Im heutigen Birma, das die herrschende Militärdiktatur in Myanmar umbenannt hat, stehen auf den Besitz von Inge Sargents Buch 17 Jahre Gefängnis. Trotzdem kursiert es im Untergrund, und viele Birmesen haben es gelesen. Inge Sargent hat es Mitte der 1990er Jahre in den USA veröffentlicht. Es trägt den Titel "Dämmerung über Birma. Mein Leben als Shan-Prinzessin". Es zu schreiben, sagt sie, "ein wirklich sehr schwieriges Unternehmen". In Angriff genommen hat sie es erst, nachdem sie in Pension gegangen war und ihre beiden Töchter lange erwachsen und aus dem Haus waren. "Mit der Arbeit an dem Buch sind die furchtbaren Alpträume, die ich früher immer wieder hatte, verschwunden. Es war eine Art Therapie, die für mich sehr wichtig war."Inge Sargent spricht ein gediegenes Hochdeutsch mit österreichischem Tonfall. Gelegentlich sucht sie nach einem Wort, das ihr nicht sofort einfallen will. Denn ihre Muttersprache spricht sie heute nur mehr selten. Sie ist 74, eine elegante Frau mit akkurat zu einem hohen Knoten aufgeschlungenem graumeliertem Haar. Seit über drei Jahrzehnten lebt Inge Sargent in Boulder im US-Bundesstaat Colorado in den Rocky Mountains. Gemeinsam mit ihrem zweiten Mann Howard Sargent kümmert sie sich um die Hilfsorganisation "Burma Lifeline", die sie ins Leben gerufen haben. Sie hält Vorträge, veröffentlicht regelmäßige Newsletter und organisiert Spendenaufrufe. 2000 hat ihr dieses Engagement den Internationalen Menschenrechtspreis der United Nations Association eingebracht. "Awareness-Work", "Bewusstmachungsarbeit", nennt Sargent ihre Aktivitäten. Die Welt soll erfahren, in welcher Situation sich die Millionen birmesischer Flüchtlinge befinden, die größtenteils in Thailand leben, und sie soll erfahren, dass das birmesische Militärregime eine Politik der ethnischen Säuberung mit systematischen Vergewaltigungen, Ermordungen und Brandschatzungen gegenüber den zahlreichen Minderheiten des Vielvölkerstaates betreibt. Minderheiten wie den Shan, von denen geschätzte 10 bis 15 Millionen Menschen im nordöstlichen Hochland Birmas an den Grenzen zu Südchina, Laos und Thailand leben.Den Shan ist Inge Sargent bis heute besser als Sao Nang Thusandi bekannt. Ihr erster Mann, Sao Kya Seng, war der letzte Saophalong - der herrschende Prinz - des Shan-Fürstentums Hsipaw, einem der größten von 30 halbautonomen Shan-Staaten innerhalb der Birmanischen Union. In East Haw, der fürstlichen Residenz von Hsipaw, wurde Inge Sargent am 2. November 1957 in einer offiziellen Zeremonie zur Mahadevi - zur Himmlischen Prinzessin - von Hsipaw erklärt. Da war sie bereits seit vier Jahren mit Sao Kya Seng verheiratet.Sie hatte ihn 1951 in Denver auf einer Studentenparty kennen gelernt. In die USA war die Tochter eines Oberförsters aus der kleinen Kärntner Ortschaft Bad St. Leonhard im Lavanttal als eine der ersten österreichischen Fulbright-Stipendiatinnen gekommen. "Ich war in Graz an der Universität und hatte zur selben Zeit um ein Stipendium für Spanien und ein Fulbright-Stipendium angesucht und beides bekommen. Ich dachte mir: Spanien kann ich mir immer noch anschauen, jetzt fahre ich einmal in die USA. Und so hat sich dann mein Schicksal sehr verändert."Welchen gesellschaftlichen Status der lächelnde, bebrillte Bergbaustudent, in den sie sich in Denver verliebte, in seiner Heimat Birma tatsächlich