BERLIN, 9. Juli. Sie hatten es einfach satt. Genug hatten sie von den ständig wechselnden Eigentümern, den teilweise hochtrabenden Sanierungsplänen und den damit drohenden Mieterhöhungen. "All das hätte unsere Wohnstruktur zerstört", erklärt Bewohnerin Katrin Schmidt. Denn die Grünbergerstraße 73 in Berlin-Friedrichshain ist kein gewöhnliches Wohnhaus. Wie etliche baufällige Gebäude in Ost-Berlin war es Anfang der 90er-Jahre besetzt worden. Inzwischen sind die Räumlichkeiten zwar legal angemietet und von den ursprünglichen Besetzern sind auch schon viele ausgezogen - doch der Geist von damals ist geblieben: In Wohngemeinschaften bis zu elf Personen leben die rund 40 Bewohner auf vier Etagen des Hauses. Klingeln gibt es nur für die vier großen Küchen des Hauses. Auf den monatlichen Hausversammlungen entscheiden alle gemeinsam über alles - zum Beispiel was mit Dachboden und Innenhof geschehen soll, ob eine neue Heizung nötig ist oder wie hoch die Miete der einzelnen Zimmer sein soll. Um sich die Freiheiten des "selbstbestimmten Wohnens" zu bewahren, haben sich die ehemaligen Hausbesetzer auf ungewohnt kapitalistisches Gebiet begeben und ihr Haus Anfang des Jahres gekauft. Unterstützt hat sie dabei das Freiburger Mietshäusersyndikat. Dieser Zusammenschluss aus alternativen Wohnprojekten berät nicht nur unerfahrene Häuslekäufer bei den oft langwierigen Verhandlungen mit den Eigentümern oder der Gestaltung des Kaufvertrags. Das Syndikat hat für seine Ziele auch ein eigenes Kaufmodell entwickelt: Zusammen mit den Bewohnern des jeweiligen Hauses bildet es eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH). Die GmbH wird Eigentümerin des Hauses und damit Vermieterin. Die Verwaltung bleibt den Bewohnern überlassen, so dass sie weiterhin tun und lassen können, was sie wollen - bis auf eine Sache: Das Haus weiter verkaufen. Hier hat das Syndikat ein Vetorecht, damit das Haus nicht wieder in die Hände eines Einzelnen fällt. "Mieter kommen und gehen", sagt Jochen Schmidt, der ehrenamtlich im Freiburger Büro des Syndikats arbeitet. "Das Haus und die Idee sollen aber erhalten bleiben".Idee stammt aus FreiburgUm die Idee ging es auch den rund 20 Erfindern des Modells, die sich in den 80er-Jahren in Freiburg darum bemühten, ein altes Fabrikgelände zu kaufen, um dort ihr Ideal vom "Arbeiten ohne Chefs und Untergebene" und selbstbestimmten Wohnen zu verwirklichen. Heute ist das Syndikat in fast jedem Bundesland an Wohnprojekten beteiligt. 14 Häuser sind schon gekauft, zehn Projekte sind noch in Arbeit und Mitte Juni haben die Syndikatler bereits fünf neue Mitgliedshäuser aus Potsdam, Hamburg und Bremen in ihren Kreis aufgenommen. Den Großteil des Geldes für den Kauf ihrer Häuser müssen die Projekte selbst aufbringen, meist über günstige Direktkredite aus dem Familien- und Bekanntenkreis. "Auch Banken vertrauen inzwischen darauf, dass unser Kaufmodell funktioniert und leihen den Projekten Geld", sagt Schmidt. Zurückgezahlt werden die Kredite aus der Miete, die alle Bewohner auch nach dem Kauf des Hauses weiterhin zahlen. Auch wenn das Haus abbezahlt ist, sollen die Zahlungen weitergehen. "Der Blick über den Gartenzaun zeigt einen großen Bedarf an weiteren Häusern und Grundstücken, um anderen auch die Idee vom selbstorganisierten Wohnen zu ermöglichen", so Schmidt. Deshalb sollen ältere Projekte ihre Gewinne aus der Miete "solidarisieren" und den jüngeren Projekten für den Selbstkauf leihen. So hofft das Syndikat, künftig auf den Bankenanteil der Finanzierung verzichten zu können, um die hohen Zinsen zu umgehen. Schon jetzt hätten einige Häuser Anfangsverluste aus Sanierungsarbeiten anderer Projekte übernommen und mit ihren Überschüssen verrechnet - steuersparend versteht sich. ------------------------------Foto (2): Von Sanierungsplänen verschont: Ein ehemals besetztes Wohnhaus in Berlin-Friedrichshain gehört nun ganz legal seinen Bewohnern.