry 1995 gedrängt hat, wieder nach Flossenbürg zu fahren, zum 50. Jahrestag der Befreiung."1995 war eine Zäsur", sagt Jörg Skriebeleit, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Nicht nur, weil der 50. Jahrestag für viele ehemalige Häftlinge ein besonderes Datum war. Sondern auch deshalb, weil die meisten erst beginnen, sich mit der eigenen Biografie zu beschäftigen, wenn sie ihr aktives Berufsleben hinter sich haben. Im Jahr 1995 war die Gedenkstätte in Flossenbürg nur ein Friedhof mit Parkanlage. Verschiedene Bürgerinitiativen stritten dafür, dass ein wirklicher Ort des Gedenkens entsteht. So auch Skriebeleit, der zwar aus der Oberpfalz kommt, zu der Zeit jedoch an der Berliner Humboldt-Universität Geschichte studierte. "Da sind Jack und ich aufeinander getroffen. Ich sollte Zeitzeugeninterviews machen."Jack Terry erinnert sich genau, wie entsetzt er über den Zustand des früheren Konzentrationslagers war. Schöne Bäume wuchsen dort, auf dem Appellplatz stand eine Fabrik von Alcatel, anstelle der Baracken gab es eine Siedlung, Kinder spielten dort, erzählt er. Er habe gesagt, er werde nicht wiederkommen. Doch die Art, wie Skriebeleit auf ihn zukam, wie er die Fragen stellte und zuhörte, habe ihm deutlich gemacht, dass es doch Menschen gibt, die sich für seine Geschichte interessieren. "Ich war zwar noch misstrauisch, aber er schrieb mir Briefe und hielt den Kontakt", sagt Jack Terry. "Ohne Jörg Skriebeleit wäre ich nach 1995 nicht mehr nach Flossenbürg gefahren."Heute kommt er oft, nicht nur das eine Mal im Jahr zu dem Treffen der ehemaligen Häftlinge. Er führt Schüler und Lehrer durch das Gelände, er nimmt an Diskussionen und Tagungen teil, er gehört dem Stiftungsrat der Stiftung Bayerische Gedenkstätten an.In zwei Monaten wird Jack Terry 81 Jahre alt. So zügig wie er gehen manche schon mit fünfzig nicht mehr über die Straße. Er ist klein, drahtig, er treibt bis heute Sport. Das Marathonlaufen hat er zwar aufgegeben, aber noch immer hievt er regelmäßig sein Rennruderboot an der Regattastrecke beim New Yorker Pelham Bay Park ins Wasser und zieht mit kräftigen Armbewegungen davon. Ob er immer so viel trainiert habe, um möglichst lange zu überleben, nach allem, was passiert war? Nein, das sei ganz selbstverständlich gekommen. "Aber vielleicht", sagt er vorsichtig, "das ist jetzt eine Interpretation, vielleicht wurde der Sport für mich deshalb so wichtig, weil ich meine Jugend verloren habe. Das ist ja eigentlich die Zeit, in der alle Sport treiben."Jack Terry spricht sehr überlegt, sehr reflektiert. Er plaudert nicht aus seinen Erinnerungen, er gestattet sich keine Abschweifungen, sondern legt Gedanken dar. Das hat mit seiner Profession zu tun. Und doch auch mit seiner Geschichte.Denn so flott und amerikanisch sein Name klingt, es ist sein zweiter, den er sich zugelegt hat für sein neues Leben. Als Jakub Szabmacher wurde er am 10. März 1930 im polnische n Belzyce südwestlich von Lublin geboren. Sein Vater war ein einfacher Kaufmann. Das ZDF-Filmteam hat ihn in den Ort seiner Kindheit begleitet. Zum ersten Mal sieht er da die Schrift seiner Mutter. "Bluna Szabmacher" steht in runden Buchstaben unter einer Auflistung des Familienbesitzes, die von den deutschen Besatzern bürokratisch aufbewahrt wurde. Die Kamera zeigt ihn an dem Platz, an dem er früher mit seiner Familie saß. Er hat denselben Blick aus dem Fenster wie als Kind, das nimmt ihm die Stimme. Mit dem Einmarsch der Deutschen im September 1939 kommt der Tod nach Belzyce.1940 wird in der Stadt ein Ghetto für die Juden errichtet, zwei Jahre später entsteht daraus ein Arbeitslager. Jakubs Vater wird im Mai 1942 nach Majdanek deportiert und kommt nie wieder zurück. Seinen Bruder Hilus findet er im Oktober 1942 mit einer Kugel im Kopf auf der Straße. Er hatte vor einem