hatte, erfuhr Inge Sargent erst an dem Tag, an dem sie mit ihrem neuen Ehemann Anfang Januar 1954 in der birmanischen Hauptstadt Rangun vor Anker ging. Wie sich die Aufdeckung dieses nicht unwesentlichen Details genau abspielte, erzählt Inge Sargent in ihrem autobiografischen Buch, das sie in der dritten Person geschrieben hat: "Der Empfang dort draußen gilt uns", ließ Sao sie wissen. "Warum sollte man einem einfachen Bergbauingenieur einen so pompösen Empfang bereiten?", fragte Inge amüsiert. "Hier in meiner Heimat bin ich viel mehr als das", antwortete Sao, "ich bin der Saophalong eines ganzen Staates. Es ist ein großes Land, Liebling - etwa so groß wie Connecticut oder viermal so groß wie Luxemburg. Diese Menschen da draußen sind mein Volk. Sie sind den ganzen Weg von Hsipaw gekommen, achthundert Meilen weit. Du wirst dich daran gewöhnen müssen. Es wird viel gefeiert werden, wenn wir in den Shan-Staaten eintreffen." Inge starrte ihren Mann ungläubig an. Dann senkte sie den Blick und betrachtete das handgewebte österreichische Kleid, das sie trug. Verzweifelt murmelte sie: "Du hättest es mir sagen müssen . Ich bin nicht passend angezogen ."Das klingt nach großem Hollywood-Kino, nach Romantic-Thriller-Stoff oder Rosamunde Pilcher meets Asia. Und natürlich gehört es zu den skurrileren Details von Inge Sargents Geschichte, das sie in diesem Moment als erstes an ihren unpassenden Aufzug dachte. Andererseits: Wie reagiert man angemessen auf eine solche Eröffnung? Es war, sagt Inge Sargent heute, "ein riesiger Sprung". Sie erzählt, dass ihr Mann Sao Angst gehabt habe, sie würde ihn entweder gar nicht oder aus den falschen Gründen heiraten, wenn sie früher gewusst hätte, wer er war. "Denn unser Leben war viel einfacher als die Leuten denken. Es war im Alltag kein Prinz- und Prinzessinnen-Leben. Wir haben viel gearbeitet, um die Situation der Shan zu verbessern."Sao war aus den USA mit vielen demokratischen Reformideen zurückgekommen, die er im feudalistischen Hsipaw umzusetzen begann: Er übergab die traditionell in fürstlichem Besitz befindlichen Reisfelder an die Bauern, die diese bestellten, und führte neue Landwirtschafts- und Bergbaumethoden ein. Inge gründete eine dreisprachige Schule und ein Entbindungsheim und installierte mobile Ärzteteams. Daneben lernte sie Birmesisch und Shan.Fotos aus dieser Zeit zeigen eine blutjunge, schlanke Frau in traditioneller birmesischer Tracht, die bei Dorfversammlungen und offiziellen Festakten von Menschen umringt wird, die in einem Bambus-Zelt an einer langen Tafel die Gastgeberin einer königlichen Tee-Party gibt oder gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Töchtern auf einem Rattan-Sofa fürs Herrscherfamilien-Foto posiert. Luxus gab es wohl auch: Bunte Seiden-Longyis, deren Oberteile von edelsteinbesetzten Goldknöpfen zusammengehalten wurden, Dutzende Bedienstete und ein weißes, zweigeschossiges Herrenhaus unweit der von Pagoden gesäumten Ufer des Namtu-Flusses. Ihren Mann und wichtigsten Vertrauten sprach Inge Sargent fortan nicht mehr einfach mit Sao an, sondern mit "Saopyipha" - "älterer Bruder und herrschender Prinz" -, während die birmesischen Astrologen ihr selbst den Namen "Thusandi" gegeben hatten.In dem selben Maß, in dem sich die beiden im Lauf der späten Fünfzigerjahre zu einem der beliebtesten Fürstenpaare Südostasiens