Stéphan Courtois hat mit seiner umstrittenen These, die marxistische Ideologie habe weltweit nahezu 100 Millionen Menschenleben auf dem Gewissen, in Frankreich die vierte Runde einer Auseinandersetzung eröffnet, die leidenschaftliche Intellektuelle im Mutterland der gewaltsamen Revolution seit Generationen umtreibt. Vor allem in Osteuropa können die verheerenden Folgen der sowjetischen Imperialepoche kaum analysiert werden, ohne Fragen nach Kausalzusammenhängen und Parallelentwicklungen mit dem Nationalsozialismus nachzugehen.In der Bundesrepublik hingegen wurden solche Fragestellungen als politisch inkorrekt verworfen, seit im Jahre 1986 der "Historikerstreit" die Verbrechen des Kommunismus als nachrangiges Jahrhundertphänomen entsorgte. Es diene in unserem Lande nur der Verharmlosung nationalsozialistischer Verbrechen, wenn nach den Untaten des Kommunismus gefragt werde, meinten linksliberale westdeutsche Historiker ­ als sei der sowjetische Archipel Gulag eine Maßnahme zur Verharmlosung der rassistischen Mordmaschinerie Nazi-Deutschlands gewesen und als unterlägen kommunistische Massenexekutionen anderen Kriterien als nazistische.In Ost-Berlin registrierten die damals zuständigen marxistisch-leninistischen Geschichtsauguren erfreut die westdeutsche Flurbereinigung. Der Wandel versprach Annäherung in einer wesentlichen Frage. Es schälte sich zwischen ostdeutscher "Geschichtspolitik" und dem linken Flügel der westdeutschen Zeitgeschichtsschreibung ein Negations-Konsens heraus. Die Streitkulturvereinbarung von SED und SPD besiegelte 1987 die Absage an den Totalitarismusansatz, der quer lag zu den innerdeutschen Gedankenströmen der "historischen Vernunft".Westdeutschland litt zu Gründerzeiten, was die Verbrechen des Nationalsozialismus betraf, an Erinnerungsschwäche. Die Furcht vor dem Kommunismus hingegen war allgegenwärtig. Am Ende der Bundesrepublik war es umgekehrt. Personen des Zeitgeschehens, die einmal von einiger Bedeutung waren, verschwanden im Lauf der Zeit aus dem allgemeinen Gedächtnis. Manche, wie beispielsweise Ruth Fischer (1895-1961), hat man in Ost und West gleichermaßen gern vergessen. Die linksradikale Professorentochter hatte es in den goldenen Zwanzigern zeitweise zur "Ersten Frau" des deutschen Kommunismus gebracht. In den beiden deutschen Nachkriegsstaaten fiel ihre ungewöhnliche Biographie durch den Erinnerungsrost der Geschichtskulturen. In der DDR rangierte sie als Fußnote zu den Lebensläufen ihrer bekannten Verwandten, in Westdeutschland war sie weder als Feind noch Freund von traditionsbegründendem Gebrauchswert. Ein exemplarisches VerdrängungsopferDie in der DDR unvergessenen Verwandten waren ihr kleiner Bruder Gerhart Eisler (1897-1968), ein junger Wilder der Kommunistischen Internationale (Komintern), der sich in alten Tagen als Vorsitzender des Staatlichen Rundfunkkomitees in der DDR zur Ruhe setzte und eine Sammlung markiger Reden und Schriften, "Auf der Hauptstraße der Weltgeschichte", hinterließ. Angenehmer als dieses Agitatorengedröhn klingt, was Fischers jüngerer Bruder Hanns Eisler (1898-1962) zuwege brachte ­ neben der DDR-Hymne schmissige Gassenhauer wie das "Einheitsfrontlied" oder das "Solidaritätslied" sowie über 40 Bühnenmusiken im Dienste Brechts, der vor Heiner Müller als wichtigster Theaterautor der DDR galt. Ruth Fischer war freilich ihren beiden Brüdern auf der Hauptstraße der Weltgeschichte schon früh weit vorausgeeilt. Während