Als der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit bei einem Spaziergang durch Steglitz Anfang August einen Zwischenstopp am Bierpinsel einlegte, warteten am Turm zwei Sprayer auf ihn. Sie hatten den Sockel mit einem pinkfarbenen Bären besprüht. Legal versteht sich. Und Wowereit sollte nun den letzten Farbklecks auf den Beton sprühen. Hinter ihm her wuselte eine Entourage aus Bezirkspolitikern, Unternehmern und Pressefotografen, an seiner Seite stand die Geschäftsführerin des Bierpinsels, Larissa Laternser, die ihm strahlend die Sprühdose entgegenstreckte. Doch Wowereit schüttelte hastig den Kopf. Nein, das gehe gar nicht, der Regierende Bürgermeister könne nichts ansprühen, schon gar nicht den Bierpinsel, dieses Berliner Wahrzeichen. Also gab es nur Fotos mit den Sprühdosen-Künstlern. Dann zog Wowereit weiter.Larissa Laternser, 28, ist gerade so etwas wie der Querkopf der Schlossstraße. Ganz einfach hatten es sie und ihre Mutter Tita, die den Bierpinsel vor vier Jahren übernommen haben, von Anfang an nicht. Immer wieder verzögerten sich die Sanierungsarbeiten. Als Laternser den Bierpinsel im Frühjahr von Street-Art-Künstlern bemalen ließ, stieß sie prompt auf Widerstand bei den Architekten. Und nun hat sie auch noch Betreiber für die Gastronomie im Turm gefunden, die nicht etwa eine Sportsbar in Bierpinseltradition planen, sondern ein schickes Großstadtrestaurant, komplett mit Lounge. Glamour statt Buletten. Umbenannt hat Laternser den Bierpinsel auch: "Schlossturm" heißt der jetzt.Seit einigen Wochen hat der Rückbau der Inneneinrichtung begonnen. Thorsten Bruchertseifer, der zusammen mit Dirk Richter die Gastronomie betreiben will, läuft mit breiten Schritten durch die dritte Etage, ein feiner Staubfilm liegt über den Panoramafenstern. "Wir reißen hier alles raus", brüllt Bruchertseifer um die kreischenden Bohrmaschinen der Handwerker zu übertönen. Mit ausladenden Armbewegungen zeigt er, wo früher Steaks brutzelten und nun bald die Bar stehen soll. Gehobene, aber nicht zu schwierige Küche, hochpreisig, aber nicht zu teuer - so stellt sich Bruchertseifer den neuen Bierpinsel vor. 1 200 Quadratmeter, in der dritten Etage die Bar, in der zweiten das Restaurant, die erste kann vermietet werden für Veranstaltungen. Eröffnet werden soll voraussichtlich Mitte nächsten Jahres. "Wir waren von Anfang an fasziniert von dem Gebäude", sagt Bruchertseifer, "der Bierpinsel ist eine Institution, jeder kennt ihn."Doch genau da liegt die Krux: Berliner kennen den Bierpinsel als bodenständige Gaststätte, in der die Familie nach dem Sonntagsspaziergang zu Kaffee mit Schlagsahne einkehrt, wo es zünftiges Steak zum Bier gibt. Und jetzt kommt also Bruchertseifer und will das "Bierpinselprinzip", wie er das Konzept "Steakhaus trifft auf Stammkneipe" nennt, endgültig in die Vergangenheit befördern. Seit drei Jahren lebt er selbst in Steglitz, nach Berlin kam er 1997, eine Ausbildung zum Hotelier in der Tasche, mehr nicht. Bruchertseifer mag Herausforderungen. Er war bei der Eröffnung des Käfer im Reichstag dabei, arbeitete für das Borchardt am Gendarmenmarkt, eröffnete die O2 World, arbeitete für das Four Seasons und derzeit unter anderem für die Bar Tausend am Schiffbauerdamm.Der Westen ist noch immer Brachland, wurde immer wieder totgesagt, alle schauen auf den Osten, so scheint es, wenn es um prestigeträchtige Gastronomieprojekte geht. Es gibt zwar das Puro im 20. Stock des Europa-Centers am Tauentzien oder die Universal Lounge am Lehniner Platz. Die Schlossstraße aber ist nach wie vor Szene-Ödland. Bruchertseifer weiß das. Er spekuliert auf die, die abends sonst vom Westen in den Osten fahren würden, rechnet fest mit Dahlem, Wilmersdorf und Zehlendorf, die reichsten Bezirke Berlins immerhin. Im Bierpinsel sollen die Gäste am Besten den ganzen Abend verbringen, erst dinieren, dann ein Live-Konzert anschauen, dann bis spät in der Bar sitzen, wo DJs auflegen sollen. Aber auch die alteingesessenen Steglitzer will Bruchertseifer nicht vor den Kopf stoßen, will tagsüber unter der Woche einen Mittagstisch anbieten. "Wir wollen auch die erreichen, die einfach mal wieder in den Bierpinsel wollen", sagt er. Und bis sie eröffnen, werden die Graffiti schon wieder verschwunden sein, überstrichen und abgewaschen. Zumindest äußerlich bleibt dann alles beim Alten.------------------------------Bodenständiges hoch obenDie Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte bauten den Bierpinsel von 1972 bis 1976. Als erstes eröffnete dort das Turmrestaurant Steglitz. Es gab ein Turmcafé, Bier- und Weingewölbe und ein Barbecue-Restaurant. Das bodenständige gastronomischen Angebot verschaffte dem Turm seinen Namen,Kein Betreiber konnte sich in den vergangenen Jahren lange im Bierpinsel halten. Seit 2002 war er deswegen bis auf ein paar wenige Unterbrechungen geschlossen. Bevor die Laternsers den Turm übernahmen, war dort eine Sportsbar und die Discothek "Hep's Bar."Der Rückbau soll jetzt bis Ende des Jahres abgeschlossen sein, die Neueröffnung ist für den Sommer 2011 geplant, wer das Innendesign übernehmen wird, ist noch nicht klar. Im Gespräch ist aber unter anderem das Berliner Designbüro Robertneun, das schon die Bar Tausend und den Club Week-End am Alexanderplatz gestaltet hat.------------------------------Foto: Will neue Gastronomie im Bierpinsel etablieren: Thorsten Bruchertseifer, hier auf der Baustelle. Im Hintergrund ist der Steglitzer Kreisel zu sehen.Foto: Bunt bemalt: So sieht der Bierpinsel derzeit aus.