entwickelten, waren der fortschrittliche Shan-Prinz und seine ausländische Frau aber den militärischen Kräften der birmesischen Zentralregierung in Rangun ein Dorn im Auge. Die instabile politische Lage des Vielvölkerstaates spitzte sich fortwährend zu, Übergriffe auf die Bevölkerung durch das Militär standen immer öfter auf der Tagesordnung.Im März 1962 schließlich verhalf ein Staatsstreich unter General Ne Win dem Militär endgültig zur Macht. Noch am selben Tag wurde Sao Kya Seng verhaftet, einen Tag später Inge mit ihren beiden Töchtern für die folgenden zwei Jahre unter Hausarrest gestellt. "Ich bin inzwischen überzeugt, dass Sao schon wenige Wochen nach seiner Verhaftung ermordet wurde. Ich wollte es nur lange Zeit nicht wahrhaben", sagt sie. Was immer Inge Sargent in dieser Zeit versuchte, um etwas über das Schicksal ihres Mannes in Erfahrung zu bringen: Sao blieb spurlos verschwunden. Das Militärregime begegnete ihrer Beharrlichkeit mit schikanösen Verzögerungsstrategien und Katz-und-Maus-Spielen.1964 entschloss sich Inge zu einer gefährlichen Flucht aus Birma. Nach zwei Jahren in Österreich kehrte sie schließlich nach Colorado zurück. Ihr Geburtsland verließ sie ohne großes Bedauern: "Meine Töchter wurden oft verspottet. In Kärnten hieß es: 'Da kommen die kleinen Negerlein.' Ich selbst wollte weiterstudieren, aber man sagte mir, ich sei zu alt. Und ich hatte die größten Schwierigkeiten, die Vormundschaft für meine eigenen Kinder zu bekommen. Die österreichischen Behörden verlangten dafür entweder die schriftliche Einwilligung des Vaters oder seinen Totenschein. Beides hatte ich natürlich nicht."Erst als Inge einen ehemaligen Schulkollegen wiedertraf, der zu einem hohen Verwaltungsbeamten avanciert war, wurde ihr Ansuchen erledigt und die Familie konnte endlich in die USA auswandern. Zurück in Denver schloss Inge Sargent ihr Studium ab, wurde Lehrerin und baute für sich und ihre Töchter langsam eine neue Existenz auf. Die amerikanischen Schüler, die sie unterrichtete, hatten nicht die leiseste Ahnung, dass die Frau, die ihnen die Grundzüge des Deutschen näher brachte, die letzte Mahadevi von Hsipaw war. 1968 lernte Inge ihren zweiten Mann Howard Sargent kennen, den sie im selben Jahr heiratete.Bis heute hat das Militärregime von Birma nicht die Verantwortung für Sao Kya Sengs Verschwinden übernommen - trotz jahrelanger Bemühungen, bei denen Inge Sargent auch von mehreren Regierungen und internationalen Organisationen wie der Uno oder Amnesty International unterstützt wurde. Von Inge Sargents erstem Leben in Birma erfuhr die Welt erst Mitte der Neunzigerjahre durch ihr Buch. "Da ging es dann los! Leider Gottes herrschte viel mehr Interesse an dieser Prinzessinnen-Sache als an Birma", bedauert Inge Sargent, die sich bis heute als Shan und für die Shan verantwortlich fühlt. Solange das Militär in Birma an der Macht ist, wird sie nie in ihr Sehnsuchtsland zurückkehren können. Im Exil fühlt sie sich trotzdem nicht: "Ich habe mein erstes Leben in mein zweites integriert." Und irgendwann, meint sie, wird sich die Situation in Birma ändern. "Nichts ist bleibend."Inge Sargents Buch "Dämmerung über Birma. Mein Leben als Shan-Prinzessin" ist im Unionsverlag Zürich erschienen.------------------------------Foto: Als Himmlische Prinzessin ist Inge Sargent den Shan in Erinnerung.