Hanns und Gerhart noch im Ersten Weltkrieg für die Habsburger Krone fochten, konspirierte Schwester Ruth als linke Wiener Studentin bereits mit Lenins Abgesandten über den Sturz der Donaumonarchie. Diese avantgardistischen Verdienste brachten ihr bei Gründung der Kommunistischen Partei Österreichs am 4. November 1918 die Mitgliedsnummer 1 ein.Da es aber in Wien, selbst wenn die Lage hoffnungslos erscheint, selten ernst wird, kam die Revolution dort nicht voran. Das trieb die junge Frau nach Deutschland, wo im Unterschied zu Österreich die Lageeinschätzung meist umgekehrt ausfällt. Trotz ernstester Lage verfolgte hier die radikale Linke hoffnungsfroh ihr Vorhaben einer revolutionären Zerschlagung der Weimarer Republik. An der Spitze der Linksextremisten stand bald Ruth Fischer: 1921 Vorsitzende der mächtigen Berliner KPD-Parteiorganisation, 1924-1926 Mitglied des Komintern-Präsidiums und seit der Verhaftung ihres Mitstreiters Arkadji Maslow war sie KPD-Chefin und damit die erste Frau, die eine Reichstagspartei führte. Reichstagsabgeordnete der KPD wurde sie 1924 unter dem Namen Elfriede Golke. Um ihre Abschiebung als unerwünschte Ausländerin zu vermeiden, war die Perle des deutschen Kommunismus kurz zuvor Parteischatzmeister Artur Golke anvertraut worden. Tisch, Bett, Leidenschaft und Liebe teilte Ruth Fischer mit dem Kassenwart allerdings nicht.Wegen ihres emanzipierten Lebensstiles war sie dogmatischen Anstands-Wauwaus wie der zum rechten Parteiflügel zählenden Clara Zetkin von Anfang an ein Dorn im Auge. Zetkin argwöhnte, die junge Kontrahentin aus der linken Fraktion mache "politische Haltung von den wechselnden sexuellen Beziehungen abhängig". Im Zuge der Stalinisierung wurde Ruth Fischer 1926 aus der KPD ausgeschlossen.Die Kommunistin aus jüdischem Hause floh 1933 nach Paris und 1940 in die USA. Dort begann Fischer, die in ihrer aktiven Zeit als KPD-Funktionärin mit Lenin, Radek, Trotzki, Sinowjew und Bucharin konferiert und Stalin im persönlichen Streitgespräch die Stirn geboten hatte, mit der Arbeit an ihrem Buch über die Unterwerfung der KPD unter den Sowjetkommunismus. In Deutschland erschienen ihre 831 unerbittlichen Seiten im Orwell-Jahr 1948 unter dem Titel "Stalin und der deutsche Kommunismus ­ der Übergang zur Konterrevolution".Drei Jahre vor Hannah Arendts "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" schrieb Ruth Fischer: "Ich habe den deutschen Nationalsozialismus immer als Spezialfall einer allgemeinen Tendenz zur totalitären Gesellschaft gesehen, zu einer Gesellschaft, deren totale Organisation konspirativ von einer terroristischen Minderheit durchgeführt wird und deren Expansionsstreben nach totaler zentralistischer Weltorganisation desto stärker hervortritt, je vollständiger ihr dies im nationalen Rahmen gelingt. Intern habe ich die Umwandlung der bolschewistischen Partei in eine solche terroristische Herrschaftsorganisation miterlebt, habe eine ganze Generation russischer Revolutionäre im Kampf gegen diese Entwicklung zerbrechen sehen."Solche Sätze wurden nicht verfaßt, um den Nationalsozialismus zu verharmlosen. Kaum anzunehmen, daß Emigranten wie Ruth Fischer, Hannah Arendt, Max Horkheimer oder Karl August Wittvogel, die mit dem Fluch der frühen Geburt geschlagen waren, solches im Schilde führten, als sie mit beiden Augen in die Mördergruben ihrer Zeit blickten. Vor den Maßstäben der Selbstreflexion von Angehörigen dieser Generation wird