Ein Segelboot auf der Seine bei Argenteuil, Sommer 1893. Im Wasser spiegelt sich das Licht des bedeckten Himmels. Weltvergessen sitzt der Segler auf seinem Schiffchen, das der Maler in einer dynamischen Diagonale treiben lässt. Die Szene ist undramatisch, dafür atmosphärisch auf die Leinwand gesetzt von Gustave Caillebotte.Was macht solch ein Bild nach über hundert Jahren so anziehend? Viertausend Leute drängen zur Vernissage in die Albertina vor die Tafeln der Impressionisten und Nachimpressionisten. Von einem Fest fürs Auge ist allenthalben die Rede. Und doch hatte Paris um 1880, damals der Nabel der Kunstwelt, diese Malerei geringschätzig, ja wütend aufgenommen. "Eine Tapete im Embryonalstadium" sei weiter gediehen als "dieses Seestück", beschimpfte der Akademist Leroy den Maler Claude Monet und dessen Bild "Impression, Sonnenaufgang". Ein Sympathisant des neuen Stils beobachtete: "Der Impressionist sieht, dass der Schatten im Schnee bei Sonnenlicht blau ist, sodass er ohne zu zögern den Schnee blau malt. So lacht das Publikum . Der Impressionist malt seine Landschaften violett. So beginnt das Publikum, wütend zu werden."Monet und seine Gefährten, darunter Renoir und Pissarro, hatten im Fotoatelier Nadar ausgestellt: Natur-und Stadtmotive, die Sinneseindrücke wiedergaben - in Farbe und Licht. Es ging nicht mehr um Abbilder, die Farbe wurde wichtig, nicht mehr Gegenstand und Inhalt, sondern das Licht, in dem dieser erscheint. Beleuchtung und Schatten waren übersetzt in Farbtöne.Auf einmal musste das Publikum Bilder anders ansehen, vor ihnen sogar einige Schritte zurücktreten, denn die Maler wollten, dass der Akt des Malens nachempfunden werden könne. Farbflächen lösten sich auf in kleine Pinselstriche. Schon hatte diese Art, zu malen, ihren Namen weg: Impressionismus - Eindruckskunst. Die Salon-Akademiker waren entrüstet über den Affront gegen die konservative abbildende, allegorische, historisierende Kunst. Aber weder Gift und Galle noch Spott hinderten die neue Malerei, mit der starren Konvention zu brechen und ins Freie zu drängen."Wie das Licht auf die Leinwand kam" - unter diesem Titel führt die Wiener Albertina ihr Publikum nun durch die Entstehungsgeschichte des französischen Impressionismus. 125 Gemälde - 75 davon sind Leihgaben des Kölner Wallraf-Richartz-Museums, andere kommen aus Paris, Madrid, Prag, Budapest, Amsterdam und aus der Albertina selbst - füllen 13 Säle. Dazu kommen 56 originale Künstlerobjekte, sogar die Malutensilien von den Staffeleien über den Sonnenschirm bis zu Degas' schwarzer Brille, van Goghs Perspektivrahmen und Seurats Palette. Kein Sujet, das die Impressionisten nicht umgesetzt hätten: Wasserspiegelungen, Boulevardtreiben, Parkleben, Felder, Wiesen, blühende Gärten, Kirchtürme, Schiffe und Bäume in verschiedenen Lichtverhältnissen. Das wirklich Neue, ja, Revolutionäre am Impressionismus ist der totale Verzicht auf historische oder ideologische Inhalte. Und die Maler gingen in die Natur, auf die Straßen. Degas scherte ein wenig aus: Er setzte seine Ballerinen in hartes Bühnenlicht. Doch auch bei ihm war es neu, flirrendes Sonnenlicht und farbige Schatten zu malen. Zudem begann Degas die Debatte um den Bilderrahmen. Dieser müsse den Prinzipien des komplementären Kontrastes folgen. So kam der schlichte weiße Holzrahmen auf - modern noch heute.Vor solchen Motiven und solcherart gerahmt, beginnt man, über Wahrnehmung nachzudenken. Und genau hier setzt die Museumsdidaktik der Albertina unter ihrem kuratierenden Direktor Albrecht Schröder subtil raffiniert an. Was nämlich kann eine Ausstellung zu dieser unzählige Male gezeigten, vermarkteten, in dicken Kompendien erforschten Kunstrichtung dem bildüberfluteten Zeitgenossen noch sagen? Zum Beispiel, dass die Impressionisten die Freilichtmalerei nicht erfunden, aber zum Programm erhoben haben. Dass Landschaften im Sonnenlicht, Nebel oder Schnee nicht ausschließlich spontan gemalt wurden. Und Röntgenaufnahmen, etwa von Manets "Spargel", belegen auch viele vorskizzierte, also planvolle Malakte.Didaktik kann durchaus sinnlich sein, das beweist diese Ausstellung. Der Betrachter kann unterhaltsam nachvollziehen, welche künstlerische Befreiung es war, aus den Akademiesälen, aus den Ateliers nach Draußen zu gehen, samt der Malwerkzeuge mobil zu sein und das Licht als Mal-Mittel genau so frei nutzen zu können wie die soeben eingeführten flachen Borstenpinsel. Und ebenso die gerade auf den Markt gelangten Tubenfarben und die in Manufakturen vorgrundierten Leinwände. Preiswert waren Letztere nicht, und so benutzten viele Impressionisten billiges Pappelholz. Dass die Impressionisten, wie oft behauptet, edle, teure Mahagoni-Tafeln bevorzugt hätten, gehört damit ins Reich der Legende; die meisten Maler hatten dafür kein Geld. Sechsstellige Summen verdienten an den Impressionisten erst die Kunsthändler des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts.Neben der Genesis des Stils bringt die Schau die Techniken nahe: Bei Monet ist alles Licht, und natürlich sind seine Seerosen zu sehen, der Vordergrund ist warm und vital, der Hintergrund kühl und zart, keine Form tritt privilegiert hervor. Jahre später zerlegte Seurat die Farbkreise in Spektralfarben, sein Freund Signac (Maxime: "Es lebe Blau, scheiß auf Grau.") verwarf bald das pointillistische Verfahren und setzte Farbstriche und -linien gleichsam zu Teppichen.In der Albertina kann man sich beim Rundgang gut selbst die Frage beantworten, wann eigentlich ein Bild "fertig" ist, denn ein Hauptvorwurf der Impressionismus-Feinde war der, die Bilder seien unfertig, skizzenhaft flüchtig, kurzum oberflächlich. Indes geht es in dieser Malerei um die Faszination des Augenblicks. Der erste Eindruck entscheidet. In Momentaufnahmen, ganz ähnlich der Fotografie, werden Gegenstände in Licht aufgelöst, Formen in Farben übertragen. Diese Eindrücke der sich wandelnden, bewegenden Welt geben bei van Gogh ein Bild wie durch ein Fenster.Im letzten Saal schließlich, vor einer Landschaft Cézannes von 1904, das einer japanischen Tuschzeichnung gleicht, geht der frühe Impressionist und späte Kubist jenen Weg, der mit der Nachahmung der Wirklichkeit radikal aufhört. Er malt nun das Eigenleben der Dinge. Und schon sind wir mitten in der Moderne.Wien, Albertina. Bis 10. 1. 2010, tgl. 10-18/Mi-21 Uhr. Katalog (SKIRA Mailand, dt./engl.) 29 Euro.------------------------------Foto: Ach, Sommer: Gustave Caillebottes "Segelboot auf der Seine bei Argenteuil", 1893, lässt den Fluss als rätselhaftes Versprechen leuchten.