NEUSTADT-GLEWE, im April. Der Anfang war gemacht, der Rest würde sich schon irgendwie ergeben. Denn wo erst mal ein Chinese eine Fabrik gebaut hat, so dachte man, kommen bald zwei, drei andere Chinesen, vielleicht sogar fünf oder zehn, immer mehr Chinesen, die auch Fabriken bauen. "Der erste Chinese", sagte damals Klaus-Michael Rothe, Hauptgeschäftsführer der Schweriner Industrie- und Handelskammer, "ist wie ein Sandkorn in einer Auster. Daraus kann eine Perle werden."Heute, ein halbes Jahr später, ist Rothe der Vergleich ein wenig peinlich. Jetzt, wo der erste Chinese schon wieder weg ist. Kein Sandkorn, keine Perle, keine Fabriken. Jedenfalls nicht in Neustadt-Glewe.Die Nachricht, daß die China First Pencil Company, der größte Bleistiftproduzent Ostasiens, ausgerechnet im mecklenburgischen Neustadt-Glewe eine neue Bleistiftfabrik eröffnet, ging im vergangenen September durch die ganze Republik. Schließlich war es die erste chinesische Direktinvestition in ganz Europa. 14 Millionen Mark hatte das Werk gekostet, 80 Menschen sollten in der "Norddeutschen Bleistiftfabrik" (nbf) einmal Arbeit finden, vielleicht auch mehr. "Spiegel", "Wirtschaftswoche" und "Tagesthemen" bejubelten die Investition, die über das 7 800-Einwohner-Städtchen gekommen war wie ein biblisches Wunder.Was für eine Geschichte: Siemens, VW und all die anderen wollen Fabriken in China bauen, aber die in Mecklenburg-Vorpommern, die machen es umgekehrt und holen die Chinesen her. Nach Neustadt-Glewe. Die Maschinen waren noch nicht angelaufen, da sahen die Wirtschaftsförderer die Gegend südlich von Schwerin schon als "deutsches China-Zentrum". Ein glücklicher Bürgermeister präsentierte sich mit den Fabrikherren vor den Kameras, rote Fahnen mit gelben Sternen wehten im Septemberwind. Die Versöhnung von Kommunismus und Kapitalismus in Neustadt-Glewe. Ein Spätsommer-Traum.Die Maschinen stehen stillJetzt fand der Traum ein jähes Ende. Die Norddeutsche Bleistiftfabrik steht vor der Gesamtvollstreckung. Bereits Anfang März wurden alle Mitarbeiter entlassen. Seitdem stehen die Maschinen still. Der Geldgeber, die Norddeutsche Landesbank (NordLB), kündigte vor zwei Wochen die Kreditlinie, nachdem die nbf-Gesellschafter eingestanden hatten, sie könnten "die Gesamtfinanzierung für ihr Engagement in Neustadt-Glewe nicht mehr darstellen". Das Land Mecklenburg-Vorpommern und die NordLB überlegen nun, ob und wie sie 10,5 Millionen Mark Subventionen und Kredite wieder hereinholen können. Vor Ort, in Neustadt-Glewe, findet sich niemand mehr, der dazu etwas sagen könnte. Manchmal meldet sich am Telefon in der Fabrik jemand, der kein Deutsch und nur ganz wenig Englisch mit chinesischem Akzent spricht. Ob jemand von der Geschäftsführung da ist? "Nein", heißt es. "Vielleicht morgen, vielleicht auch nicht." Metallgitter verriegeln die Zufahrt zum Fabrikgelände, kein Auto steht auf dem Parkplatz, alle Vorhänge sind zugezogen. Auch ein Anruf bei der Hamburger Anwaltskanzlei, die jetzt die Bleistift-Investoren vertritt, endet ergebnislos. "Ich fürchte, da werden Sie auf Granit beißen", sagt die Sekretärin, bevor sie zu Rechtsanwalt Neelmeier durchstellt. Neelmeier braucht elf Sekunden, um zu sagen, daß er keine Auskunft gibt.Dabei gibt es durchaus Fragen, die man dem Anwalt stellen möchte: Warum wollen die Chinesen Gesamtvollstreckung