erst deutlich, wie weit selbst verantwortliche westdeutsche und parteibeauftragte ostdeutsche Historiker ihr Geschichtsbilderrücken in den achtziger Jahren getrieben haben, um ihren Teil zur "Sicherheitspartnerschaft" beizutragen und eine vergangenheitsgesättigte "Koalition der Vernunft" auf dem doppelten Boden der deutschen Tatsachen zu bilden. Doch zurück in die späten vierziger Jahre. Neben Ruth Fischers Biographie und Hannah Arendts Theorie erschien der Leidensbericht einer weiteren starken Frau. Margarete Buber-Neumann schildert darin ihr Überleben in den Lagern beider Terrorregimes. Sie war zu Zeiten des Hitler-Stalin-Paktes aus sowjetischer in deutsche Lagerhaft überstellt worden. Ihren Mann, Heinz Neumann, vor 1933 ein glühender Stalinist, 1932 Chefredakteur der "Roten Fahne" und Mitglied des ZK der KPD hatten Stalins Killer bereits ermordet. Das Personenregister der 1966 veröffentlichten achtbändigen "Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung", die unter Federführung Walter Ulbrichts entstand, führte Neumann unter den Lebenden, es wies für ihn kein Sterbedatum aus. Ulbricht allerdings wußte um Neumanns Schicksal.Erich Honecker sorgte nach seiner Machtübernahme 1971 dafür, daß Ulbrichts historischer Wurf, die achtbändige Bewegungs-Geschichte ebenso wie ihr Inspirator aus dem Verkehr gezogen wurden. Ersatzweise erschien 1978 eine unter des Nachfolgers Leitung verfaßte "Geschichte der SED ­ Abriß". Das einbändige Honekkersche Abrißunternehmen bestach durch seinen Mut zur Lücke. Abweichler wie Neumann wurden nicht erwähnt, Personenregister und Dokumentenanhang eingespart; es gab nicht einmal Bildmaterial.Im praktischen SED-Leben trat jedoch bald zutage, daß die Abrißgeschichte dem Wissensdurst der durch Ulbrichts Opulenz verwöhnten sozialistischen Menschen nicht genügte. Das Politbüro beschloß deswegen 1980 das Stückwerk durch eine vierbändige Parteigeschichte zu ersetzen. Den Auftrag erhielt das Institut für MarxismusLeninismus beim ZK der SED.In das Chefautorenkollektiv wurden mit Günter Benser, Ernst Diehl, Annelies Laschitza und Walter Wimmer vier schon am Ulbricht-Epos beteiligte Geschichtenerzähler berufen. 1988 erschien der erste Band, in dem es um die sagenumwobene Frühgeschichte der SED im 19. Jahrhundert geht. Die Arbeit am zweiten Band zog sich länger hin. Das aufsichtführende Politbüromitglied Kurt Hager wollte die KPD-Politik aus der Zeit vor dem Faschismus neu interpretiert sehen, um dem Anti-Gorbatschow-Kurs der SED sein historisches Fundament zu verschaffen. Damit die SED als authentische Vertreterin der deutschen Arbeiterbewegung erscheinen konnte, wurde in die Parteigeschichte nun hineingeschrieben, was früher als antisowjetische Verleumdungen galt: Die deutschen Kommunisten seien infolge sowjetischer Steuerung zu ihren schwersten Irrtümern getrieben worden; das Manuskript liest sich, als sei es aus Ruth Fischers Abrechnung mit Stalin abgekupfert. Auf sowjetisches Geheiß, so sollte es heißen, seien alle Bemühungen der KPD, eine Einheitsfront mit der SPD gegen Hitler zu bilden, unterbunden worden. Um dieses Bild noch weicher zu zeichnen, verlangte Hager, "statt von der ,prinzipiellen Ablehnung der Weimarer Republik zu sprechen, sollte gesagt werden, daß die Kommunisten diese Weimaer Republik als einen bürgerlichen Staat einschätzten."Ein Unterkapitel sollte "die Auswirkungen des Machtmißbrauchs in der Sowjetunion auf die KPD" schildern. Dort