BERLIN. Michael Pinske steht am Rand der Matte im Olympiastützpunkt in Berlin Hohenschönhausen und ruft auf das Knäuel zweier Köper ein, das sich vor ihm wälzt. Judo-Bundesliga, erster Kampftag der neuen Saison. Es kämpft der SC Berlin gegen den SV Georg Knorr aus Marzahn, 130 Kilo gegen 95. Wenn die Körper auf die Matte schlagen, kracht es dumpf in der Halle. Für Michael Pinske ist es ganz banal der Kampf Mann gegen Mann, der ihn fasziniert; keine Philosophie, keine japanische Kulturgeschichte. Der Sieg über den Gegner ist das, was kickt, möglichst schnell und klar. Der Athlet vom SC Berlin ist in seiner Gewichtsklasse der beste Judoka in Deutschland, weltweit unter den besten zehn und qualifiziert für Olympia in Peking. Er ist 22 Jahre alt, 1,85 Metern groß, 90 Kilo schwer; mit seinem blonden Haar, dem kantigen Kiefer und den breiten Schultern der Prototyp eines Kampfsportlers.Manchmal stößt ein Kämpfer auf der Matte vor ihm zischend Luft aus beim Aufprall. Pinskes Augen verfolgen jeden Griff, jeden Wurf, Gesichtsausdrücke, Zeichen von Schwäche. Selbst kämpft er heute nicht, darf er nicht mehr so kurz vor den Spielen. Sein Körper soll nicht mehr unnötig auf die Matte geschmettert werden, er muss jetzt gesund bleiben. Im Kopf aber kämpft er jeden Kampf mit. "Ab einem gewissen Niveau werden Kraft- und Ausdauerunterschiede immer geringer, dann kommt es auf Cleverness und Taktik an." Auch ohne ihn gewinnt der SC am Ende 9:2.Wenn Pinske auf der Matte steht, sagt er, sei er oft im Rausch. Dann fühle er, welche Bewegung, welchen Griff er als nächstes machen muss. Sein Stil ist schnell, eher wirft er, als dass er hält, er greift an, statt sich zu verteidigen, er gönnt sich wenige Pausen. Fünf Minuten dauert ein Kampf. Pinske sagt: "So lange durchzuhalten, ist schwieriger, als sich die meisten vorstellen können."Mit neun Jahren fing er an, Judo zu machen. Es war nicht sein erster Sport, aber nach Handball und Leichtathletik der erste, der ihn fesselte. "Wir waren ein riesiges Knäuel Kinder, das ständig miteinander gerauft hat", sagt er, "das hat Spaß gemacht." Nach der Grundschule kam er auf das Werner-Seelenbinder-Sportgymnasium, die Trainingseinheiten nahmen zu, die kindlichen Raufereien wurden professioneller. In seiner Familie war Leistungssport nicht fremd. Der Vater war Radfahrer, die Mutter, mit Mädchennamen Andrea Pollack, in der DDR eine Schwimmikone und mehrfache Olympiasiegerin. "Sie haben mich immer unterstützt", sagt Pinske, "aber wir reden zu Hause nicht viel über Sport." Vielleicht, weil die Mutter mit ihrer Vergangenheit als Athletin gemischte Gefühle verbindet - und ihr Sohn mit dieser Vergangenheit nicht in Zusammenhang gebracht werden möchte: Durch die ehrgeizige Talentproduktion der DDR blieb kaum ein Zögling vom systematischen Doping verschont, auch Andrea Pollack nicht. Pinske sagt, er habe mit seiner Mutter über dieses Thema noch nie gesprochen. Und er sagt, er möchte seinen Körper nur auf legale Weise trimmen.Mindestens sechs Stunden trainiert Michael Pinske nun am Tag, manchmal 400 Mal den gleichen Wurf hintereinander. Technik, Kondition, Krafttraining, Physiotherapie, Stilausbildung und natürlich Randori, das Kämpfen miteinander, sind die Einheiten seines Alltags.Mit 16 wurde er Zweiter bei den Deutschen Meisterschaften, ein Jahr später Deutscher Meister (U 20). 2005 gehörte er bereits zu den fünf besten in Europa. Voriges Jahr kämpfte er das erste Mal bei einer Weltmeisterschaft. Dort verpasste Pinske die direkte Qualifikation für Olympia und absolvierte anschließend einen Wettkampfmarathon von sechs Weltcups, um doch nach Peking fahren zu dürfen - als einer von acht deutschen Judokas.Das alberne Verlangen"Mein Sport hat mich gelehrt, durchzuhalten und nach Niederlagen wieder aufzustehen. Judo ist für mich die größte Lebensschule", sagt er. Ein Mittel, um Zeichen zu setzen, ist es für ihn nicht. Sportler seien im Geschäft von Olympia die kleinsten Rädchen. Alle anderen Beteiligten - Politiker, Funktionäre, Sponsoren - hätten mehr zu sagen. "Da ist es albern, ausgerechnet von uns den Boykott zu verlangen." Wenn er im Sommer in Peking auf der Matte steht, dann heißt es für Michael Pinske Mann gegen Mann. Nicht mehr und nicht weniger.------------------------------"Wir reden zu Hause nicht viel über Sport." Judoka Michael Pinske------------------------------Foto: Wie im Rausch: Michael Pinske (l.) sagt, auf der Matte fühle er, welche Bewegung er als nächstes machen muss.