beantragen, obwohl sie bei der NordLB über ein Guthaben von knapp zwei Millionen Mark verfügen und alle Kredite bislang korrekt bedient haben? Auch Löhne und Materiallieferungen wurden pünktlich bezahlt. Was also ist schiefgelaufen?Die einfachste Antwort: Eine Bleistiftfabrik, in der gar keine Bleistifte produziert werden, kann nur scheitern. Aus China kamen Graphitminen in Lindenholzhülle, die in Neustadt-Glewe lediglich lackiert und angespitzt wurden. Dies teilte Geschäftsführer Haomin Deng allerdings erst mit, nachdem er die Subventionen eingestrichen hatte.Allein fürs Lackieren und Anspitzen aber durften die Bleistifte aus Neustadt-Glewe nicht das absatzfördernde Zertifikat "Made in Germany" beanspruchen, mit dem sich ein höherer Preis rechtfertigen läßt. Genau das war für die Chinesen der einzige Grund gewesen, in Deutschland eine Fabrik zu bauen. "Immer wieder haben wir ihnen gesagt, daß sie ,Made in Germany nicht bekommen, wenn sie hier nur lackieren und Radiergummis draufsetzen", sagt IHK-Chef Klaus-Michael Rothe. "Wir haben uns wirklich reingehangen, aber die haben sich einfach verweigert."Damit entfiel das einzige Verkaufsargument. Für Billig-Bleistifte "Made in China" gibt es im übersättigten Markt keine Nische mehr. Als die Aufträge ausblieben, versuchten die Chinesen es mit der Preisbrecher-Methode. In ihrer Verzweiflung gingen sie angeblich bis auf sechs Pfennig pro Bleistift herunter ein ruinöser Dumpingpreis. Die Gesellschafter in Schanghai sahen nicht lange zu und zogen aus der Ferne die Notbremse. Die erste chinesische Direktinvestition in Europa war gescheitert.Bürgermeister Uwe Menz hat mit dem Kapitel Bleistiftfabrik abgeschlossen und redet nur ungern darüber. Kein Wunder: Wie steht denn ein Bürgermeister da, den die gefeierten Fabrikherren auf einmal so schmählich im Stich lassen? Er hatte sich eine "kleine Sogwirkung" erhofft für sein Neustadt-Glewe, dem die Nachwendejahre arg zugesetzt hatten. Menz zählt auf: 1 700 Arbeitsplätze in der Lederherstellung, 1 400 im Rundfunk- und Fernsehtechnikwerk, je ein paar hundert in Hydraulikindustrie und Landwirtschaft alles weg. Die Bleistiftfabrik sollte neue Hoffnung bringen. Auf dem Stadtplan ist sie noch nicht eingezeichnet. "Da müssen wir wenigstens nicht auch noch neue Stadtpläne drucken", sagt der Bürgermeister.Er sorgt sich vor allem, was aus den Fabrikhallen und den Maschinen werden soll. Wenn erst mal die Halbstarken aus der Gegend auf dumme Gedanken kommen, nachts, mit viel Bier im Bauch, na ja, man weiß doch, wie das geht.Ansonsten ist dem Bürgermeister die jüngste De-Industrialisierung Neustadt-Glewes erstaunlich gleichgültig obwohl doch 80 Jobs versprochen waren. "Ja, versprochen schon", sagt Menz, "aber mehr als 20 Leute haben da nie gearbeitet. Und von denen waren die meisten Chinesen. Deutsche waren da vielleicht sechs oder sieben darunter, vielleicht auch nur fünf." So ganz genau weiß er es nicht.Zwanzig Langzeit-Arbeitslose wurden für die Chinesen auf Kosten des Arbeitsamtes umgeschult eingestellt hat die Bleistiftfabrik aber nur ein paar, zum nicht gerade üppigen Stundenlohn von 11,50 Mark. Etwa genausoviel zahlt auch die benachbarte Hähnchenschlachterei Stolle. Da ziehen Frauen mit weißen Gummischürzen und schweren Gummistiefeln im Stehen den ganzen Tag schweigend Gedärme aus geköpften Hähnchen, die an Haken vor ihnen vorbeibaumeln. 