wäre zu lesen gewesen: "Alle, die früher einmal oppositionellen Gruppierungen in der kommunistischen Bewegung angehört hatten, ob sie mit dieser Vergangenheit gebrochen hatten oder nicht, wurden als Feinde des Sozialismus und der Sowjetunion abgestempelt. Dieser Vorwurf diente zur Begründung härtester Strafen. Machtmißbrauch und Mißachtung der sowjetischen Gesetzlichkeit durch staatliche Organe und vor allem die von Stalin, Jeshow und Berija eingesetzte ,Außerordentliche Kommission wurden zu einer verbrecherischen Praxis, die sich in Massenrepressalien, im spurlosen Verschwindenlassen von Bürgern, in Erschießungen, in der Einweisung in Straflager, in Verbannung äußerten."Die Treue der deutschen Kommunisten zu Stalin sollte als Irreführung der Betörten dargestellt werden. Sie wußten nichts und konnten sich kein Bild von der Sowjetunion machen. Wie schlimm es dort zuging, hätte die neue SED-Geschichte nicht länger verschwiegen: "Auch gegen deutsche Kommunisten wurden Todesurteile ausgesprochen und vollstreckt; Angehörige, Frauen und selbst Kinder, waren Repressalien ausgesetzt. Anfang 1940 schoben sowjetische Organe deutsche und ehemalige österreichische Staatsbürger nach Deutschland ab", so daß sie "in die Hände der Gestapo gerieten".Als "auf tragische Weise ums Leben Gekommene" zählt das Manuskript die Mitbegründer der KPD Willi Budich, Hugo Eberlein und Werner Hirsch, die KPD-Führer Hermann Remmele, Heinz Neumann, Leo Flieg sowie Ruth Fischers Scheingatten Artur Golke. Über das Schicksal anderer KPD-Funktionäre wäre zu erfahren gewesen, daß "hingerichtet wurden oder in der Haft verstarben" die früheren ZK-Mitglieder der KPD Hermann Schubert, Fritz Schulte, Hans Kippenberger (Chef des KPD-Militärapparats) sowie Willy Leow (2. Vorsitzender des Roten Frontkämpferbundes). "Zu den umgekommenen deutschen Kommunisten", so das Manuskript, "zählten Abteilungsleiter des Zentralkomitees und Redakteure wie August Creutzburg, Heinrich Meyer, Hans Knodt, Kurt Sauerland und Heinrich Süßkind, verdienstvolle Parteiarbeiter wie Erich Birkenheuer, Hans Günther, Erich Kunik, Johannes Skellerup und Karl Schmückle sowie erfahrene Funktionäre der Massenorganisationen wie Walter Dittbender, Felix Halle, Willi Koska, Johannes Ludwig und Erich Steffen."Die SED hätte sich selbst lobend bescheinigt, daß Überlebende der stalinistischen Verfolgungsexzesse in der DDR rasch integriert und 1958 ordentlich rehabilitiert wurden: "Die Ehre der unschuldig in Prozesse verwickelten und von Repressalien betroffenen Mitglieder der KPD wurde selbstverständlich wiederhergestellt."Die Ehre Walter Ulbrichts mochte Honecker auch 1989 nicht wiederherstellen lassen. Eigenhändig strich er aus dem Manuskript eine Passage, in der seinem Vorgänger testiert wurde, daß auch er Verdächtigungen ausgesetzt war, als Stalin seinen Geheimdienst in der Komintern nach Spionen suchen ließ. Statt dessen sollte unter Bezugnahme auf ein Schreiben Wilhelm Piecks die verantwortungsvolle und mutige Rolle der deutschen Exilfunktionäre mit dem Satz gewürdigt werden: "Auch die Führung der KPD, deren in der Sowjetunion wirkende Mitglieder jederzeit selbst mit Repressalien zu rechnen hatten, versuchte wiederholt, überzeugt, daß Unschuldige in Haft genommen wurden, helfend einzugreifen." Am 25. Mai 1989 erteilte Erich Honecker die Druckerlaubnis.Wäre die Realgeschichte der SED nicht abgebrochen worden, hätte der zweite Band der SED-Geschichte