MÜNCHEN. Am 22. November 1982 endete das Leben von Elisabeth Scholz, geborene Beckmann, und es begann der Aufstieg von Liz Mohn. Nur war damals wohl niemandem klar, was das bedeuten würde. 24 Jahre hatte sie auf diesen Tag warten müssen. Das Brautpaar schlich sich an jenem Freitag gemeinsam mit seinen Trauzeugen nach Büroschluss durch den Hintereingang ins Rathaus von Gütersloh. Der Bräutigam war prominent und im Jahr zuvor zum Ehrenbürger der Stadt ernannt worden. Am Tag der Hochzeit hatte Reinhard Mohn ganz normal gearbeitet, wie es hieß.Eine halbe Stunde vor der Feier im Rathaus hatte der Aufsichtsratsvorsitzende noch seine Manager informiert, dass er den Vorstandsvorsitzenden entlassen werde. Die Hochzeit feierte er dann im engsten Familienkreis, "in aller Stille", wie eine Lokalzeitung schrieb.Das eigentlich Erstaunliche an diesem Ereignis ist, dass Liz Mohn Jahre später, als sie 2001 ein Buch über ihren Aufstieg und das Leben an der Seite von Reinhard Mohn, dem Patriarchen von Bertelsmann, schrieb, diesen 22. November 1982 und ihre Hochzeit mit keinem Wort erwähnte. Dabei muss das doch einer der wichtigsten Tage in ihrem Leben gewesen sein. Sonst wäre sie, die ehemalige Telefonistin aus dem Nachbarort Wiedenbrück, Tochter einer Hutmacherin und eines Handwerkers, ja nicht Liz Mohn geworden. Fürchtete sie Nachfragen oder Gerede, warum sie Reinhard erst nach über 20 Jahren heiratete? Fürchtete sie, dass ihre Scheinehe mit einem Lektor ins Interesse der Öffentlichkeit geraten könnte?Nach dem Tod ihres Mannes, der am 3. Oktober im Alter von 88 Jahren starb, erbt sie nun eine Machtfülle in Europas größtem Medienkonzern, die überraschend und beängstigend ist. Überraschend, weil Reinhard Mohn jahrelang an einem System arbeitete, das allzu viel Macht eines Einzelnen ausschließen sollte. Im Jahr 2001 hatte Mohn dem Börsengang seines Unternehmens zugestimmt. Dem Manager-Magazin sagte er damals: "Ich bin und war schon immer davon überzeugt, dass die Zeit, als die Familie noch Kontinuität gewährleisten konnte, vorbei ist. Das Prinzip des über Generationen stabilen Familienunternehmens ist gescheitert. So viele gute Leute gibt es in keiner Familie. Wir müssen über all dies neu nachdenken. Es gibt kein Dogma. Wir wollen Kontinuität durch Wandel." Bei Bertelsmann hatten erfahrene Manager das Sagen.Nun hat er in seinem Testament offenbar das Gegenteil seiner hehren Gedanken und Ansprüche verfügt und seiner zweiten Frau Liz das Veto in allen Entscheidungen vererbt. Die 68-Jährige soll bis zu ihrem 75. Lebensjahr an der Spitze des Machtzentrums, der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft stehen und dann ihren Nachfolger selbst bestimmen. In Frage kommen zwei ihrer drei Kinder, Brigitte und Christoph, die bereits heute in den maßgeblichen Gremien sitzen. Das Verhältnis zu dem jüngsten Sohn Andreas gilt als zerrüttet.Wahr ist, dass Liz Mohn schon seit 2003, als sie als Familiensprecherin antrat, bei Bertelsmann das Sagen hatte. Zwar versicherte sie immer wieder, sie sei lediglich überwachend tätig und sorge dafür, dass die Unternehmenskultur gewährleistet sei. Ehemals leitende Manager wie Thomas Middelhoff, Mark Wössner und Gerd Schulte-Hillen bezeugen das Gegenteil.Von Beginn an fand die Beziehung zu Reinhard Mohn, der