Meine Frau kennt Sie, die hat immer West-Fernsehen geguckt", empfing mich Egon Krenz auf den Stufen seines Bungalows in Berlin-Niederschönhausen. Die Mauer war gefallen, Honecker gestürzt, und Egon Krenz - der ewige junge Mann der SED - ließ sich noch anderthalb Monate Tag für Tag in das Büro des Staatsratsvorsitzenden am Berliner Marx-Engels-Platz chauffieren. Als Honeckers Nachfolger wollte er die DDR als eigenständigen sozialistischen Staat erhalten, doch die Bürger wollten weder Sozialismus, noch DDR und auch keinen wie Egon Krenz. Hätte der auf seine Frau gehört und auch mal West-Fernsehen geguckt, er wäre weniger überrascht gewesen.Dass der Gedanke an die Einheit bei den Bürgern im Osten so lebendig blieb, ist auch den elektronischen Medien zu danken. Die "Aktuelle Kamera" mit dem sich ewig wiederholenden Aufmarsch alterssteifer Herren aus dem Politbüro und Siegesmeldungen über gewonnene Ernteschlachten, brachte keinen zum Gähnen, denn die Zuschauer hatten schon vor Beginn der Sendung abgeschaltet. Auf neunzig Prozent des Gebiets der DDR waren ARD und ZDF zu empfangen, und im "Tal der Ahnungslosen" mit seiner Hauptstadt Dresden schlug bei der Wohnungssuche ein Argument alle anderen: Westempfang möglich! In den Höhenlagen von Dresden war man besser informiert als Egon Krenz in Pankow-Niederschönhausen.Auch SED-Genossen, die gerade auf der Parteiversammlung noch treuherzig versprochen hatten, niemals westliche Hetzsender einzuschalten, fingerten abends auf der Suche nach "heute" und "Tagesschau" am Einstellknopf ihres Fernsehgeräts und beneideten die weniger Linientreuen, die sich wagemutig eine Antenne aufs Dach geschraubt und sie in Richtung Westen gedreht hatten. Vor dem Bildschirm begingen die DDR-Bürger allabendlich Republikflucht."Feindlich Kräfte"Was auch immer die Partei sich einfallen ließ, um die Televisions-Verbindung in den Westen zu kappen - es war vergebens. Nach dem Mauerbau stiegen fanatische FDJler ihren Mitbewohnern aufs Dach und knickten die Westantennen ab. West-Seher wurden in den Zeitungen denunziert und als "feindliche Kräfte" gebrandmarkt. Und als die Farbe auf den Bildschirm kam und die Bundesrepublik sich wie die meisten westlichen Staaten für den PAL-Standard entschied, setzte die SED triumphierend auf das Konkurrenzsystem Secam. In das zum 20. Jahrestag der DDR-Gründung entwickelte Fernsehgerät "Color 20" wurde die Linientreue gleich eingebaut. Kein östliches Fernsehgerät sollte den Westen je farbig zeigen Aber so wie die Antennen wieder gerade gebogen, die Bürger hinter geschlossener Wohnzimmertür weiter den Fernsehknopf in die ihnen genehme Richtung drehten, so waren für West-Mark bald auch Farbkonverter zu haben. Da hatte der Westen auch farblich obsiegt, und die Bürger wunderten sich, als ihnen Erich Honecker 1971 offiziell erlaubte, was sie ohnehin schon taten - Westen zu gucken. Den Krieg der Bilder hatte die SED verloren. Der Staatsratsvorsitzende verlas nur noch die Kapitulationsurkunde.Wie lebenswichtig den DDR-Bürgern die von den Sendetürmen an der Grenze gespannte Informationsbrücke war, erfuhren die Korrespondenten von ARD und ZDF vor Ort. Seit dem Grundlagenvertrag von 1973 durften westliche Journalisten in der DDR arbeiten. Jeder Bericht war ein Test auf die Bereitschaft der SED, das Versprechen auf ungehinderte Berichterstattung zu halten. Es