in Ost und West für einiges Aufsehen gesorgt und manchen vorauseilend vollzogenen Historikerkompromiß kompromittiert. Nicht zuletzt für die Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand, über deren Geschichtsauslegung kürzlich auch in dieser Zeitung gestritten wurde, wäre eine peinliche Situation entstanden. Das in der Stauffenbergstraße konservierte Geschichtsbild bleibt, was das Exilland Sowjetunion betrifft, weit hinter dem letzten, halbwegs offenen Wort der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft zurück.Zur gleichen Zeit, als man in Ost-Berlin die Verfolgung und Ermordung deutscher Emigranten durch Stalins Geheimdienst mit Erlaubnis Erich Honeckers in das Geschichtsbuch des SED-Kommunismus schrieb, präsentierte jenseits der Mauer die westdeutsche Stauffenberg-Gedenkstätte ihr den Zeitumständen angepaßtes neues Geschichtsbild. An zentraler Stelle wurden in der neugestalteten Widerstands-Ausstellung die zurückgekehrten Moskauer Exilanten Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck und Herbert Wehner in Wort und Bild gewürdigt. Keine der zahlreichen Ausstellungstafeln erinnerte hingegen an die in der Sowjetunion ermordeten und verschollenen Hitlergegner. Besucher können bis heute diesen Skandal betrachten, und, sofern sie nicht nur gedenken, sondern auch nachdenken möchten, aus dem zur Schau gestellten Geschichtsbild auf doppelte Weise schlau werden. Zu erfahren ist in ein und derselben Ausstellung die Rücksicht auf eine Zeit, als westdeutsche Rücksichten vorauseilend im wahrsten Wortsinn hinter Sein und Zeit zurückgefallen waren.Linksintellektuelles Sonderbewußtsein Ob Kommunismus und Nationalsozialismus durch ihre immanenten ideologischen Gegensätzlichkeiten und von außen definitorisch gezogene Mauern eindeutig separierbare Phänomene sind, ob die "killing fields" im deutschen Geschichtsbewußtsein durch gutgemeinte historiographische Eingrenzungen von anderen singulären Ablagerungen der Massen und von der Völkermordbereitschaft in diesem Jahrhundert geschieden bleiben, erscheint ebenso zweifelhaft, wie es zunehmend fragwürdig wird, daß sich die hiesige Linksintelligenz auf ihrem Sonderbewußtsein ausruht, während sich Intellektuelle in den Nebenzimmern des europäischen Hauses mit dem Weltgewissen herumschlagen.Eine offene deutsche Frage rückt die unabgeschlossene SED-Geschichte in neues Licht. Am 21. Februar 1989 ließ Erich Honecker jedem Politbüromitglied eine in braunes Rindsleder aufwendig eingebundene Dokumentensammlung mit der Maßgabe überreichen, "das Material bis zum 10. März 1989 an das Büro des Politbüros zurückzugeben und zu vernichten". Die Mappen enthielten eine von Honecker persönlich zusammengestellte Auswahl von Aktenstücken, sämtlich Belege dafür, wie er und seine Gefolgsleute 1970/71 erfolgreich ihr Intrigennetz gegen Walter Ulbricht gesponnen hatten. Bislang wurde verschiedentlich vermutet, die rindsledergebundenen Verschwörungsbelege seien all jenen zur Warnung gereicht worden, die den Dolch schon im Gewande trugen und auf ihre Chance warteten, um dem Generalsekretär das Fell über die Ohren zu ziehen. Doch wie es jetzt aussieht, hatte Honecker nicht voreilige Nachfolgekandidaten im Sinn, sondern den vierten Band der neuen SED-Geschichte. Diese heroische Bilanz des ostdeutschen Kommunismus blieb indes seine Unvollendete.Der Autor ist Wissenschaftlicher Assistent beim Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin.