BERLIN, 2. November. Die Ticker US-amerikanischer Nachrichtenagenturen meldeten vor wenigen Wochen: "John Slade ist tot." Der Banker, Ehrengeschäftsführer der Firma Bear Stearns, starb im 98. Lebensjahr. Man nannte ihn auch den Papst der Wall Street. Wer war John Slade? Geboren wurde er in Deutschland, als Hans Schlesinger. Vor 1933 zählte dieser Deutsche jüdischen Glaubens zu den besten Hockeyspielern des Landes.Schlesinger spielte einst beim SC Frankfurt 1880. Dieser Klub aus der Mainstadt zählte schon Ende des 19. Jahrhunderts zu den besten deutschen Vereinen mit Abteilungen im Hockey, Rugby, Tennis und in der Leichtathletik. Ab und an sprach man von einem Judenverein, so wie seinerzeit übrigens auch Bayern München oder Tennis Borussia Berlin bezeichnet wurden. Denn diese Gemeinschaften hatten ihren Aufstieg maßgeblich auch jüdischen Sportlern und Sponsoren zu verdanken. Nach der Machtergreifung der Nazis hielten gerade in diesen Vereinen viele Mitglieder ihren jüdischen Mitbürgern länger die Treue als in anderen Klubs.Im SC Frankfurt 1880, dem Verein von Hans Schlesinger, haben einige Personen Zivilcourage bewiesen, was in jener Zeit, als die Nazis den Sportbetrieb instrumentalisierten und im Sport auch auf zumeist willige Helfer trafen, nicht eben typisch war. Damals spielte bei den Frankfurtern neben Schlesinger auch Theo Haag, das Idol des Hockeysports (Olympiabronze 1928, 22 Länderspiele im Hockey, zwei im Rugby). Schlesinger und Haag waren Kandidaten für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Vereinspräsident war Freiherr Moritz von Bissing. Der Tennisbaron war 1913 Weltmeister (im Doppel) gewesen und zählte auch im Hockey und im Rugby national zu den Besten.Anfang 1933, noch vor der faschistischen Gleichschaltung des Sports, weigerte sich der Heidelberger HC gegen Frankfurt anzutreten, wenn Juden mitspielen sollten. Frankfurt gab nach, Schlesinger wurde nicht aufgestellt. Später war er dafür dankbar, denn er hatte begriffen, dass es an der Zeit war, Deutschland zu verlassen. Als es in den nächsten Wochen auf dem Sportgelände häufiger Veranstaltungen mit militärischen Charakter gab, Trainingsstunden ausfielen wegen der Körperertüchtigung von SS, SA und Stahlhelm, da handelten auch andere: Moritz von Bissing, im Februar 1933 noch als Präsident bestätigt, und zwei weitere Funktionsträger legten alle Ämter nieder; Theo Haag beendete sofort seine Karriere, trat aus dem Verein aus.Dieses couragierte Auftreten erregte Aufsehen, die Nazis reagierten. Von Bissing, der später wie Schlesinger in die USA emigrieren konnte, wurde verleumdet. Gerüchte wurden gestreut, es habe finanzielle Unregelmäßigkeiten gegeben, er sei deshalb von seinem Clan in die USA ausgesiedelt worden. Theo Haag wurde, trotz seines Austritts, Ehrenmitglied. Der Verband lobte ihn zum Abschied in höchsten Tönen und drückte seine Machtlosigkeit aus durch die Worte: "Wir hoffen, dass Sie dem Sport auf irgendeine Art verbunden bleiben." Haag wurde Golfer. Nach dem Krieg vermied er Kontakte zum deutschen Sport und verlegte seinen Wohnsitz nach Frankreich. Von Bissing kam nach Frankfurt zurück und wurde sogar wieder Vereinspräsident.Hans Schlesinger dagegen, der sich seit 1941 John Slade nannte, blieb in Amerika. Er diente sich bei Bear Stearns vom Boten zum Direktor hoch, vom Emigranten zum vielfachen Dollarmillionär. In den 70er- Jahren wurde zum beliebtesten Banker der USA gewählt. Als großer Fußball- und Hockeyfan besuchte er später mehrmals Frankfurt, trat auch als Sponsor auf, erhielt 1999 - mehr als 60 Jahre nach seinem Rauswurf - die Ehrenmitgliedschaft seines alten Vereins. 1990 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Stets legte er allerdings Wert darauf, dass er nun John Slade und Bürger der USA sei. Als Amerikaner hatte er übrigens geschafft, was ihm in Deutschland verwehrt worden war: Er nahm an den Olympischen Spielen teil. 1948, damals schon 40 Jahre alt, stand er in London im Tor des USA-Hockeyteams.------------------------------Foto: "Papst der Wall Street": John Slade, ehemals Hans Schlesinger.