wurde meist gebrochen.Ein ganzes Heer von Spitzeln beschattete die Korrespondenten. Ihre Wohnungen wurden verwanzt, ihre Telefone abgehört und die Stasi versuchte, sie zu Verstößen gegen die Journalistenvereinbarung zu provozieren. Etwa so: Der Korrespondent sitzt an seinem Schreibtisch, Sekretärin und Kamerateam sind zum Mittagsimbiss unterwegs, plötzlich stürzt ein wildfremder Mensch ins Zimmer und fleht, ihn in den Westen zu bringen. In solchen Situationen half nur eins, den Herrn zu bitten, schleunigst das Büro zu verlassen und seinen Wunsch ein paar Ecken weiter bei der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik vorzutragen. Der unter der Regie der Stasi aufgetretene Kleindarsteller trollte sich und jeder konnte sicher sein, dass der Wortwechsel mitgeschnitten und später in Mielkes Archiven abgelegt wurde."Wir brauchen Sie!", hörten die West-Journalisten täglich. Und wie sie gebraucht wurden, erfuhren sie besonders in den letzten Wochen der DDR. Keine Graujacken der Stasi konnten sie hindern, von den Friedensgebeten und Montagsdemonstrationen in den Städten der DDR zu berichten. Dissidenten wagten, ihre Forderungen vor West-Kameras vorzutragen. Während das Ost-Fernsehen so tat, als ginge alles seinen geordneten sozialistischen Gang, waren die Sprechchöre der aufgebrachten DDR-Bürger in jedem Haus zu empfangen. Die Kameras waren live dabei. Das Fernsehen machte den noch zögernden Mut, auch auf die Straße zu gehen. Es wurde zum Multiplikator der friedlichen Revolution.Bilder können über den Ausgang von Revolutionen entscheiden. Als am 17. Juni 1953 die Bauarbeiter in der Stalin-Allee für höhere Löhne und mit schwarz-rot-goldenen Fahnen für die Einheit demonstrierten, gab es kein Fernsehen, und die Zeitungsfotos erreichten die Welt erst einen Tag später. Da war der Aufstand bereits erstickt. Am Sonntag den 13. August 1961, am Tag des Mauerbaus, war sonntags noch tagesschaufrei. Nicht Fernsehbilder, sondern Radioreporter übertrugen das ohrenbetäubende Rattern der Pressluftbohrer, mit denen Soldaten der Nationalen Volksarmee den Riss durch Berlin markierten. 1989 dagegen wurde dank des Fortschritts der Fernsehtechnik ein ganzes Volk Zeuge des Aufbegehrens.Honeckers Weisheit "Den Sozialismus in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf" wurde durch jede "heute"-Sendung und jede "Tagesschau" widerlegt. Krenz und sein Politbüro hätte tatsächlich viel eher das West-Fernsehen einschalten sollen, wie Egons Frau oder der Volkspolizist, der mich bei einem Dreh vor der Französischen Botschaft in Ost-Berlin zu sich winkte, nicht etwa um meinen Korrespondentenausweis zu kontrollieren, sondern um zu fragen: "Wann läuft denn das?", und um mir dann zu versichern: "Ich sehe abends auch immer ZDF." Freie unzensierte Informationen sind eine gute Medizin gegen politischen Irrtum.------------------------------Ernst Elitz war von 1975 bis 1984 Berlin-Korrespondent des ZDF und Mo-derator der Sendung "Kennzeichen D". Von 1994 bis 2009 war er Gründungsintendant des Deutschlandradios.------------------------------"Wann läuft denn das? Ich sehe abends auch immer ZDF." Ein VolkspolizistFoto: Fernsehimporte: Auch in der DDR schalteten die Zuschauer Rudi Carrells "Am laufenden Band" ein.Foto: Und natürlich "Dalli Dalli" mit Hans Rosenthal.Foto: Alternative zum "Schwarzen Kanal": die "Tagesschau"