BERLIN, 8. Mai. Günter Hoge, den alle nur Jimmy rufen, ist ein glücklicher Mann. Der 60-Jährige kann es noch immer nicht fassen: "Mein Union im Europapokal. Det is een Ding!", berlinert der ehemalige Außenstürmer und Dribbelkünstler der Unioner. "Davon habe ich immer geträumt", sagt Hoge, "auch wenn ich jetzt nur als Zuschauer dabei sein kann."Weil der FC Schalke 04, Gegner der Unioner im DFB-Pokalfinale am 26. Mai in Berlin, bereits die Qualifikation für die Champions League sicher hat, kann Union ab August im Uefa-Pokal starten - egal, wie das deutsche Cupfinale ausgeht.Erst Bor, dann Dynamo MoskauHoge gehört zu den so genannten 68-ern, die in der Klubgeschichte des populären Vereins aus Köpenick einen ganz besonderen Ehrenplatz einnehmen. Präsident Heiner Bertram sagt: "Ginge es nach unseren Anhängern, könnten die 68-er immer auflaufen." Der Grund dafür ist einleuchtend: 1968 gewannen Hoge und seine Kameraden, etwa Torwart Rainer Ignaczak, Libero Wolfgang Wruck oder Torjäger Ralf Quest, den FDGB-Pokal, den Cup des DDR-Fußballs. Im Finale wurde seinerzeit DDR-Meister FC Carl Zeiss Jena im Hallenser Kurt-Wabbel-Stadion sensationell mit 2:1 bezwungen. "Das war ein unglaubliches Gefühl", sagt Hoge, "wir kleinen Unioner hatten das große und reiche Jena besiegt. Und wir standen im Europacup."Im Moment des Pokalsieges ahnten Hoge und seine Mitspieler noch nicht, dass ihr Auftritt im Europokal der Pokalsieger nicht stattfinden würde. Bei der Auslosung durch die Europäische Fußball-Union (Uefa) befand sich Union noch im großen Lostopf und bekam den ziemlich unbekannten FK Bor aus Jugoslawien zugelost. "Die können wir packen, dachten wir damals", erinnert sich Jimmy Hoge, "dann träumten wir alle schon von einem großen Gegner in der zweiten Runde. Vom FC Barcelona oder dem AC Turin."Am Ende wurde es ein Kurzurlaub in Sotschi. Und das kam so: Im Sommer 1968 hatte sich der Ost-West-Konflikt ungemein verschärft. Militär der Warschauer Vertragsstaaten, vor allem Truppen der Sowjetarmee, waren in die damalige CSSR einmarschiert, um den so genannten "Prager Frühling", der den Sozialismus reformieren wollte, niederzuschlagen. Die westlichen Staaten protestierten und wollten selbst im Fußball-Europacup nicht gegen Vereine aus dem sozialistischen Lager antreten. Eine Neuauslosung seitens der Uefa wurde notwendig, um den Wettbewerb nicht platzen zu lassen. Der Kompromiss: Zuerst sollten die qualifizierten Vereine aus dem Osten und die aus dem Westen in getrennten Gruppen spielen und später das Finale gegeneinander bestreiten. In der zweiten Auslosung hieß der neue Union-Kontrahent Dynamo Moskau. Günter Mielis, damals stellvertretender Klubchef der Berliner: "Die Eintrittskarten für das Spiel gegen Moskau waren bereits gedruckt, da kam die Absage seitens der Sportverbände der sozialistischen Länder. Die hatten die neue Gruppeneinteilung als politische Diskriminierung gewertet und zogen ihre Vereine aus der Konkurrenz zurück. Wir waren alle arg betroffen." Angreifer Hoge erinnert sich: "Wir Spieler haben geheult wie die Schlosshunde. Die einmalige Chance, im Europapokal zu spielen, war futsch. Das war unheimlich bitter. Das war schlimm für uns alle."Frustabbau am Schwarzen MeerDie Union-Mannschaft flog als Ersatz für den entgangenen Auftritt auf der europäischen Bühne für zwei Wochen in die Sowjetunion. Man spielte in Vilnius und in Moskau und hielt sich zuletzt am Schwarzen Meer im schönen Kurort Sotschi auf. Der damalige Vorsitzende des Freien Deutschen Gewerkschafts-Bundes (FDGB), Herbert Warnke, war ein glühender Anhänger des 1. FC Union und hatte über die sowjetische Gewerkschaft die Reise vermittelt. Günter Mielis: "Wir brauchten damals nichts zu bezahlen. Man las uns wirklich jeden Wunsch von den Lippen ab."Doch Sotschi blieb nur ein Ersatz, zwar ein angenehmer, aber ungeliebter. Ein schöner Ort, um Frust abzubauen. Die Unioner von 1968, an der Alten Försterei gefeiert und bis heute verehrt, benötigten lange, um den Schock des Startverbots im Europacup zu überwinden. "Das schleppten wir lange mit uns herum, so wie Blei an den Füßen", sagt Jimmy Hoge, der Dribbler.MICHAEL SCHMIDT 1968: Die Unioner Prüfke (l. ) und Quest stemmen den FDGB-Pokal.