wegen seines riesigen Medienunternehmens stets im öffentlichen Interesse stand, in der Halböffentlichkeit von Bertelsmann statt. Liz Mohn lernte ihren späteren Mann 1958 bei einem Betriebsfest kennen. Die Belegschaft spielte die "Reise nach Jerusalem". Reinhard und Liz blieben übrig. Reinhard gewann. Der verheiratete Reinhard brachte die damals 17-Jährige nach Hause. "Ich merkte, dass wir uns gut verstanden", erinnerte sich Liz 2001 in ihren Memoiren "Liebe öffnet Herzen". "Wir feierten bis in den Morgen. Um fünf Uhr in der Früh brachte er mich nach Hause."In den sechziger Jahren brachte sie drei Kinder zur Welt. Weil im christlichen Gütersloh alleinerziehende Mütter nicht gut angesehen waren, heiratete sie zum Schein den Bertelsmann-Lektor Joachim Scholz. Reinhard Mohn hatte offenbar nichts gegen diese Heirat einzuwenden. Familie Scholz zog nach Stuttgart, aber Elisabeth hielt Kontakt zu Reinhard und irgendwann kehrte die Familie zurück. Als der jüngste Sohn in die Schule kam, begann Liz, sich bei Bertelsmann zu engagieren. Sie organisierte Treffen von Manager-Frauen, später auch einen Wettbewerb für Sänger und eine Stiftung für Schlaganfallpatienten.In den siebziger Jahren rückte sie von der Telefonistin zur Vorzimmerdame auf und kontrollierte den Zugang zu ihrem Mann. Sie regelte seine Termine. Eines Tages erhielt Manfred Bissinger, der damalige Vize-Chefredakteur des Stern, einen Anruf von Elisabeth Scholz, die sich als Mitarbeiterin von Reinhard Mohn vorstellte. Herr Mohn wolle ihn sprechen. Sie vereinbarten einen Termin. In Gütersloh saß Elisabeth Scholz in einem "sehr großen Vorzimmer", wie Bissinger sich später erinnerte. Nach dem Gespräch mit Reinhard Mohn war es Zeit zum Abendbrot. Sie richtete ein kariertes Deckchen auf dem Couchtisch im Büro des Chefs, verteilte Besteck, Wurst, Butter, Käse und Brot, und alle drei aßen. "Es war eine Ehre, dass ich dabei sein durfte", sagt Bissinger. "Sie hatte alles im Griff."Ihre Kinder dachten lange, sie seien die Kinder von Scholz, obwohl der im Keller ihres Hauses wohnen musste und Liz viel mehr Zeit mit Reinhard verbrachte. Wenn Reinhard es wollte, musste der vermeintliche Papa dem vermeintlichen Onkel Platz machen. Erst als der Jüngste zwölf Jahre alt war, erfuhren die Kinder, wer ihr Vater war. Liz Mohn schreibt, ihr Erziehungskonzept sei von ihren Erfahrungen bei den Pfadfindern geprägt. "Geradlinigkeit, Anstand und Fairness wollte ich meinen Kindern mitgeben. Schon als sie klein waren, sagte ich immer: Der gerade Weg ist der bessere, auch wenn's schwer fällt. So vermeidet man Lügen und Heimlichkeiten." Fragen zu den Widersprüchen in ihrem Leben zu beantworten, hat sie sich stets geweigert.Nach und nach führte Mohn seine Frau in die Gremien der Firma ein, erinnern sich Mitarbeiter. Er gab ihr Texte zu lesen und fragte sie ab. Liz war Reinhards Schülerin. Er schrieb ihr viele knappe Mitteilungen - genau wie seinen Managern. Wenn sie sich verspätete, war er vor Mitarbeitern unhöflich zu ihr. Kollegen behaupten, Reinhard habe seinen Vorstandsvorsitzenden Mark Wössner beauftragt, ein Auge auf Liz zu haben. Es soll vorgekommen sein, dass Wössner zu Liz Mohn sagte, sie solle nun besser den Mund halten - und ihr Mann Reinhard ungerührt daneben saß. "Drei Viertel ihres Lebens war Liz einfach nur lieb", sagt ein ehemaliger Manager.Je mehr sich Reinhard aus dem Konzern zurückzog, desto stärker drängte Liz in die Öffentlichkeit. Vieles von dem, was sie sagt, kann man in seinen Schriften nachlesen. Mit 16 Jahren schrieb er in einem Aufsatz, er wolle eine Chance haben in seinem Leben. Sie sagt, sie habe immer etwas machen wollen aus ihrem Leben. Als Reinhard Mohn im Jahr 2002 den Zukunftspreis der CDU-Sozialausschüsse verliehen bekam, konnte er den Preis wegen der Folgen seines zweiten Schlaganfalls nicht entgegennehmen. Erstmals vertrat ihn seine Frau bei einer solchen Ehrung. Sie hielt damals eine Rede, die im Fernsehen übertragen wurde. Am Ende gab sie nur noch Stichworte wieder, die er notiert hatte: Verantwortung! Kontinuität! Und schließlich nannte sie den Titel seines Buches: "Menschlichkeit gewinnt!"Am Freitag wurde bei einer Trauerfeier in Gütersloh noch einmal Reinhard Mohns gedacht. Beigesetzt worden war er bereits am Mittwoch vergangener Woche "im ganz kleinen Kreis", wie es heißt. Ein Sicherheitsdienst schirmte die Trauergemeinde ab. Neben seiner zweiten Frau Liz, den Kindern und Angehörigen waren Vertreter seiner Stiftung und des Unternehmens anwesend. Seine erste Frau Magdalene, mit der er 33 Jahre verheiratet war, musste der Veranstaltung fern bleiben. In einer Lokalzeitung sagte sie, bei der Trauerfeier "möchte ich gerne dabei sein und in Würde Abschied nehmen." Es blieb bei dem Wunsch.In der Stadthalle von Gütersloh hatten sich etwa tausend Gäste versammelt, unter ihnen die Verleger Friede Springer, Heinz Bauer und Hubert Burda. Die Lücke, die sein Tod hinterlasse, sei nicht zu schließen, sagte der Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende Hartmut Ostrowski: "Die Erfolgsgeschichte von Bertelsmann ist seine Geschichte." Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg würdigte Mohn als "wahrhaft großen Mann".Seine Tochter Brigitte zitierte aus einem Brief, den ihr der Vater im vorigen Jahr schrieb: "Wir sind uns in vielerlei Hinsicht ähnlich." Er sei immer für sie da gewesen, ohne einen Weg vorgeben zu wollen, sagte sie. "Seine Liebe war leise, zurückhaltend." Ihr Bruder Christoph betonte, sein Vater habe seinen Kindern vieles für das Leben mitgegeben: "seine Werte, sein Verantwortungsgefühl, sein Vertrauen in uns".Am Sonntag wird RTL, ein Bertelsmann-Sender, einen einstündigen Film mit Spiel-, Dokumentar- und Interviewszenen zeigen, in dem der Schauspieler Sebastian Koch den Patriarchen darstellt. Der Film wurde von Bertelsmann produziert und Reinhard Mohn zum 85. Geburtstag geschenkt. Kritische Dinge, etwa die Legende vom Widerstandsverlag im Dritten Reich oder Schwieriges aus dem Privatleben, sind in dem Film ausgespart.Liz Mohn hat einmal geschrieben, die Begegnung auf dem Betriebsfest sei Zufall gewesen, ihr Mann dagegen glaube an Bestimmung. Augenzwinkernd habe er ihr gesagt: "Es war gute Personalarbeit." Nun, da sie alle Macht hat im Unternehmen, gewinnt dieser Satz eine ganz neue Bedeutung.------------------------------"Wir feierten bis in den Morgen. Um fünf Uhr in der Früh brachte er mich nach Hause." Liz MohnFoto: Einflussreich und vermögend: Liz Mohn 2009. Vor sechs Jahren übernahm sie im Auftrag ihres Mannes Reinhard Mohn die Funktion der Familiensprecherin.