8 000 Masthähnchen pro Stunde, das ist der Takt des Aufschwungs im platten Mecklenburger Land.Billiges Bauland und ZuschüsseUrsprünglich wollten die Chinesen ihre Bleistifte gar nicht in Neustadt-Glewe produzieren, sondern in Zarrentin an der ehemaligen Grenze. Dort allerdings verbaten sich zwei benachbarte Lebensmittelwerke die Arbeiten mit umweltschädlichen Nitrolacken. Also zogen die Männer aus Schanghai weiter, an der Autobahn entlang, bis Neustadt-Glewe. Bürgermeister Menz bot billiges Bauland, das Land versüßte die Investition mit einem Zuschuß von zwei Millionen Mark, und auch für einen 8,5-Millionen-Kredit bei der NordLB bürgte das Land zu 80 Prozent.Für Harald Ringstorff (SPD), den damaligen Wirtschaftsminister des Landes, war die Bleistiftfabrik ein Prestige-Objekt. Keiner seiner Amtskollegen in Ost und West war zuvor mit ähnlichem Erfolg von einer China-Reise zurückgekehrt. Zweifel an der Wirtschaftlichkeit des Vorhabens wurden im Keim erstickt. Nachdem unabhängige Gutachter die Erfolgsaussichten des Projekts skeptisch beurteilt und von einer Landesbürgschaft abgeraten hatten, erwirkte das Wirtschaftsministerium flugs ein zweites Gutachten, das zu weit optimistischeren Absatzprognosen kam die sich nie bewahrheiteten. Die Bürgschaft wurde gewährt.Lächeln im DesasterRingstorffs Nachfolger Jürgen Seidel, ein Christdemokrat, hatte gleich Zweifel an dem China-Projekt. Die Marktführer mit den klangvollen Namen Faber-Castell, Staedtler, Schwan Stabilo haben den größten Teil ihrer Bleistift-Produktion in den letzten Jahren nach Brasilien, Indonesien und Tschechien verlegt. Warum sollte da ausgerechnet im Hochlohnland Bundesrepublik eine Bleistiftfabrik gebaut werden? Low-tech aus Meck-Pomm das schien keinen Sinn zu ergeben. Seidel konnte das genehmigte Projekt zwar nicht mehr stoppen, aber die letzte noch ausstehende Subventionsspritze von 500 000 Mark erhielten die chinesischen Investoren nicht mehr. Was Seidel jetzt den Vorwurf der SPD einträgt, er habe die Chinesen verjagt.Mit der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit in Neustadt-Glewe soll es von Anfang an Probleme gegeben haben. Die Facharbeiter aus Schanghai, schrieb die "Wirtschaftswoche" zur Eröffnung der Fabrik, "lächeln auch noch beim größten Desaster". Die Chinesen sprachen weder Deutsch noch Englisch, die zweisprachigen Betriebsanleitungen der Maschinen verblüfften mit Anweisungen wie "Glänz Rückfühn". Weil es sich bei dem mitgebrachten Personal nach deutschem Verständnis eher um Hilfsarbeiter als um Fachkräfte handelte, wollten die Behörden die Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängern."Der Herr Deng", sagt Bürgermeister Menz über Haomin Deng, den Geschäftsführer der Fabrik, "an dem hat s nicht gelegen. Der war sehr ehrgeizig und wollte das Ding durchziehen." Nach der Entlassung der Belegschaft war Herr Deng dann allerdings sehr schnell außer Landes. Die Muttergesellschaft hatte ihn nach China zurückbeordert.Der Bürgermeister verabschiedet sich. Er hat viel zu tun. Die Normalität ist zurückgekehrt nach Neustadt-Glewe. Das Volksfest steht vor der Tür, das 750jährige Stadtjubiläum auch, die Stadtverordnetenversammlung muß vorbereitet werden. Auf der Tagesordnung steht: "Bau und Betreibung eines Tropen-Thermalbades".