Transport fliehen wollen. Seine ältere Schwester Dewora wurde im Mai 1943 vor den Augen seiner Mutter erschossen, weil sie sich bei einer Selektion weigerte, von deren Seite zu weichen. Der nächste Schuss galt der Mutter. Seine Schwester Miriam wurde bei der sogenannten "Aktion Erntefest" im Oktober 1943 im polnischen Poniatow ermordet.Jakub kommt ins Arbeitslager Budzyn, wo für die Heinkel-Werke Flugzeugteile hergestellt werden. Es wird im Juli 1944 aufgelöst, als die sowjetischen Truppen näher rücken. Das KZ Flossenbürg in der Oberpfalz ist die letzte Station für Jakub. Als er im Steinbruch arbeiten musste, habe er verstanden, was die Parole "Vernichtung durch Arbeit" bedeutete, wird er später sagen.Am 23. April 1945, am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg durch amerikanische Soldaten, ist Jakub Szabmacher aus Belzyce 15 Jahre alt. Er wiegt 34 Kilogramm. War das der Tag seiner Wiedergeburt? Die Frage erscheint Jack Terry heute, beim Spaziergang in Berlin, zu einfach gestellt. In solchen Kategorien denke er nicht. "Ich wurde überwältigt von der Traurigkeit über den Verlust." Hatte er zuvor von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde existiert, konnte er sich nun zum ersten Mal erlauben, darüber nachzudenken, was er wirklich verloren hatte. "Es gab niemanden mehr aus meiner Familie. Ich wusste nicht, wem ich trauen sollte. Nein, ich empfand keine Freude über die Befreiung. Das Gefühl, einen Neuanfang wagen zu können, stellte sich erst nach und nach ein."Einer der amerikanischen Offiziere nimmt ihn mit nach New York. Seit er neun Jahre alt war, hat er keine Schule mehr besucht, doch nun strengt er sich an, begreift seine Chance. Aus Jakub Szabmacher wird Jack Terry. Der studiert Geologie und wird 1955 bis 1957 als Soldat der US-Army in Schwetzingen stationiert. Im feinen Restaurant flöteten die Kellner: "Jawohl, Herr Leutnant!", erzählt Jack Terry, "zehn Jahre vorher war ich noch ein verfluchter Jude, ein Drecksack." Er sagt das auf Deutsch. Im Lager war es lebensnotwendig, die Sprache zu verstehen. Er spricht sie nicht mehr. Auch das Polnische hat er jahrzehntelang nicht mehr benutzt. Ist es heute unangenehm für ihn, das Deutsche zu hören? Nein, solch kurze Schlüsse zieht Jack Terry nicht. Er habe sich damals in Heidelberg auch Schillers "Räuber" im Theater angesehen und viel Zeit damit verbracht, deutsche Literatur zu lesen. "Im Land von Schiller und Goethe und Kleist kann man sehen, dass Literatur und Kultur die Menschen nicht unbedingt humaner machen. Wenn ein Nazi den ganzen Tag lang Babys töten kann und nach Hause kommt und Beethoven oder Mozart hören kann, wie wollen Sie das erklären? Das ist keine Frage der Kultur."Der Geologe Jack Terry arbeitet an der Erschließung von Erdölfeldern. Doch im Dschungel von Venezuela holen ihn die Bilder aus dem Lager ein. Er sieht eine Szene vor sich, wie sich auf dem Appellplatz immer mehr Häftlinge zu einem Haufen zusammenballen. Zuunterst lag ein Muselman, "so nannten wir die Sterbenden", der ein Stück Brot bei sich hatte. Ihm wurde klar: "Ich habe Flossenbürg verlassen, aber Flossenbürg hat mich nicht verlassen." Dieser Satz Jack Terrys ist heute in der Ausstellung im ehemaligen KZ Flossenbürg zu lesen.Er ging zurück nach New York, um noch einmal zu studieren, Psychologie. Er wollte wissen, wie der Holocaust auf die Seele gewirkt hat. Er unterzieht sich einer Psychoanalyse, das gehört zur Ausbildung. Eine seiner Dozentinnen von damals kommt aus Berlin. Edith Jacobson, sie gehörte vor dem Krieg dem Berliner Psychoanalytischen Institut an, sie rettete sich ins amerikanische Exil.Unter seinen Patienten sind mehrere Überlebende des Holocaust und ihre Nachfahren. Ihre Probleme ähneln sich. Sie waren und sind unfähig zur "Trauerarbeit", sagt Jack Terry und benutzt dabei noch einmal ein deutsches Wort. "Normalerweise sterben Eltern vor den Kindern. Normalerweise wird jemand alt oder wenigstens krank, und man beginnt zu trauern, bevor derjenige stirbt. Es gibt Rituale. Aber die Holocaust-Überlebenden, die haben nicht einmal ein Grab, zu dem sie gehen können." Aber genau dies war doch auch sein Problem. Wie ist er als Psychoanalytiker mit dieser Nähe zu seiner eigenen Biografie umgegangen? "Das ist ein schwieriger Beruf, das stimmt", sagt Jack Terry. "Man muss dem Patienten auf eine ganz bestimmte Weise zuhören, Erich Fromm nannte es das dritte Ohr. Man darf nicht so zuhören, dass man selbst emotional angegriffen wird. Weil man sonst dem anderen nicht helfen könnte."1995 war eine Zäsur für viele, und das trifft auch auf Jack Terry zu. Er ist 65 Jahre alt, geht in Pension. Er könnte die Zeit in Manhattan mit seiner Frau Louise genießen. Sein Sohn lebt in Tennessee, die jüngere Tochter in Australien, die ältere, Deborah, in Schweden. "Sie ist die Historikerin der Familie", sagt er beim Treffen in Berlin und lächelt sie an. In Wirklichkeit ist Deborah Physiotherapeutin. Als sie ihn 1995 begleitete, war sie hochschwanger. Ausgerechnet dieses Kind, ihr jüngerer Sohn Thomas, stellt heute die meisten Fragen. 15 Jahre alt ist er.Durch seinen Besuch zum Jahrestag der Befreiung in Flossenbürg ändert sich noch einmal Jack Terrys Leben, er wird Zeitzeuge. Und Jörg Skriebeleit, der ihn damals interviewte, bekommt eine Stelle in Flossenbürg, um Dokumente zu sichten und für ein Archiv der Erinnerung zu sammeln. Deshalb sieht er Terry schon im Jahr darauf wieder. Ihre Freundschaft beginnt kurios. Skriebeleit, 28 Jahre alt, kommt nach New York und seine Kreditkarte versagt. "Ich war zum ersten Mal in den USA, ich wusste nicht, wie ich dort forschen und leben sollte", erzählt er heute. "Jack Terry ist sofort mit mir zum Geldautomaten gegangen und hat für mich 5000 Dollar gezogen. Er sagte: Ich weiß, dass ich das von dir wiederbekomme."Das KZ Flossenbürg, wo der Theologe Dietrich Bonhoeffer hingerichtet wurde, wo der SPD-Politiker Kurt Schumacher und der zeitweilige DDR-Wirtschaftsminister Fritz Selbmann inhaftiert waren, ist heute wirklich eine Gedenkstätte. Jörg Skriebeleit hätte als Historiker auch woanders arbeiten können. "Aber ich kann nicht mehr weg, wegen der Zeitzeugen." Und Jack Terry kommt jetzt oft zurück. Die Weltpolitik verfolgt er mit einigem Unbehagen, beobachtet vermehrt Zeichen von Antisemitismus, in England etwa, in den Niederlanden. Aber im Kleinen, sagt er, habe er etwas Hoffnung.Am Abend wird der Film über die zwei Leben des Jack Terry erstmals gezeigt. Terry sitzt aufrecht und konzentriert in der ersten Reihe, ab und an sucht seine Hand die der Tochter. Nach der Vorführung sagt er: "Ich habe heute mehr Freunde in Deutschland als in New York."------------------------------Der FilmDie Dokumentation "Die zwei Leben des Jack Terry" von Karsten Deventer und Wolfgang Kramer wird auf ZDFneo heute um 21.45 Uhr gezeigt. Das ZDF wiederholt die Dokumentation am Mittwoch, dem 26. Januar 2011, um 0.30 Uhr. Es ist der Vorabend des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.Die Autoren haben Jack Terrys heutiges Leben in New York ins Bild gesetzt und mit seiner Frau gesprochen, die in ihm nie das Holocaust-Opfer sah, sondern ihn stets als den erfolgreichen Ingenieur und Psychoanalytiker kannte. Die Kamera begleitet Jack Terry auf einer Reise in die Vergangenheit nach Belzyce und Budzyn in Polen und schließlich zur Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers in Flossenbürg in Deutschland.Schulen und interessierte Organisationen können den Film für Aufführungen zur Verfügung gestellt bekommen.------------------------------Foto: Jack Terry in der Rosenthaler Straße in Berlin